Der Untergang der Welt von gestern
Wien und die k.u.k. Monarchie 1911-1919

von Arne Karsten

€ 27,80
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 269 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Das Mädchen und das Ende der Monarchie

Geschichte: Arne Karsten spiegelt den Untergang der k.u.k Monarchie in der Biografie von Stephanie Bachrach

Arthur Schnitzlers Erzählung „Fräulein Else“ ist einigermaßen berühmt. Wenig bekannt ist, dass der Autor in der Titelfigur eine junge Frau porträtierte, deren tragische Lebensgeschichte sich direkt vor seinen Augen vollzog. Die Familie Bachrach bewohnte auch eine Villa im Wiener Cottageviertel.

Stephanie Bachrach, geboren 1887, wuchs als „höhere Tochter“ auf, genoss eine Schul- und Allgemeinbildung, die sie prädestinierte, innerhalb der bürgerlichen Kreise als ambitionierte, attraktive, allseitig interessierte Ansprechpartnerin zu gelten und gerade unter den älteren Herren Verehrer anzuziehen. Der Schriftsteller Jakob Wassermann stieg ihr nach, Schnitzler begeisterte sich für sie, spielte die Rolle des väterlichen Freundes, setzte auf die witzig-charmante „Stephi“ als Musizierpartnerin.

Es war eine formidable Idee des Wuppertaler Historikers Arne Karsten, Bachrach zur zentralen Figur seines gut lesbaren Buches über den Untergang der Habsburgermonarchie zu machen. Denn ihre aufsehenerregende Geschichte, die ihren Niederschlag auch in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und anderen literarischen Werken fand, hat es in sich. Im Oktober 1912 ereignete sich der erste Akt der Tragödie. Bachrachs Vater, ein Börsenspekulant, verlor nach den wirtschaftlichen Turbulenzen rund um den Ausbruch des ersten Balkankrieges sein Vermögen und beging Selbstmord.

Seine Frau und die zwei Töchter mussten aus der Villa in der Hasenauerstraße ausziehen und ihr Leben in Armut neu erfinden. Was tun, um die bescheidene Rente durch eigenes Einkommen aufzubessern? Immerhin blieb das gesellschaftliche Umfeld den Bachrachs treu. Stephanie wurde etwa von den Schnitzlers zu Reisen nach Italien eingeladen. Aber jede Sicherheit war weg, der Hader mit sich und den Lebensaussichten begann und schärfte ihr Sensorium für die Brüchigkeit der bunten, kunstsinnigen Bürgerwelt.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, schien die Gesellschaft eine wie sie zu brauchen. Wie viele andere bürgerliche Frauen war Bachrach als Krankenschwester im Einsatz, zuerst im Rothschildspital am Währinger Gürtel, dann in der Operationsbaracke eines Feldspitals in der Nähe von Krakau. Die physischen und psychischen Belastungen waren enorm, es wurde nonstop gearbeitet, die Ansicht der vielen Verletzungen überforderte.

In diesem Umfeld begann sie eine Liebesbeziehung mit einem verheiraten Oberstabsarzt, der auch als Psychoanalytiker und Schriftsteller aktiv war (und später seine Affäre mit der jungen Frau in einem Roman verarbeitete). Die Verbindung wurde in der Wiener Gesellschaft zum Skandal. Bachrach geriet in eine Falle ohne Ausweg, denn zur wirtschaftlichen Hilflosigkeit kam jetzt noch die soziale Stigmatisierung.

Am 14. Mai 1917 machte sie ihrem Leben mit 24 Veronal-Tabletten und einer Morphiumspritze ein Ende und rief damit im Cottageviertel Bestürzung hervor, was sich etwa auch darin äußerte, dass Schnitzler sich in Tagebucheintragungen intensiv mit der Tragödie beschäftigte und Erinnerungen an sie in „Fräulein Else“ und anderen Geschichten einfließen ließ.

Arne Karsten stellt diese bewegende Story einer Zerrüttung in einen ganz großen Rahmen: Bachrachs Biografie soll den Untergang der Habsburgermonarchie exemplarisch veranschaulichen. Wie die große und kleine Geschichte allerdings zusammenpassen, bleibt etwas diffus und wirkt nicht ganz stringent. Der Verfasser wäre gut beraten gewesen, sich bei seinem Panorama und seinen Porträts tiefer auf die Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte Wiens während des Ersten Weltkrieges einzulassen, weil dies mehr Detailschärfe ergeben und Fehler (Freud im Cottageviertel: never!) vermieden hätte. Stattdessen konzentriert er sich, durch Zitate aus Autobiografien aufgemischt, hauptsächlich auf die übliche Ereignisgeschichte.

Alfred Pfoser in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 40)


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