Die Reiter der Apokalypse
Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

von Georg Schmidt

€ 32,90
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 810 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.06.2018


Rezension aus FALTER 11/2018

Ein Religionskrieg von monströser Gestalt

Geschichte: Vor 300 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Drei Bücher untersuchen seine Ursachen und Nachwirkungen

Wie lange dauerte der Dreißigjährige Krieg? Noch immer gebrauchen Schüler die Frage als Intelligenztest. Dabei ist die Frage überhaupt nicht blöd, beschäftigt sich doch die Geschichtswissenschaft nach wie vor mit dem Problem, ob es sinnvoll ist, die Geschichte eines der längsten, sinnlosesten und blutigsten Kriege mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 beginnen und ihn mit dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück enden zu lassen. Denn der spanisch-französische Krieg wurde 1648 nicht beendet, für den mittelost- und nordeuropäischen Raum bedeutete das Jahr sogar den Beginn einer außerordentlich kriegerischen Ära.

Krieg ohne Struktur
Historiker diskutieren in Gesamtdarstellungen den Dreißigjährigen Krieg gerne unter dem modischen Terminus „Kontingenz“, weil die vielfachen militärischen Auseinandersetzungen von erheblicher Heterogenität waren. Sie erschienen ohne evidenten Zusammenhang, und doch waren die unterschiedlichen Konflikte irgendwie verknüpft. Entstehung, Verlauf, Ausbreitung und Ende haben wahrlich nicht die Kompaktheit, die mit dem Ausdruck „Dreißigjähriger Krieg“ suggeriert wird. Zwischendurch gab es Phasen des Friedens. Dieser so ganz und gar formlose Krieg hätte weder wegen der böhmischen Krise ausbrechen noch 30 Jahren später enden müssen.
Es waren einzelne, isolierte Kampfhandlungen, die ihn bestimmten, nur wenige Regionen wurden von ihm dauerhaft betroffen, die meisten nur vorübergehend, aber dann gründlich, einige überhaupt nicht. Der Dreißigjährige Krieg hatte keine Struktur; der zeitliche Verlauf, die Vielfalt der Schauplätze, die Fülle der Akteure, die Länge der schwelenden Konflikte, die Unterschiedlichkeit der Motivlagen, die amorphen Ursachen und unbeabsichtigten Folgen entziehen sich wegen ihrer Widersprüchlichkeit einer großen Erzählung.
Das macht auch in den neuesten Gesamtschauen den Krieg so schwer überschaubar und im Leseerlebnis oft unbekömmlich. Die aktuell erschienenen Bücher sind allesamt dick und komplex, gleichzeitig vermitteln sie in der Schilderung aber den Eindruck, dass sie die verschiedenen Zeitabschnitte und Schauplätze kurzatmig durchlaufen müssten, sonst würde der Umfang noch mehr anschwellen. Probleme macht auch die verwirrende Fülle der deutschen Fürsten, die da an der Spitze ihrer Kleinstaaten in den Krieg zogen. Aus gutem Grund waren bei Schriftstellern und Historikern deshalb lange Zeit Biografien populärer, weil sie mehr konzentrierte Anschaulichkeit und Anekdoten hergeben und eine einigermaßen klare Botschaft erlauben.
Friedrich Schiller oder Golo Mann haben sich aus guten Gründen des so erfolgreichen, so zwiespältigen Kriegsunternehmers Wallenstein angenommen. Die Protestanten entwickelten um den schwedischen König Gustav Adolf eine hagiografische Verehrung und huldigten ihm als großen Retter des evangelischen Glaubens.

