Beute

Mein Jahr auf der Jagd
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Von der ersten Spur bis zum Schuss, vom Aufbrechen des Wildes bis zum Verzehr: Pauline de Bok nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der Jagd. Ihr glänzend geschriebenes Buch ist zugleich eine Reflexion über die Natur des Menschen als Jäger, die Lust am Beutemachen, das Essen von Tieren und die moralische Verantwortung.
Zunächst ist es nur ein Experiment: Um einen Roman zu schreiben, macht Pauline de Bok den Jagdschein. Doch die Jagd weckt etwas in ihr, verändert ihr Leben, sie bleibt Jägerin und zieht sich für ein Jahr in einen umgebauten Kuhstall in Mecklenburg zurück. In dem dort entstandenen Buch berichtet sie von ihrem einsamen Leben inmitten von Feldern, Seen und Wäldern im Rhythmus der Jahreszeiten. Sie beobachtet Wildschweine, Rehe, Damwildrudel, Füchse, Hasen, hält Ausschau nach Wölfen, geht bei Wind und Regen auf Ansitz, beteiligt sich an Drückjagden und verwertet ihre Beute vom Kopf bis zum Schwanz. In ihren mitreißenden Erzählungen erweist sich die Jagd als eine höchst aufschlussreiche Aktivität: Ein Jäger muss sich in die Tiere hineinversetzen, aber er muss sich auch selbst kennen: seine Motive, Fähigkeiten, Schwächen und seinen Jagdinstinkt. Zugleich hält die Jagd einer Gesellschaft den Spiegel vor, die immer mehr Tiere „verbraucht“, aber vom Töten nichts wissen will. Pauline de Boks Jagd-Buch lässt uns ganz neu über das Verhältnis von Mensch und Tier und den Platz des Menschen in der Natur nachdenken.

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FALTER-Rezension

Peng!!!

Frauen sehen mehr mit Gewehr: Pauline de Bok und Antje Joel erklären in ihren jüngsten Büchern,
warum man der Natur näher kommt, wenn man auf die Jagd geht und Hirsch, Reh, Schwein & Co erlegt

Wann darf man auf Spaziergänger schießen? Wenn sie Reebok tragen. Da lacht der Waidmann! Gegen den Witz lässt sich im Grunde nichts sagen, es sei denn, man hält ihn für einen weiteren Beleg dafür, dass Jäger im Grunde genommen blutrünstige und todesgeile Perverse sind. Der Zufall will es, dass gleichzeitig zwei Bücher erschienen sind, die dieses Vorurteil hinterfragen und die beide von Frauen geschrieben wurden.

„Beute. Mein Jahr auf der Jagd“ stammt, nomen est omen, von der Niederländerin Pauline de Bok, die in Zivil freie Schriftstellerin und Übersetzerin ist, „Jagd. Unsere Versöhnung mit der Natur“ von der deutschen Journalistin Antje Joel. Zweiteres ist ein bisschen eine Mogelpackung, aber davon später. Zugrunde liegt ihm jedenfalls die für viele provokante These, dass Menschen, die – unter Wahrung des waidmännischen Ethos! – Tiere töten, diesen und der Natur insgesamt näher sind als solche, die das nicht tun.

Diese Auffassung ist nicht neu. In seinem grandiosen Buch „Der Geschmack von Laub und Erde“ (2017)schreibt der britische Publizist, Philosoph, Tierarzt und Rechtsanwalt Charles Foster: „Ein Mann, der ein Gewehr trägt, sieht, hört, riecht und erahnt viel mehr als einer, der mit einem Vogelbestimmungsbuch und einem Fernglas ausgerüstet ist.“

Dem würden sowohl Joel als auch de Bok zustimmen. Mehr haben die zwei Bücher kaum gemein, obwohl beide die Jagd im (Unter-)Titel führen und jedes von ihnen auf seine Weise lesenswert ist. Joel hat Foster übrigens persönlich getroffen, und der Umstand, dass diese Episode gleich zweimal erzählt wird, liefert nicht den einzigen Beleg dafür, dass „Jagd“ ein bisschen unterlektoriert ist.

