Papierklavier
illustriert von Anna Gusella

von Elisabeth Steinkellner

€ 15,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Illustrationen: Anna Gusella
Empf. Lesealter: ab 15 Jahre
Verlag: Julius Beltz GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Kinder- und Jugendbücher/Jugendbücher ab 12 Jahre
Umfang: 140 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.08.2020


Rezension aus FALTER 50/2020

Eine Geschichte für Jugendliche, die vor dem Absprung in Richtung Erwachsenenliteratur stehen. „Das Papierklavier“ ist eine Mischung aus Tagebuch und Skizzenbuch. Geschrieben aus der Perspektive der 16-jährigen Maja, die ziemlich viel Stress hat: Die Mutter ist Alleinerzieherin, Maja passt auf ihre kleinen Geschwister auf und geht in ihrer Freizeit arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Und dann entspricht das Mädchen auch noch so gar nicht den gängigen Schönheitsnormen. „Die beschissenste Gleichung der Welt schlank = SCHÖN = wertvoll“, notiert die Protagonistin in ihr Tagebuch. „Das Schöne an diesem Buch ist, dass hier eine junge Frau versucht, in der schwierigen Zeit des Erwachsenwerdens einfach nur glücklich zu sein – und das am Ende auch schafft“, meint Schweizer.

Nina Horaczek in FALTER 50/2020 vom 11.12.2020 (S. 44)



Rezension aus FALTER 43/2020

Die schwarzen sind traurig, die weißen froh

Liebes Tagebuch / Liebes Skizzenbuch / (NEIN, zu unpersönlich; vielleicht ein Katzenname?) / Liebe Mautzi / (oder ganz royal:) / Liebe Lady Di (für Diary) / Okay, lassen wir das einfach. Warum sollte ich dieses Buch überhaupt persönlich ansprechen? Es sagt ja auch nicht ‚Hallo, Maia‘ zu mir, wenn ich es aufschlage. Das muss ich schon selber machen.“ Mit dieser witzigen und scharfsinnigen Reflexion der Konvention, ein Tagebuch persönlich zu adressieren und dadurch zu vermenschlichen, beginnt der Jugendroman von Elisabeth Steinkellner. Die für ihre kinder- und jugendliterarischen Werke vielfach ausgezeichnete österreichische Autorin benutzt das Genre in einer experimentierfreudigen Variante: als von der Berliner Illustratorin Anna Gusella abwechslungsreich gestaltete Mischung aus Tage-, Notiz- und Skizzenbuch.

Ganz wie ein echtes Tagebuch verzichtet der Roman auf Seitenzahlen und macht durch die Verwendung unterschiedlicher Schrifttypen und -größen den Anschein, handschriftlich verfasst zu sein. In loser Abfolge enthält er ein breites Spektrum oftmals fragmentarischer Text- und Bildsorten: Erlebnisberichte, szenische Dialoge, reflexive Passagen, Listen, Mindmaps und vieles mehr werden ergänzt und durchsetzt von groben Strichzeichnungen, detaillierten Studien, Kritzeleien und kunstvollen Schriftzügen.

Der Eindruck des Unvollendeten und Experimentellen spiegelt die aktuelle Lebensphase der Verfasserin Maia wider: Mit ihren 16 Jahren steht sie an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie sucht nach ihrem gesellschaftlichen Platz, überdenkt und definiert ihre Bedürfnisse und Wertvorstellungen. Das ist nicht immer ganz einfach. Auch deshalb, weil die Protagonistin als Tochter einer alleinerziehenden und viel arbeitenden Mutter und Älteste von drei Schwestern teilweise Elternpflichten für die beiden Jüngeren zu übernehmen hat.

„In dieser Familie ist alles zu knapp: das Geld / die Vorräte in unserem Küchenschrank / (…) die Zeitspanne zwischen dem Moment, wenn Mama von der Arbeit heimkommt, und dem, wenn sie erschöpft auf der Couch einschläft“, kommentiert Maia die häusliche Grundstimmung. Trotzdem lässt sich die junge Frau nicht unterkriegen und meistert ihre Situation mit Humor und positiver Energie. Unterstützung erhält sie dabei von einer Reihe starker Frauenfiguren, die – wie häufig in Steinkellners Büchern – keinen traditionellen Rollenschemata entsprechen. So zum Beispiel von Maias besten Freundinnen, der feministisch versierten Alex und der genderfluiden Carla. Gemeinsam trotzen sie den kleineren und größeren Ungerechtigkeiten des Lebens, hinterfragen rigide Gendernormen und überzogene Körperbilder.

Eine weitere zentrale Figur ist Oma Sieglinde, die am Beginn der Einträge gerade verstorben ist. Eigentlich war sie keine richtige Verwandte, sondern die wohlhabende Nachbarin. Sie kümmerte sich aber wie eine richtige Oma um Maia und ihre Schwestern, hatte ein offenes Ohr für ihre Probleme und einen Blick für ihre Talente. Oma Sieglinde war es auch, die Maia das Tage- und Skizzenbuch schenkte und damit den Anstoß gab, ihre Leidenschaft, das Zeichnen, zu intensivieren. Als letztes Geschenk vor ihrem Tod wird das Buch gleichzeitig zum Ort der Auseinandersetzung mit dem Verlust dieses geliebten Menschen.

Wichtiges Leitmotiv für den Trauerprozess, den Steinkellner als komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Gefühle angelegt hat, ist das titelgebende Papierklavier. In Oma Sieglindes Wohnung stand ein Flügel, auf dem sie Maias jüngster Schwester Heidi das Klavierspielen beibrachte und den diese zum Spaß „Zebra“ nennt. Das Klavier „ist der Speicher für Oma Sieglindes ganzes Leben. (…) Jede Taste ist mit einer anderen Erinnerung belegt.“ Da Heidi die Wohnung der Nachbarin nach deren Tod nicht mehr betreten darf, malt sie sich ein Papierklavier. Auf ihm komponiert sie Lieder, durch die sie sich der Ersatzgroßmutter nahe fühlt und den Verlust verarbeiten kann.

Ein gelungenes Buch über das Akzeptieren der traurigen Momente als integrale Bestandteile des Lebens. Dem Umstand, dass es ohne Tief kein Hoch gibt, hat Elisabeth Steinkellner übrigens in ihrem Band „die Nacht, der Falter und ich“ (2016) ein Gedicht gewidmet: „die schwarzen Tasten / sind traurig / die weißen Tasten / sind froh / aber nur alle zusammen / sind sie ein Klavier – / so ähnlich / ist das auch bei mir“.

Lena Brandauer in FALTER 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 31)


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