Eskalation und komplizierter Friede
Klar, dass sich alle neuen Gesamtdarstellungen intensiv mit Ursachen und Vorgeschichte des Krieges auseinandersetzen. Am ausführlichsten macht dies Peter H. Wilson, der aus guten Gründen mehr als ein Drittel seiner Darstellung dafür beansprucht. Damit schafft er die Voraussetzung für das Verständnis dessen, was 1618 bis 1648 geschah. Der Abfall der Niederlande von Spanien spielte dabei eine Schlüsselrolle. Sieben Provinzen erklärten sich 1579 zur Republik. Für die böhmischen Stände waren sie Vorbild, für die Habsburger der politische Albtraum. 1618 spitzte sich die Krise zu. Rudolf II. gewährte den böhmischen Ständen in einem „Majestätsbrief“ die Religionsfreiheit, sicherte ihnen die alten Rechte der Selbstständigkeit zu. Für den gegenreformatorischen Ferdinand II., den neuen starken Mann in Wien, der den turbulenten Jahren Rudolfs II. und Matthias’ folgte (siehe Franz Grillparzers „Bruderzwist im Hause Habsburg“, 1848), war dies Aufruhr.
Keine der beiden Kräfte hat 1618 den großen Krieg gewollt, aber jeder der beiden Kontrahenten bestand darauf, Stärke und Entschlossenheit zu zeigen, und setzte damit die Eskalationsspirale in Gang. Die katholische Kirche hatte sich in der Gegenreformation neu aufgestellt, Habsburg wollte die katholische Bastion ausbauen. Die Länder des Reiches, vor allem im Norden protestantisch orientiert, wollten sich vor dem Kaiser und der Universalmonarchie retten, der Kaiser die politischen Eigenständigkeiten und religiösen Sezessionen der Länder verhindern.
Einem endlos scheinenden Erschöpfungskrieg folgte ein komplizierter Friede. Immerhin waren sich die Parteien in der Devise einig: „Frieden ernährt, Unfrieden verzehrt.“ Mehr als vier Jahre dauerten die Verhandlungen, während derer der Krieg weiterging, erst dann waren die meisten Konflikte aufgearbeitet. Im Laufe des Jahres 1648 wurden die wichtigsten Verträge unterzeichnet, aber damit war der Friedensprozess noch nicht zu Ende. Der Austausch der Ratifizierungsurkunden erfolgte erst am 16. Februar 1649. Noch im Spätherbst 1648 wurde Prag von schwedischen Truppen belagert, erst mit dem Nürnberger Reichsfriedensrezess vom 2. Juli 1650 wurde sichergestellt, dass die schwedischen Truppen wirklich abzogen.
Grosso modo schien sich durch den Frieden im Vergleich zur Zeit vor 1618 wenig geändert zu haben, die religiöse Zweiteilung Deutschlands und Europas löste sich nicht auf, die Konfession blieb weiter ein Konfliktfaktor, obwohl mit dem Westfälischen Friede (mit Ausnahme der habsburgischen Erblande) erste Zeichen von Toleranz gesetzt wurden. Stände und Kaiser setzten für den Reichs-Staat weiterhin auf eine gefinkelt ausbalancierte Struktur.
Auf lange Sicht bedeuteten die in Gang gesetzten Dynamiken allerdings große Veränderungen: Die Prinzipien der Souveränität und territorialen Integrität setzten sich durch. Umorganisiert wurde die Versorgung der Streitkräfte, die mit Plünderungen und Konfiskationen immer neue Eskalations- und Gewaltstufen ausgelöst hatten. Stehende Heere lösten zunehmend Söldnertruppen ab. Der absolutistische Staat bahnte sich an.

Langzeitfolgen und Parallelen
Wie soll man dem amorphen Charakter dieses Krieges, seiner komplexen Gemengelage – die eine Zusammenschau fast unmöglich machen – mit Interpretationen beikommen? Rechtzeitig zum Jahrestag des Prager Fenstersturzes erschien die deutsche Übersetzung des englischen Standardwerks zum Dreißigjährigen Krieg, das 2009 erstmals herauskam. Es hat den Vorteil, dass Peter H. Wilson, der in Oxford lehrende Militärhistoriker, wenig Wissen voraussetzt, gut und unkompliziert erzählen kann, und dass er mit dem Bemühen angetreten ist, dem englischen Publikum Vorgeschichte, Verlauf und Nachwirkungen verständlich zu erklären. Schon die Kritiken der englischen Originalausgabe haben gerühmt, dass seine chronologische, differenzierte Schilderung auf dem neuesten Forschungsstand basiert und souverän-gediegen den Gegenstand meistert. Er sorgt für einen guten Überblick in der zeitlichen Gliederung des Krieges, der sich vom begrenzten Regionalkonflikt zum europäischen Großereignis entwickelte. Dänemark, Spanien, Frankreich, Schweden, Großbritannien und der Papst mengten sich als einflussreiche Mächte ein, der Krieg weitete sich auf Europa aus.
Herfried Münkler – als Politikwissenschaftler mehr an Allgemeinem als der bloßen Historie interessiert – lässt sich dazu verleiten, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Bei seiner Rekapitulation des Dreißigjährigen Krieges tauchen als Blaupausen die heutigen Konflikte in Afghanistan, in Libyen, in Syrien, in der Sahelzone auf, bei denen auch so schwer zwischen Krieg und Frieden, Freund und Feind unterschieden werden kann. Selbstbewusst mengt er sich ein, erlaubt sich allerlei Gedankenspiele, belegt handelnde Personen mit starken Wertungen, so kritisiert er den Kaiser, weil er zu viel betete: „Diese Zeit fehlte ihm dann bei der Bewältigung seiner politischen Aufgaben.“ Münkler betreibt mit einigem terminologischen Aufwand Kriegstheorie und tätigt Exkurse zu Thukydides und Clausewitz.
Immer scheint er darauf bedacht, gegenüber dem historischen Material souverän zu bleiben, die fortlaufende Erzählung mit seinen Überlegungen zu durchsetzen. Das macht die Darstellung oft anregend, manchmal allerdings auch anstrengend, spröde und unübersichtlich. Besondere Freude scheinen ihm Schlachtbeschreibungen gemacht zu haben, wobei ihn vor allem die Rolle der Strategie und die des Zufalls interessieren.
Die Kriegsgeschichte ist in seiner Darstellung immer auch Möglichkeitsgeschichte: Es hätte auch anders kommen können. Auch dass militärisches Eingreifen von außen das Gegenteil der Absicht bewirkte, kommt einem aus dem Heute bekannt vor. Aktuell sind Söldnertruppen am Werk, werden Koalitionen schnell gewechselt, gehen Hegemonialkrieg, Religionskrieg und Verfassungskrieg eine schier unentwirrbare Mischung ein, vergreifen sich Parteien an den lokalen Ressourcen und nähren sich mittels Drangsalierung der Zivilbevölkerung, finanzieren mittels Vertreibung und Ermordung den Krieg.