Wie schon Helen MacDonalds „H wie Habicht“ (2014) ist auch „Jagd“ ein sehr persönliches Buch, wenn auch ohne alle britische Zurückhaltung. Aufgeräumt und aufgedreht plaudert Joel über ihre Kindheit und davon, wie sie sich mit 21 Jahren auf einmal als geschiedene und „sehr alleinerziehende Mutter“ zweier Töchter wiederfand (mittlerweile sind noch vier Kinder dazugekommen); sie erzählt vom Selbstmord ihrer Förster-Freundin und von Begegnungen mit einer Reihe ziemlich seltsamer Männer, die Tiere töten. Das ist mitunter ein bisschen anstrengend, insgesamt aber ausgesprochen vergnüglich und einnehmend. Mit dieser Frau, so denkt man, ist sicher gut Pferde stehlen, vielleicht sogar Rehe schießen.

Nie, so schreibt Joel, würde sie sich als „Jägerin“ bezeichnen. Sie ist eine, die den Jagdschein gemacht hat. Der Weg dorthin ist steinig. Joel, aus eher bildungsfernen Schichten stammend, kann sich die Ausbildung überhaupt nur leisten, „weil ich ein Magazin bequatscht hatte, dass ich für sie über mein großartiges Jagderleben schreiben würde. Die zahlten also schon mal Grundgebühr, Munition, die wahnsinnig spaßigen Ausflüge in den Lehrwald. Solche Sachen. Die zahllosen Bierchen und Kräuterschnäpse, die man an den Lehrgangsabenden wegzuhauen hatte, gingen dagegen auf eigene Rechnung.“

Tatsächlich erfährt man in „Jagd“ so einiges über Lehrgangsabende und relativ wenig über das Jagderleben. Möglicherweise hat das ja in den Reportagen gestanden, die Joel für das Magazin schrieb, das ihr den Jagdschein finanziert hat. So nachhaltig können die Erlebnisse aber nicht gewesen sein, denn als sie im Winter 2017 in den Nordwesten der USA aufbricht, fällt ihr Resümee eher depressiv gedämpft aus: „Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr auf der Jagd. Hatte schon vor Jahren scheinbar jedes Interesse verloren. Meine Waffen verkauft. Vorbei. Ich dachte, das lag daran, dass die Jagd, so wie ich sie in braven deutschen Wäldern erlebt hatte, nicht meinen Vorstellungen von ihr entsprach. Nicht: lebhaft, natürlich, erfrischend. Sondern: behäbig, steril, altbacken.“

Woher der Frust genau rührt, erfährt man nicht. Aber auch die Erwartungen, in der „echten Wildnis“ nun endlich „mit echten Jägern, auf echter Jagd“ the real thing zu erleben, werden enttäuscht. Joels Idaho-Trip bildet die erzählerische Klammer des Buches und ist zugleich dessen Höhepunkt, gerade weil er spektakulär scheitert. Obwohl man weiß, dass die Protagonistin dem Tod noch einmal von der Kufe springen wird, ist die entsprechende Episode spannend und darüber hinaus auch ziemlich komisch. Sie steht exemplarisch dafür, worum es in „Jagd“ tatsächlich geht: um die Menschen nämlich, die sie ausüben und mit denen Joel dadurch in Kontakt kommt.

Etwa mit Tony. Vietnam-Veteran, zweimal mit dem Kampfhubschrauber abgeschossen: „Mein Job war, zu töten. Also versuchten die, mich zu töten. Ist ja klar.“ Als sich Tony, ein sehr erfolgreicher Wolfskiller, bei seiner Besucherin aus Deutschland erkundigt, ob sie Republikanerin oder Demokratin sei, ignoriert sie dies zunächst geflissentlich. Schließlich ist doch klar, warum „einer wie Tony“ Donald Trump wählt – „weil er glaubt, der müsse aus demselben Holz gemacht sein wie er“. Als der seine Frage wiederholt, gibt Joel eine ausweichende Antwort: „,Ich weiß ja nicht, ob man die Menschen so einfach in Schubladen stecken kann. Republikaner, Demokrat, was sagt das schon aus über einen?‘ ,Aha, also bist du Demokrat!‘, frohlockte Tony. Er und die Enkelin lachten.“

Das ist wahrhaft dialektische Empathie! Der vermeintliche Redneck unterläuft das liberale Gefasel seines Gegenübers mit einer schönen lakonischen Pointe, und dennoch behalten beide recht. Man kann die Menschen nicht so einfach in Schubladen stecken. Quod erat demonstrandum.

