Die Philosophie des modernen Songs

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Kurzbeschreibung des Verlags:


"UNSER ALLER VERWIRRUNG DES HERZENS. AUF BEGEISTERNDE WEISE ERGRÜNDET BOB DYLAN 'DIE PHILOSOPHIE DES MODERNEN SONGS'." JENS BALZER, DIE ZEIT

"Blowin’ in the wind", "All along the watchtower", "Knockin’ on heaven’s door" – seine Songs besitzen eine poetische Kraft, für die er 2016 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde. Nun legt Bob Dylan ein Buch vor, in dem er nicht auf sein eigenes Werk zurückblickt, sondern auf mehr als 60 Songs, die ihn beeindruckt und geprägt haben. Es bietet einzigartige Einsichten in das Wesen der populären Musik, die uns von Little Richard zu Frank Sinatra, von Elvis Presley zu The Clash, von Nina Simone zu Elvis Costello führen.

Naheliegende Reime können leicht zu einer Falle werden, eine Silbe zu viel kann einen guten Song um seine Wirkung bringen, und Bluegrass hat mehr mit Heavy Metal gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist Bob Dylan persönlich, der hier die Philosophie des modernen Songs darlegt und dafür Werke wie "Long Tall Sally", "Strangers in the night" oder "London calling" unter die Lupe nimmt. Mysteriös und magisch, präzise und profund, oft auch sehr witzig legt der Meister die Substanz jedes Songs frei und meditiert dabei in unnachahmlich dylanesker Diktion über das menschliche Leben und den fragwürdigen Zustand unserer Welt. So wie seine besten Songs ist dieser höchst subjektive Kanon, an dem er seit 2010 gearbeitet hat, schon jetzt selbst ein kanonisches Werk – und ein ungeheures Lesevergnügen für jeden, der sich schon einmal eine Schallplatte gekauft hat.




Das erste Buch von Bob Dylan seit fast zwanzig Jahren
Erscheint gleichzeitig weltweit
Geistreich, glänzend geschrieben, unkonventionell
Vom Literaturnobelpreisträger Bob Dylan
Ideales Geschenkbuch

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FALTER-Rezension

Dem Philosoph ist nichts zu doof

Zwischen Bob Dylan und dem Genuss von Bob Dylan steht seit Jahrzehnten eine Mauer mit der Inschrift "Obacht, Bedeutung!". Der amerikanische Musiker, der unverdrossen als klappriger alter Schrull durch die Lande zieht, gilt als größte Autorität der Unterhaltungsmusik seit der Erfindung des Rock 'n'Roll.
Nur ist Dylan halt nicht nur der erste Popsänger, der für seine Liedtexte den Literaturnobelpreis erhalten hat. Der 81-Jährige ist auch die zentrale Stimme einer weltweiten Bewegung, die in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als massiver Stein durchs Fenster jenes Hauses geflogen kam, bei dem in altväterischer Schrift "Autorität" auf dem Türschild vermerkt war. Der Anti-Autoritäre als Überautorität, was für eine Pointe.

Dylan aber ist ein Fuchs. Die Welt mag ihn kaum je lächeln oder gar lachen sehen; selbst wenn der US-Präsident gratuliert und Orden verleiht, kann nichts die finstere Miene des sonnenbrillenverhüllten, zerfurchten Gesichts trüben. Und doch macht sich der Sänger gelegentlich einen Karl daraus, mit dem Gewese um seine Person Schabernack zu treiben.

Das aktuellste dieser Späßchen ist ziemlich aufwendig geraten, aber in der konzertfreien Zeit der Pandemie wollte die für einen Bühnenmenschen wie ihn gewiss unerträgliche Länge der Tage schließlich mit Sinn gefüllt werden.

Sir Bobs XXL-Späßchen füllt 352 Buchseiten und trägt den bescheidenen Titel "Die Philosophie des modernen Songs". Liefert das Buch -keine Einleitung, kein Nachwort - also letztgültige Antworten auf die Frage nach dem Handwerk des Robert Allen Zimmerman? Mitnichten.

Das eigene Liederschreiben ist nicht einmal am Rande Thema; Dylan nutzt vielmehr 66 Songs verschiedener Künstler (kaum Künstlerinnen), um zu dozieren, zu schwadronieren, zu nerdisieren und zu imaginieren; blutrünstig, bildmächtig, assoziativ, teils von Männnerfantasien gebeutelt und insgesamt nichts weniger als ungemein unterhaltsam.

Manches Lied erklärt und feiert er kenntnisreich im historischen Kontext, bei anderen muss eine idiosynkratische Kurznotiz genügen oder es bildet lediglich die Startrampe zu einem Text, von dem nur der Autor den genauen Bezug zum Stück kennt.

Im nächsten Moment liefert Dylan wieder brillante, pointierte Analysen: "Country sitzt sonntagmorgens in der Kirche, weil er Samstagnacht in einem schäbigen Hinterhof in eine Messerstecherei verwickelt war und die Kellnerin überreden wollte, sich untenrum freizumachen. Ohne die dynamische Anspannung, die aus dem schlechten Gewissen nach dem Saufgelage entsteht, verkommt er entweder zur freudlosen Proselytenmacherei oder zur hirnlosen Grölmusik."