Die Fremdheit des Krieges
Ein gestandener Historiker wie der Jenaer Professor Georg Schmidt, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit in Jena, hat gegen diese Aktualisierung eine ganze Menge einzuwenden. Solche Vergleiche machen in seiner Perspektive wenig Sinn, weil die Zeiten (Weltbild, Militärtechnik, politische Strukturen etc.) so komplett anders sind. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Schmidt betont die Fremdheit dieses Krieg, der als Strafe Gottes verstanden wurde. Himmelszeichen hätten eine bedeutende Rolle gespielt, tiefe Religiosität die einfachen Soldaten wie den Kaiser geprägt. Auf der machtpolitischen Ebene waren die Allianzen gegen den Ausbau des Reichs schließlich erfolgreich. Alle Pläne zu einem ganz großen, weltumspannenden Habsburgerimperium wurden gestoppt. Das hatte weitreichende Folgen für die Geschichte Europas.
Schmidt hat erstmals 1995 ein kleines kompaktes, gut lesbares Bändchen in der „Beck’schen Reihe“ über den Dreißigjährigen Krieg vorgelegt. Jetzt hat er den Überblick mit großer Sachkenntnis verbreitert und in vielen Details ausdifferenziert. In seinem 800-Seiten-Buch „Die Reiter der Apokalypse“ schildert er in etwas behäbig-traditioneller Weise, wie der Krieg sich durch die verschiedenen Regionen fraß und die Bevölkerung Deutschlands zum Teil um die Hälfte reduzierte. Dreißig Jahre Krieg verheerten das Land, transformierten so manche Stadt (wie Donauwörth, Heidelberg, Magdeburg oder Mantua) in ein Ruinenfeld. Demografisch war der Dreißigjährige Krieg ein tiefer Einschnitt, von dem sich Deutschland nur langsam erholte. Wie Schmidt betont, waren die Pest und andere Krankheiten, die in Folge der kriegsbedingten Mangelernährung aufkamen, tödlicher als die militärische Gewalt.

Deutschland und Europa
Münkler und Schmidt reflektieren, dass sich bis zum Nationalsozialismus in Deutschland stark ein Mythos hielt, der den Dreißigjährigen Krieg vor allem als „deutsches Unglück“ sah. Ausländische Mächte hätten Deutschland mit dem Westfälischen Frieden niedergehalten, bis die Hohenzollern und schließlich Hitler kamen, um Deutschland zur verdienten Größe zu führen. Tatsache bleibt: Es besteht auch heute noch bei der Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg die Versuchung, sich allzu sehr auf Deutschland zu fokussieren. An den Rand gerät dabei die gesamteuropäische Sicht. Zur Seite gedrängt werden etwa die Ereignisse und Nachwirkungen in der Habsburgermonarchie.
Im heutigen Tschechien, wo der Krieg seinen Ausgang nahm, wurde nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) mit der Rekatholisierung der Grundstein für den Hass auf Habsburg gelegt. Der protestantische Adel in Prag verlor seine Güter, mit ihm zusammen verließen zehn Prozent der Bevölkerung das Land, der Elitentausch sorgte für wirtschaftlichen Niedergang und dauerhafte Frustration.
Im heutigen Österreich, das vom Wahnsinn des Dreißigjährigen Krieg vergleichsweise (mit Ausnahme des Einfalls schwedischer Truppen 1845 in Niederösterreich) verschont blieb, fand die gewaltsame Gegenreformation schon davor statt. Einzig Oberösterreich pflegt bis heute die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg: Das zweijährig stattfindende Frankenburger Würfelspiel hält das Gedächtnis an jene Zeit frisch, als Bayern Oberösterreich zehn Jahre als Faustpfand für seine Kriegsleistungen zugesprochen bekam und dort der Bauernaufstand unter Stefan Fadinger ausbrach.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Dreißigjährige Krieg (Peter H. Wilson, Thomas Bertram, Tobias Gabel, Michael Haupt)
Der Dreißigjährige Krieg (Herfried Münkler)

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