Alles, was du wünschst
Erzählungen

von Anne Enright

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Hans-Christian Oeser
Übersetzung: Jürgen Schneider
Verlag: DVA
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.09.2009

Rezension aus FALTER 50/2009

Fintan hat Fingersex mit Früchten

Erzählbände von Anne Enright und A.L. Kennedy widmen sich der Dauerkrise zwischen den Geschlechtern

An einem Samstagabend vor Weihnachten hatte ich mit einem Typen Sex und gab ihm meine Nummer. Er hatte etwas an sich, was mich hätte ahnen lassen können, dass er genau die Sorte Mann war, die anruft."
Einfach nur Sex zu haben ist bekanntermaßen komplizierter als man/frau denkt: "Die Männer sagen immer, sie wollen zwanglosen Sex, aber wenn man Vielen-Dank-gute-Nacht sagt, sind sie zutiefst beleidigt (…)" – so jedenfalls die Erfahrung der Protagonistin jener Geschichte, mit der Anne Enright ihren Band "Alles, was du wünschst" eröffnet. Es folgen 18 weitere, ursprünglich in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien erschienene Erzählungen. Alle sind aus weiblicher Perspektive geschrieben – mal in der ersten, mal in der dritten Person.
Dass der Name des Ich-Erzählers ungenannt bleibt, ist nichts Ungewöhnliches, hat hier neben den erzähltechnischen aber noch andere Gründe: "Ich wünschte, ich hätte einen Namen wie du. Wenn ich mit dir rede, bist du immer ‚Fintan'. Immer heißt es: ‚Fintan dies, Fintan das.' Doch meinen Namen sprichst du nicht aus. Manchmal glaube ich, dass du ihn gar nicht weißt – dass niemand ihn weiß."
Enright, die mit ihrem im Vorjahr auch in deutscher Übersetzung erschienenen Roman "Das Familientreffen" ("The Gathering") 2007 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, hat "Alles, was du wünschst" mit einem Erzählbogen versehen, der die einzelnen Storys überwölbt: Ohne das zum dogmatischen Prinzip zu erheben, werden die Protagonistinnen tendenziell älter; dem zwanglosen Sex mit Fremden folgt das Planen von und Reden über dann doch nie statthabenden Sex in den mittleren Jahren – und schließlich die Erinnerungen im Alter, dass das damals doch irgendwie auch mit Sex zu tun haben hätte können.

Ficken und übers Ficken reden ist auch das einzige Thema der vielleicht spektakulärsten, jedenfalls puristischsten Erzählung aus "Was wird"; und es wäre nicht A.L. Kennedy, würde es mit der offenkundigen Ironie des Titels auch schon sein Bewenden haben: "Mit Gefühl" breitet die Fleischwerdung des Wortes und Wortwerdung des Fleisches in seiner stotternden, zwischen Pathos und Banalität oszillierenden Dialektik aus:
"‚Ich könnte ja für dich eine Anzeige aufgeben – Fantastisch im Bett, zu allem bereit, tolle Lippen, nimmt manchmal alles ein bisschen ernst, bläst wie eine Nutte.' ‚Reizend.' ‚Damit meine ich ja nicht, dass du eine Nutte bist … Du bist ein netter Mensch. Süß. Ich mag dich.' ‚Warum sagst du, dass ich alles ein bisschen ernst nehme?' ‚Nun, Liebling, wir sind jetzt seit … seit Stunden dabei. Und du lässt dich einfach nicht richtig gehen, oder? Du bist noch nicht richtig gekommen.' ‚Ich bin gekommen.' ‚Aber nicht richtig.' ‚Ich bin gekommen.' ‚Ach, Süße … das ist, das ist wirklich traurig. Weißt du das?' ‚Ich bin ein trauriger Fall?' ‚Nein, nein, nein – es ist nur so – ich mache mir Sorgen um dich (…).'"
Ganz abgesehen einmal davon, dass Kennedy Dialoge schreiben kann wie nicht so bald sonst wer, besteht der simple, aber geniale Kniff der Erzählung darin, dass sie auf jeden Kommentar und jede Regieanweisung verzichtet: Was auch immer der Leser "zwischen den Zeilen" liest, ist nicht so sehr Auslegung eines von der Autorin versteckten Sinns, sondern Selbstauslegung: Du bist, wie du liest.

