Felix und das liebe Geld
Roman vom Reichwerden und anderen wichtigen Dingen

von Nikolaus Piper

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Beltz & Gelberg
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 12/1999

Geld regiert die Kinderwelt

Nikolaus Piper, einer der angesehensten deutschen Wirtschaftsjournalisten, hat ein Kinderbuch über das Reichwerden geschrieben. Ein Gespräch über Kinderarbeit, über Werte und die Vermittelbarkeit von wirtschaftlichem Wissen.
Falter: Wie kommt ein Wirtschaftsredakteur der nicht so ganz jungen Hamburger "Zeit" dazu, ausgerechnet ein Buch für Kinder zu schreiben?
Nikolaus Piper: Mein Sohn David, der zufällig genauso alt ist wie der Titelheld meines Buches, hat schon mit fünf, sechs Jahren Fragen gestellt, die einen wirtschaftlichen Hintergrund hatten. Das schonste Beispiel hat meine Frau erlebt: Als bei uns im Stadtteil ein türkischer Gemüsehändler aufgemacht hat, fragte mein Sohn: "Sag mal, Mama, warum kommt dieser Türke extra aus der Türkei zu uns, um Gemüse zu verkaufen?" Da sagte meine Frau: "Weil er hier mehr Geld verdienen kann. Die Türkei ist ein armes Land, Deutschland ist ein reiches Land, darum verdient er hier besser." "Schon, schon", sagte David, "aber du hast doch mal gesagt, in der Türkei ist alles so billig, und deshalb fahren die Julia und ihre Eltern immer dahin. Weniger verdienen, dafür niedrigere Preise, das müßte sich doch eigentlich ausgleichen." David hat sich im Grunde einem Problem gestellt, das in der Nationalokonomie unter dem Begriff Kaufkraft-Paritäten läuft. Von einfachen Kinderfragen führt also ein Weg zu den speziellen Fragen der Nationalokonomie. Ich habe Davids Fragen gesammelt. Ein Freund, der bei einem Verlag arbeitet, sagte: Das ist so nix. Wenn du mit Kindern über Wirtschaft reden willst, mußt du ihnen eine Geschichte erzählen.
F.: Die Kinder in Ihrem Roman jagen Anlagebetrüger und forschen nach einer jüdischen Hinterlassenschaft. Damit haben sie wenig gemein mit den Zwolfjährigen der wirklichen Welt, die sich über Markenklamotten die Kopfe zerbrechen.
N.P.: Ich wollte keinen Ratgeber "Wie geht ihr am besten mit eurem Taschengeld um". Kinder, die sich für Markenklamotten interessieren, erleben diese Dinge nicht. Die Kinder in meinem Buch wollen etwas in ihrem Leben erreichen und wissen: Dazu brauchen sie Geld. Um etwas zu erreichen mit ihrem Geld, müssen sie ein Risiko eingehen. Sie erleben die Verführung, die das Geld bedeutet. Sie lernen auch, über ihren Schatten zu springen. Sie haben ein kleines Vermogen gefunden und nehmen die Anstrengung auf sich, herauszufinden, wem es eigentlich gehort. Sie sagen nicht nur: Haben, haben, haben. Sie sind am Ende auch gereift.
F.: Obwohl sie erst zwolf Jahre alt sind, arbeiten diese Kinder wie besessen ...
N.P.: Zur Kindheit gehort ein Schutzraum, den niemand ernsthaft in Frage stellt. Aber mit zwolf, dreizehn Jahren wollen Kinder etwas machen. Als ich so alt war, habe ich mal Schafe gehütet oder bei der Heuernte geholfen. Am Ende vom Jahr habe ich fünf Mark gekriegt und war mächtig stolz. In vorkapitalistischer Zeit gab es keine Kindheit, sondern Erwachsene und Lebewesen, die noch nicht erwachsen waren, bis sie produktiv arbeiten konnten. In Teilen der dritten Welt ist es heute noch so.
F.: Sie hätten ja eine andere Geschichte erzählen konnen, sagen wir: von einem Kind, das hier lebt und ein teures Paar Turnschuhe kauft, und von dem Kind in Indonesien, das diese Turnschuhe genäht hat.
N.P.: Das ist ein spannendes Thema, weil Dritte-Welt-Gruppen fordern, die Produkte von Kinderarbeit zu ächten. Aber was ist dann in diesen Ländern los? Dann arbeiten die Kinder in Industrien, die nicht für den Export sind. Um ein Buch darüber zu schreiben, müßte ich mehr wissen. Ich konnte das nicht, weil ich noch nie in so einer Fabrik war.
F.: Wie reagieren Kinder auf Ihr Buch?
