Dandys - Virtuosen der Lebenskunst
Eine Geschichte des mondänen Lebens

von Günter Erbe

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Böhlau
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Günter Erbe hat sich auf die Spuren der Dandys des 19. und 20. Jahrhunderts begeben, die ihr Leben als Kunstwerk zelebrierten.

Die großen Zeiten der Dandys sind versunken wie die Titanic. Ihre Lebensart scheint in unserer heutigen Welt, deren schnelllebige Moden von Pop- und Filmstars vorgegeben werden, endgültig auf Grund gelaufen. Und so meint auch Günter Erbe, der in seiner "Geschichte des mondänen Lebens" die berühmtesten Dandys des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts porträtiert, dass es etwas "Erzwungenes" habe, die glamouröse Figur des Dandys ins Massenzeitalter hinüberretten zu wollen.

Diese These freilich hält den Kultur- und Literatursoziologen nicht davon ab, auf dem Buchklappenfoto wie ein altmodischer Dandy zu posieren: Anzug, tadellose Krawatte, stechend kühler Blick und ein leicht überhebliches Lächeln auf den Lippen. So muss der Dandy sein: stets ungerührt und gelangweilt von einer Welt, die er mit seiner Exzentrik überrascht. Wobei die ersten Dandys, beginnend mit dem unübertroffenen George Brummell, kleidungsmäßig zunächst noch das Understatement und die raffinierte Einfachheit liebten.

Der klassische Dandy zelebriert sich selbst als Kunstwerk, und das rund um die Uhr und mit beachtlichem Aufwand: "Der Fashionable musste am Tag sechs Paar Handschuhe tragen. Morgens benötigte er, um seine Briska zu lenken, Handschuhe aus Rentierleder; für die Fuchsjagd Handschuhe aus Gemsleder; für die Fahrt mit dem Tilbury Handschuhe aus Biber; für die Promenade am Nachmittag im Hyde Park Handschuhe aus Ziegenleder; für das Diner Handschuhe aus gelbem Hundeleder sowie für die Abendveranstaltung, einen Ball oder einen Rout, parfümierte Handschuhe aus weißgegerbtem feinstem Schafsleder oder weiße mit Seide gestickte Glacéhandschuhe." Wer nicht über genügend Geld verfügte, schied als Dandy von vornherein aus. Und selbst wer auf ausreichende Mittel zurückgreifen konnte, der ist nicht gefeit davor, sich im Alter seinen aufwendigen Lebensstil nicht mehr leisten zu können oder, von Spielschulden ruiniert, arm und einsam zu sterben.

Günter Erbe stellt nicht nur Menschen, sondern auch Epochen vor, schließlich kam die Figur des Dandys in einer Zeit auf, als die abgezirkelte Welt der Aristokratie gerade anfing, brüchig zu werden. Dandys sind ein Phänomen dieses Umbruchs. Spätere Dandys waren Künstler - wie Lord Byron, der radikale Schlankheitskuren machte. Oder der etwas dickliche Honoré de Balzac, der zwar zum Chronisten des Dandytums wurde, es aber selbst trotz größter Anstrengungen nie schaffte, als Dandy Anerkennung zu finden. Baudelaire wieder litt unter dem Dilemma, dass ein wahrer Dandy weder Literatur noch Kunst schafft, sondern nur sich selbst als Kunstwerk feiert. Und dann war da natürlich noch Oscar Wilde, der bei seinen Vorträgen mehrmals die Kleidung wechselte.

Erbe verliert sich nie in Modebetrachtungen. Er lässt Romanfiguren auf ihre realen Vorbilder treffen wie Robert de Montesquiou, der sowohl Marcel Proust für den Baron de Charlus in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" Pate stand als auch Joris-Karl Huysmans zu seinem dekadenten Helden in "Gegen den Strich" inspirierte. Montesquiou, im Alter vergessen und vom Leben enttäuscht, soll einmal gesagt haben: "Es ist schlimm genug, kein Geld zu haben; auch noch auf etwas verzichten zu müssen wäre zu viel."

Karin Cerny in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 31)


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