Was aber bringt Jäger dazu, Tiere zu töten? Geht es nach Antje Joel ist schon die Frage falsch gestellt. Im Jagdkurs, so erklärt sie, lerne man „eine Waffe zu laden, zu halten, mit ihr zu zielen. Und, hoffentlich, zu treffen. Mehr nicht. Das Töten, den Willen und die Fähigkeit, auch die letzte Grenze zu überschreiten, brachten wir von allein mit. Töten konnten wir schon. Wir alle.“

Töten liegt in der Natur des Menschen. Das sieht Pauline de Bok genauso: „Ich jage nicht, um über die Natur zu herrschen, sondern weil ich Natur bin, Tier, Säugetier, Raubtier. Und indem ich mich entsprechend verhalte, verändere ich mich, schärfe meine Sinne, werde kräftiger, abgehärteter, ich wecke den Instinkt zum Überleben in mir und werde mir des Lebens in all seiner Bizarrerie bewusst.“

Das erinnert etwas unangenehm an Konrad Lorenz’ Diktum von der „Verhausschweinung des Menschen“, aber de Bok hat keine ideologische Agenda. Auf die Frage, wie sie das nur könne, Tiere töten, antwortet sie zwar mit „Vielleicht solltest du es selbst einmal versuchen, so schwierig ist das nicht“, widerspricht aber zugleich der durchaus plausiblen Maxime, dass, wer Tiere esse, auch selbst in der Lage sein müsse, diese zu töten.

Ändert freilich alles nichts an de Boks Einstellung: Der Mensch ist ein Raubtier. Aus diesem Umstand rühren auch die Eifersucht und der Neid auf den Wolf. Evolutionsgeschichtlich gesehen sind Wölfe einfach die härtesten Konkurrenten der Jäger und für diese naturgemäß ein rotes Tuch. Die Wiederansiedlung des Wolfes in Deutschland? In den Augen der Jäger: ein absolutes No-Go. Eine absurde Situation, findet de Bok – gerade angesichts der Schäden, die alleine das Schwarzwild in Deutschlands Feldern und Fluren anrichte: „Von den siebzig Prozent Frischlingen, die die Jäger alljährlich erlegen müssen, sind sie immer weiter entfernt. Es gibt wie früher genug Wild für zwei Topprädatoren.“

Apropos Wildschwein. De Boks Bericht über „Mein Jahr auf der Jagd“ hält, was er verspricht. Geschossen wird auf alles, worauf man schießen darf: auf Rehe und Hirsche, auf Damwild und Dachse, Wildschweine und Waschbären, Füchse, Marder, Marderhunde und Enten. Die Jagd auf Schwarzwild aber scheint es der zwischen Amsterdam und ihrem Mecklenburger Bauernhaus pendelnden Pauline de Bok besonders angetan zu haben. In der Nacht vom 28. September 2015 geht sie auf die Pirsch. Die Chance, bei einer Superblutmondfinsternis ein Wildschwein zu erlegen, kommt erst im Jahr 2033 wieder. Es klappt nicht.

Auch darüber erfährt man viel in „Beute“: Über die Angespanntheit und die Aufmerksamkeit am Ansitz, über die Enttäuschung, wenn man nicht zum Schuss kommt, und den Beuteneid auf die Kollegen, denen das sehr wohl geglückt ist. Wo Antje Jolie sich lustig macht über Waidmannsgehabe, Jägersprache und die Pönale, die man von Magda, der Ausbildnerin aus der Hölle, aufgebrummt bekommt, wenn man zum „Waidloch“ des Hasen „Arschloch“ sagt, da hält sich Pauline de Bok in ihrem weitgehend humor- und ironiebefreiten Buch penibel an die offizielle Terminologie. Für Leserinnen und Leser, die nicht wissen, was eine „Kirrung“, ein „Knieper“ oder eine „Lunte“ ist – nämlich eine Lockfutterstelle, ein Damhirsch mit dem zweiten Geweih und der Schwanz von Fuchs oder Marder –, steht im Anhang dankenswerter Weise ein Glossar zur Verfügung.