Die Irritation respektive der Schmäh beginnt mit dem Titel. Nach Philosophie im Sinne einer Welt- (oder hier: Songkunst-)Erklärungsformel sucht die Leserin, der Leser lange, und modern sind diese Stücke allenfalls für Menschen, die jedes Lied, das historisch nach Franz Schubert kam, so nennen.

Weiter geht die Gaudi in den Danksagungen. An erster Stelle nennt der Autor "meinen Anglerfreund Eddie Gorodetsky für Input und ausgezeichnetes Quellenmaterial", sehr prominent dankt er auch "allen bei Dunkin' Donuts". Nur kurz zur Erinnerung: Wir sprechen hier von jenem Mann, der seinen Jüngern zufolge selbst dann Bedeutsames verkündet, wenn er nur wortlos geradeaus starrt.

Außer Ernst Molden -der Wiener Kollege des US-Musikers hat ebenfalls ein ausgeprägtes Faible für Mythen und Geschichte des Blues sowie generell der amerikanischen Unterhaltungsmusik vor der Invasion der Beatles - kennt all diese Lieder in unseren Breiten wohl kaum wer. Und selbst der langjährige Dylan-Verehrer Molden tut sich womöglich schwer, eine schlüssige Logik in der Auswahl sowie dem Aufbau des prächtig illustrierten Buches zu finden.

Gut, einige Lieder kennen selbst durchschnittlich popkulturell Interessierte. "Strangers in the Night" von Frank Sinatra etwa, Little Richards "Tutti Frutti","London Calling" von The Clash oder Nina Simones "Don't Let Me Be Misunderstood"."Du hoffst, dass du abkratzt, bevor dich die Senilität erwischt", schreibt der Liederdeuter zum ebenfalls gängigen juvenilen Wutgesang "My Generation" der britischen Band The Who, um den Pfad der gängigen Interpretation sogleich radikal zu verlassen: "In Wirklichkeit bist du achtzig Jahre alt, ein alter Mann, der in einem Seniorenheim herumgeschoben wird, die Schwestern gehen dir auf die Nerven. Du sagst, warum verschwindet ihr nicht einfach? Du befindest dich in deiner zweiten Kindheit, kriegst kein Wort heraus, ohne zu stottern und zu sabbern."

Wunderbar Dylans Lust an unkonventionellen Formulierungen, die weniger aufgesetzt als vielmehr originell präzise wirken. "Als quadratischer Keil im runden Kreis einer wohlhabenden Familie geboren, versuchte Townes sich anzupassen und wie sein Vater Anwalt zu werden", schreibt er etwa über den großen, tragischen Songwriter Townes Van Zandt. "Die Liebe zu Elvis Presley und diversen anderen Rauschmitteln ließ dieses Vorhaben jedoch scheitern."

"Serienkiller haben ein eigenartig förmliches Sprachverständnis, sie würden auch von Sex als von der Kunst des Liebemachens sprechen", heißt es anderswo. "Auf keinen Fall könnte man den Song ins Fernsehen bringen, er würde gar nicht auf den Bildschirm passen";"sie singen wie lebendig loderndes Feuer" oder "dieser Song ist ein grinsender Totenschädel".

Bob Dylan hat ein Herz für Rebellen und Außenseiter. Er schimpft und wütet, wenn ihm danach ist, schreibt gegen Scheidungsanwälte und Monogamie an und streut Kommentare zur aktuellen Verfasstheit der westlichen Welt ein. Bisweilen verrät er wohl auch etwas über sich ("kennt man die Lebensgeschichte eines Sängers, hilft einem das nicht unbedingt, einen Song zu verstehen") und zeigt der Analytikergemeinschaft vom strengen Orden der Dylanologen die Zunge: "Was zählt, sind die Gefühle, die ein Song bei seinen Hörern in Hinblick auf das eigene Leben hervorruft."

Als Antikapitalist gefällt sich der Sänger, der die Rechte an seinen Songs kürzlich um kolportierte 400 Millionen Dollar verkauft hat, ebenfalls - und kommt damit auch noch durch: "Egal, wie viele Stühle man besitzt, man hat nur einen Arsch."

"Die Philosophie des modernen Songs" ist ein anregendes, verstiegenes, prächtiges, abgedrehtes, unterhaltsames und ausgezeichnet auch in Häppchen lesbares Buch. Nur die -gewiss herausfordernde - Übersetzung lässt Bob Dylan leider an manchen Stellen wie einen um Jugendlichkeit bemühten Rentner aus der deutschen Provinz wirken.

Gerhard Stöger in Falter 46/2022 vom 18.11.2022 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783406792847
Erscheinungsdatum 02.11.2022
Umfang 352 Seiten
Genre Sachbücher/Musik, Film, Theater/Pop, Rock
Format Hardcover
Verlag C.H.Beck
Übersetzung Conny Lösch