Leonid Breschnew
Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins. Eine Biographie

von Susanne Schattenberg

€ 41,00
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Verlag: Böhlau Köln
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 661 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.10.2017


Rezension aus FALTER 17/2018

Die Basis für jede Leonid-Breschnew-Gedächtnistour

Ein Witz aus der Endphase der „Stagnation“: Wer ist Breschnew? – Ein kleiner Diktator in der Epoche von Sacharow und Solschenizyn! Vorliegend ein umfassendes Porträt des Ukrainers, vom Stalin-Verehrer über den Günstling von Chruschtschow, durch dessen Absetzung Breschnew 1964 an die Macht kam. Bis zu seinem Tod 1982 war er Generalsekretär der KPdSU. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968 fällt wie jener in Afghanistan 1979 in seine Regierungszeit. Er küsste DDR-Honegger eindrucksvoll und erklärte sich selbst zum vielfachen Helden der Sowjetunion.

Erich Klein in FALTER 17/2018 vom 27.04.2018 (S. 9)



Rezension aus FALTER 12/2018

Leonid Breschnew, ein totalitärer Kümmerer

Eine Biografie über Leonid Breschnew schildert ihn fair und psychologisch als Vorstandsvorsitzenden des Sowjet-Konzerns

Für eine ganze Generation verkörpert der massige Mann mit den buschigen Augenbrauen mindestens seit Gorbatschow die Stagnation der späten Sowjet­union. Seine deutsche Biografin Susanne Schattenberg, Jahrgang 1969, betrachtet Leonid Breschnew von der anderen Seite: aus dem Blickwinkel von Sowjetbürgern, die Stalin und Chruschtschow erlebt haben.
Das geringschätzige Urteil der nächsten Generation mag die Autorin sich nicht zu eigen machen. Brauchbare Kriterien für ein Urteil über den „Staatsmann“ Breschnew gibt es aber nicht. Ein Generalsekretär der KPdSU, selbst wenn er wie Breschnew den lässigen Staats- und Lebemännern im Lebensstil gern nacheiferte, lässt sich an keinem Willy Brandt oder Richard Nixon messen. Breschnew war nicht bloß Politiker, sondern der Vorstandsvorsitzende eines Mischkonzerns mit 240 Millionen Mitarbeitern, Auszubildenden und Betriebsrentnern.

Hat man das verstanden, erscheint auch die Verfolgung von Dissidenten in einem anderen Licht. Zweck des „Konzerns“ ­Sow­jetunion war die Versorgung des eigenen Personals mit Gütern des täglichen Bedarfs. Der Unternehmenszweck war so einfach, so selbstverständlich, dass man jeden Quertreiber entweder für einen kriminellen Saboteur oder für verrückt halten musste. Unter Breschnew, formuliert die Autorin wohlwollend, schaltete die Sowjetunion „vom Revolutionsmodus in den Sozialmodus“. Man könnte auch sagen: Wie im Sowjetreich geht es in jeder Behörde oder großen Firma zu. Breschnew verwaltete einen logischen, bürokratischen, emotions­losen Totalitarismus.
Geboren 1906 in der Ukraine als Sohn einer gehobenen russischen Arbeiterfamilie, blieb der gerade elfjährige „Ljonja“ von der Revolution emotional wohl unberührt. Mit 15 schon musste der Bursche als Packer mit für den Unterhalt der Familie sorgen; es waren Hungerjahre. Parallel dazu durfte er studieren und wurde nach dem Abschluss in der Kollektivierung der Landwirtschaft eingesetzt. Als unter dem heimtückischen, mordlustigen Stalin jeder bei Nichterfüllung irgendwelcher Planzahlen als „Saboteur“ erschossen werden konnte, profilierte sich der junge Parteisekretär in der Ukraine als Kümmerer, der zuhörte, Probleme löste und jedem Versager eine zweite Chance gab.

Breschnews politischer Pate Nikita Chrusch­tschow, Stalins Nachfolger, setzte auf die „Massen“ statt auf die verängstigten und kompromittierten „Kader“. Die Palastrevolution, mit der jener diesen dann im Oktober 1964 stürzte, war die Rache dieser Kader. Von nun an lief alles in ruhigen Bahnen. Wenn es mit Ernten, der Versorgung oder der Konsumgüterindustrie nicht weiterging, griff Breschnew nicht zu Ideologie, sondern zu Krediten, teuren Weizenimporten und, soweit er persönlich an seine Grenzen kam, zu Tabletten. Seit den frühen 1970er-Jahren ergab der chronisch überforderte Kümmerer sich seiner Sucht nach valium­ähnlichen Beruhigungsmitteln und war, wie Schattenberg an etlichen grotesken Auftritten zeigt, seit 1976 amtsunfähig.

Vieles ist neu auf den 660 detailreichen Seiten dieser fairen und psychologisch überzeugenden Lebenserzählung. Aber einen einigermaßen sicheren Platz in der Geschichte, wie man es 35 Jahre nach dem Tod eines so mächtigen Staatenlenkers erwarten würde, kann Schattenberg ihrem Breschnew nicht zuweisen. Das mag daran liegen, dass das sozialistische Experiment überhaupt noch immer sperrig und scharfkantig in den Hirnen der Historiografen liegt. Was die Erinnerung an 100 Jahre Oktoberrevolution nicht geleistet hat, darf man auch von einer Breschnew-Biografie nicht erwarten.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 12/2018 vom 23.03.2018 (S. 21)


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