SACHBUCH-BESTENLISTE Februar 2019

Zeitenwende 1979
Als die Welt von heute begann

von Frank Bösch

€ 28,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 512 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Die Gegenwart begann vor genau vierzig Jahren

Zeitgeschichte: Frank Bösch entfaltet ein atemberaubendes Panorama der „Zeitenwende 1979“

Die Gegenwart, so der Potsdamer Historiker Frank Bösch in „Zeitenwende 1979“, begann nicht wie üblicherweise behauptet 1989, sondern zehn Jahre früher. Sein opulentes Panorama streift den Zeitgeist von damals nur en passant: Jean-François Lyotard proklamierte gerade in „La Condition postmoderne“ das Ende der großen Erzählungen von der Emanzipation der Menschheit. Für Jürgen Habermas lauteten die Stichworte zur „Geistigen Situation der Zeit“: „neue Unübersichtlichkeit“, „Utopieverlust der Linken“ und „konservative Tendenzwende.“

Im Fall der iranischen Revolution fiel die Wende sehr viel konservativer aus, als nach der Flucht des letzten iranischen Schahs Reza Pahlavi im Jänner 1979 erhofft worden war. Am 1. Februar begrüßte eine vieltausendköpfige Menge den Geistlichen Ajatollah Khomeini, der nach 15-jährigem Exil aus Frankreich zurückkehrte, stürmisch mit „Tod dem Schah“ und „Allahu akbar“. „Kommunisten und Sozialisten gingen ebenso auf die Straße wie Liberale oder gemäßigte islamische Gruppen, und welche Strömung sich durchsetzen würde, war zunächst unklar“.

Frank Bösch rekonstruiert so penibel wie gut lesbar den historischen Kontext der Ereignisse. Besonders interessant sind dabei die Reaktionen der Zeitgenossen. Im Fall der islamischen Revolution etwa die Begeisterung eines Michel Foucault: „Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme, die modernste und irrsinnigste Form der Revolte.“ Weniger abstrus und politisch hellsichtiger war der einflussreichste religiöse Führer des Jahres 1979, Papst Johannes Paul II. Dessen Reise in die Heimat geriet nicht nur zur Unterstützung der polnischen Protestbewegung gegen den staatlichen Sozialismus, sie trug in the long run auch zum Zerfall des Kommunismus Moskauer Spielart bei.

Kurioserweise trug auch die sozialistische Revolution in Nicaragua gegen den von den USA unterstützten Diktator Somoza ein religiöses Antlitz. Der kapitalismuskritische Dichter und Priester Ernesto Cardenal wurde Kulturminister und von der westlichen Linken gehätschelt, die nach Nicaragua zum Ernteeinsatz pilgerte. Keinen Anlass für Rührseligkeiten bot hingegen Deng Xiaoping, ab 1979 für zwei Jahrzehnte Führer der Volksrepublik China. Time setzt ihn als „Mann des Jahres“ aufs Titelblatt. Nach Maos „großem Sprung nach vorn“ in den 1960er-Jahren, einer mörderischen Industrialisierungskampagne mit bis zu 30 Millionen Hungertoten und der fehlgeschlagenen „Kulturrevolution“ um 1970 öffnete Deng das Land zum Westen, um China zu einer wirtschaftlichen Großmacht zu machen; politisch hielt er an einer eigenen Form des Sozialismus fest.

Das beeindruckendste Kapitel ist den vietnamesischen Boatpeople gewidmet. Von Jean-Paul Sartre bis Brigitte Bardot engagierte sich alles, was Rang und Namen hatte, für die Flüchtlinge aus dem Kommunismus. Einige Linke begannen sogar darüber nachzudenken, was „realer Sozialismus“ eigentlich bedeutete. Es war die Stunde von Ärzte ohne Grenzen und anderen NGOs. Die Argumente gegen humanitäre Hilfe unterschieden sich kaum von jenen heute: Die Cap Anamur wurde als „Fluchthilfeunternehmen“ diskreditiert, die den Flüchtlingsstrom nur verstärke und die Vietnamesen aufs Meer hinauslocke.

Während Europa 1979 eine hitzige Nachrüstungsdebatte über die Stationierung von Pershing-Raketen und Atomsprengköpfen führte, beschloss die Moskauer Gerontokratie die militärische Intervention in Afghanistan. Der Film „Rambo III“ und US-Präsident Reagan feierten den Widerstand der Mudschahedin als „Freedom Fighters“. Auch 40 Jahre später ist das Land nicht zur Ruhe gekommen. „Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan lässt sich als ein global bedeutender Umbruch fassen, der bis in die Gegenwart prägend blieb.“

Nicht weniger „nachhaltig“: Margaret Thatcher, erste Frau als Regierungschefin einer Industrienation, heftete den Neoliberalismus auf ihre Fahnen, das Reaktorunglück von Harrisburg machte das bis heute ungelöste Problem Atomkraft deutlich, eine zweite Ölkrise erschütterte den Westen. Und ein scheinbar wenig aktuelles Thema fand größte Aufmerksamkeit und entfachte in einer Zeit, in der sich das Ende aller Utopien abzeichnete, einen regelrechten Geschichtssturm samt neuer Erinnerungskultur: Die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ wurde zum Massenerfolg. Die vom ORF verzeichneten Seherreaktionen: Von 8227 erfassten Anrufern äußerte sich die Hälfte positiv, 39 Prozent negativ, davon 30 Prozent antisemitisch.

Erich Klein in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 36)


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