In „Beute“ wird „angesprochen“, „aufgeschärft“, „abgeschwartet“ und „aufgebrochen“, dass es nur so rauscht. Pauline de Bok findet es nämlich schon auch ein bisschen toll, dass sie so unzimperlich ist. Fachgerecht entnimmt sie dem eben erlegten Tier die Nierchen und lässt diese noch körperwarm in die Pfanne gleiten, um sich ein Gabelfrühstück zu brutzeln. Für zartbesaitete Gemüter ist das nur bedingt geeignet:

„Die Schwarte aufschärfen, das Bauchfell, vorsichtig, nicht das Gedärm beschädigen, das quillt immer schon hervor, ehe ich meine Finger in die Bauchhöhle schieben kann. […] Als die Öffnung groß genug ist, ziehe ich die Gebärmutter heraus, um Platz zu schaffen, zwei, drei, vier Föten zähle ich in der Eile. […] Ich drücke ein glitschiges Tierchen aus der Fruchtblase. […] Ganz schwach zeichnen sich Längsstreifen auf seinem Rücken ab. Es ist fast zwanzig Zentimeter lang, sehr dünn, und sein Kopf wirkt merkwürdig groß. Ich öffne das Maul – das mir aufgesperrt seltsam vertraut ist, die scharfen Zähnchen–, auch die Zunge ist grau. Die Augen sind noch geschlossen. Ich schneide einen zweiten Fötus aus seiner Fruchtblase, das Fruchtwasser fließt klar auf den Boden.“

Keine Frage, Pauline de Bok interessiert sich wirklich für die Jagd. Für die Menschen? Weniger. Ihr Lebensgefährte, ein Mann namens Boom, taucht hin und wieder am Horizont auf, hilft beim Auftauen der eingefrorenen Wasserleitung und verschwindet wieder. „In meinem Leben ging es immer um die Frage nach der Condition humaine“, beteuert de Bok.

Auf Antje Joel trifft das vermutlich auch zu, sie würde es bloß anders ausdrücken. Für sie scheint die Jagd selbst nur ein Umweg zu sein, um etwas über Menschen in Erfahrung zu bringen. Die unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnete Journalistin macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Es schlägt vor allem für Männer, die ein bisschen oder sogar ziemlich neben der Spur und freundlichstenfalls als „knorrig“ zu charakterisieren sind.

Für all die selbsternannten Tierfreunde, -liebhaber und -schützer aber, die Mahnwachen für Gorillas abhalten, weil man sie durch einen gezielten tödlichen Schuss daran gehindert hat, kleine Mädchen umzubringen, oder die tausende Euros an Spendengeldern springen lassen, um einen vermeintlich schwulen Bullen vor der homophoben Selektion zu bewahren, während zugleich zig Millionen Rinder ungerührt geschlachtet werden, hat sie nur Verachtung über.

Nichts bringt Antje Joel so sehr in Rage wie die „monströse Rechtschaffenheit“ jener, die ständig „Tierseelenverbundenheitstrallala“ von sich geben, um sich behaglich als schöne Seelen zu fühlen – und hinter dem Paravent der Empathie umso haltloser über ihre unmittelbaren Artgenossen herzufallen.

Als widerwärtigstes Beispiel zitiert Jolie den Fall von Bonnie Armitage. Auf seinem Shetlandpony hatte das neunjährige Mädchen im April 2016 eine Fuchsjagd in Gloucestershire begleitet und war durch das Ausschlagen eines Pferdes tödlich verunglückt. Worauf britische Jagdgegner auf Facebook eine Hass- und Hämekampagne lancierten: „1:0 für den Fuchs gegen mörderische Eltern“ lautete einer der Kommentare.

In der Tat: Die Jagd lässt tief in die Abgründe der Condition humaine blicken. Auch wenn es Pauline de Bok so vermutlich nicht gemeint hat.

Klaus Nüchtern in Falter 40/2018 vom 05.10.2018 (S. 23)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783406721120
Erscheinungsdatum 15.02.2018
Umfang 272 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag C.H.Beck
Übersetzung Gregor Seferens
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