N.P.: Ich bekomme sehr viele Briefe - vor allem der folgenden Art: "Gib mir doch mal einen Tip. Die Oma hat mir tausend Mark geschenkt. Meine Eltern wollen, daß ich es aufs Sparbuch tu, aber ich will lieber Aktien kaufen. Welche soll ich nehmen?"
F.: Haben Sie "Die Welt der Wirtschaft" von André Fourçans gelesen, der ja ebenfalls versucht, den Jugendlichen die Ökonomie zu erklären?
N.P.: Zum großen Teil. Das Buch zu beurteilen ist für mich schwierig - auch weil unsere Bücher manchmal miteinander verglichen werden. Meinem Eindruck nach schreibt Fourçans selbst für ältere Jugendliche stellenweise zu schwierig.
F.: Keine Frage: Fourçans' Zielgruppe sind nicht Zwolfjährige, sondern eher Maturanten. Ich will darauf hinaus, daß er das Wirtschaftsdenken nach Problemen aufgliedert. Er hat ein Kapitel über Kriminalität und sogar eins über die Ehe. Sie haben bei der "Zeit" zwei Serien über Ökonomen initiiert. Warum haben Sie sich gegen Sachfragen und für Kopfe entschieden?
N.P.: Für manche Theorien ist es schwierig, Beispiele aus dem Alltag zu finden. Aber man kann von den Menschen erzählen, die diese Theorien erfunden haben. Zum Beispiel von Joseph Schumpeter, dessen Vater ein kleiner Textilunternehmer in Mähren war, der früh starb, sein Stiefvater aber war ein Adliger, und wie diese Familiengeschichte mitschwingt in Schumpeters Theorie vom Unternehmer, der Pionier sein muß, um sich zu behaupten. Die Nationalokonomie ist eine Sozialwissenschaft, die keine allgemeingültigen Gesetze aufstellen kann, sondern nur Vorschläge machen zum besseren Verständnis der Wirklichkeit. Man kann Modelle entwickeln und fragen: Bewähren die sich? Deshalb haben wir von den Leuten erzählt, die sich diese Gedanken gemacht haben, anstatt so zu tun, als gäbe es in der Wirtschaft unumstoßliche Gesetzmäßigkeiten.
F.: Viele Zeitungsleser lassen den Wirtschaftsteil aus, weil er ihnen zu schwierig ist. Unternimmt die "Zeit" Leserstudien, um verständlicher zu sein? N.P.: Wahrscheinlich macht unsere Marktforschung so etwas, aber ich weiß nichts darüber. Man kann auch so auf unnotige Fremdworter verzichten und Verkomplizierungen weglassen. Es gibt hier ein Grundverständnis, einfach zu schreiben. Als okonomischer Journalist muß man die komplizierten Dinge verstanden haben, dann darf man verallgemeinern. Mein Frau ist für mich eine wichtige Testleserin. Ich frage mich oft: Würde es meine Frau interessieren? Als Akademikerin, aber okonomische Laiin muß sie meine Artikel auch verstehen konnen.
F.: Liest Ihr Sohn schon Ihre Artikel?
N.P.: Die Architektur internationaler Finanzmärkte kann man vielleicht noch einem erwachsenen Laien erklären. Für ein Kind ist das zuviel des Guten.
F.: Stellen Sie sich vor, ein Nachrichtenmagazin für Kinder käme auf den deutschsprachigen Markt und suchte einen Wirtschaftsredakteur. Würden Sie sich bewerben?
N.P.: Nein. Mich hat am Bücherschreiben gereizt, daß man die Phantasie spielen lassen kann, daß es etwas anderes ist als Journalismus. Das Schreiben für Erwachsene wird meine Haupttätigkeit bleiben.
F.: Schreiben Sie als nächstes einen Wirtschaftsroman für Erwachsene?
N.P.: Nein, da schreibe ich eher noch einen für Kinder. Der Markt bei den Erwachsenen ist schon sehr besetzt. Als erstes denke ich da an Bücher wie "Fegefeuer der Eitelkeiten" von Tom Wolfe. Die Geschichte selbst ist keine okonomische Geschichte, aber das Umfeld ist ein eminent wirtschaftliches - ebenso wie die Fragestellung, daß der Typus des globalen Finanzmenschen Wurzeln braucht. Sonst gleitet er davon wie der Held dieses Buches, der irgendwann sein Wertesystem verloren hat. Gerade in dieser globalen Wirtschaftswelt muß man sein Wertesystem sehr bewußt wählen.

Stefan Löffler in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 22)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Welt der Wirtschaft enträtselt von André Fourcans (André Fourcans)

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