Als Erzählerin ist Kennedy viel zu klug und taktvoll, als dass sie ihre Storys auf entlarvende Pointen hin entwickeln würde. Sie ist eine Meisterin, wenn es darum geht, zu zeigen, dass das Harte und das Zarte Tür an Tür oder aber gleich in ein und derselben Person wohnen. Sie hat darüber hinaus ein Faible für Figuren, die ein bisschen oder auch gleich mehrere Bahnsteige neben der Spur sind: Männer, die ihre Frau mit Suppekochen umsorgen, von der aber einen Topf an den Kopf geworfen kriegen, wenn sie sich bis zum Knochen in die Hand schneiden ("Was wird"); Frauen die, im Isolationstank schwebend, über den Sex der Eltern hinter versperrten Schlafzimmertüren und das Gefühl nachdenken, den ein unter die Bluse geschobener Hamster auslöst ("Samstags Spätnachmittags"); Paare, die in jeder Hinsicht abgewirtschaftet haben, aber gerade in ihrer Weigerung, dies zur Kenntnis zu nehmen, eine störrische Würde entfalten ("Konditorgold"); verkrüppelte junge Soldaten im Schwimmbad ("Wie Gott uns schuf").
Und einen Fintan gibt es bei Kennedy auch. Er tritt als Nebenfigur in "Edinburgh", der vielleicht schönsten Geschichte des Bandes, auf und hat dort relativ keuschen Sex mit Obst, das bei uns als Kaki geläufig ist: "Das Wissen, dass man mit dem Finger die Haut der Sharon-Frucht durchstoßen konnte und dass sich der Finger in der Frucht so sehr, so deutlich, so haargenau wie in etwas anderem anfühlte, dass kein junger, haariger, schmuddeliger Obstverkäufer widerstehen konnte – dieses Wissen ließ sich nicht unterdrücken."
Diese immer wieder in die Ich-Perspektive eines mürrischen Obst- und Gemüsehändlers kippende Erzählung ist ein kleines funkelndes Meisterwerk und ein Beleg für Kennedys Kunst, uns gerade unleidliche und von Selbstverachtung angefressene Charaktere näherzubringen. Das gelingt der Autorin (die über eine zweite Karriere als Stand-up-Comedian verfügt) durch den strategischen Einsatz von Humor: Wir lachen hier nicht über den Protagonisten, sondern mit ihm, wenn er wieder einmal eine seiner mieselsüchtigen, aber ziemlich witzigen Tiraden vom Stapel lässt.

Auch Enright verfügt über Humor und scheut das unverstellte Pathos, das sie durch den überzeugend schnoddrigen Umgangston ihrer Protagonistinnen und eine Lakonie vermeidet, die die Tragik der Ereignisse dafür umso effektiver vermittelt. Als einfühlsame "Männerversteherin" indes reicht Enright nicht an ihre schottische Kollegin heran. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Spannung zwischen realistischer Beziehungspragmatik und den Schattenseiten, die sich fast unabdingbar offenbaren, ohne dass die Protagonisten diese verschweigen oder verdrängen müssten: die psychischen Beschädigungen des Mannes, dessen fortgeschrittenes Alter, das Befremden selbst gegenüber den eigenen Söhnen.
Und, Hand wohin auch immer: Mitunter sind Männer einfach langweilig, rätselhaft allein in der Berechenbarkeit kollektiven Verhaltens. "Auf die Liebe", eine der besten Geschichten des Bandes, erzählt von einer 39-jährigen Frau, die sich mit Freunden zu treffen pflegt, einige darunter ehemalige Geliebte, allesamt ausgestattet mit unglücklichen Frauen.
Sich selbst nimmt die Ich-Erzählerin als einzige Konstante wahr: "Ich bin immer noch so, wie wir mal waren." Als sie ihrem Gegenüber enthüllt, dass ihr vietnamesischer Lebensgefährte bedeutend älter ist als sie, schleichen sich dissonante Töne ein – freilich nur im Bewusstsein der Pro­tagonistin, nicht in die alkoholbegleitete salopp-sentimentale Konversation: "Ich erzähle noch ein wenig von ihm, und Shay beginnt zu begreifen, wie alt Hoa ist. Er tut das, was Männer tun, wenn sie meinen, ich kriege nicht den Beischlaf, der mir zusteht; amüsiert, aber auch überraschend perfide. Ich würde dich ficken. Ich lächle."

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2009 vom 11.12.2009 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Was wird (A.L. Kennedy)

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