Kein schöner Land

von Patrick Findeis

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Erscheinungsdatum: 01.06.2009

Rezension aus FALTER 30/2009

Das Slayer-Poster hängt noch an der Wand

Kein schöner Land in dieser Zeit? Als hier das unsre weit und breit? Von wegen. Und vom Sichfinden unter Linden zur Abendzeit, von dem das Volkslied schwärmt, kann wohl auch kaum die Rede sein im Dorf Rottensol und in der Kreisstadt Friedberg, irgendwo in einem stillen und properen Winkel Württembergs. Der Autor Patrick Findeis kennt sich dort aus, er ist da geboren – 1975 in Heidenheim an der Brenz.
Noch so ein Provinzroman, denkt man, eine Adoleszenzgeschichte übers Aufwachsen in der hübschen und herzlosen Hinterwelt in den 1980er- und 1990er-Jahren, ach ja. Denn der Titel kann ja wohl nur sarkastisch gemeint sein. Worum wird es schon gehen: um Jugendfreundschaften, um erste Liebe und ersten Fummelsex. Und natürlich geht es im Debütroman des Patrick Findeis darum auch. Freilich immer vor dem Hintergrund des sozialen Wandels auf dem Land, den der Autor in Nebensätzen immer wieder kurz und trocken antippt. Dörfer veröden, Dorfkneipen gehen ein, Bauernhöfe werden stillgelegt, hinter den brachliegenden Feldern werden Neubausiedlungen hochgezogen, die Dorfjugend wandert ab.

Die Landflucht scheint denn auch das Thema dieses Romans zu sein, zumindest dem ersten Augenschein nach, und erzählt wird es am Beispiel zweier Unternehmersöhne aus einer Schlosserei in der Kreisstadt, Olaf und Jürgen, und zweier Dorfbuben, Uwe und Alexander aus Rottensol. Alle vier kennen einander von Kindesbeinen an, und alle vier treibt es fort aus der Provinz – in die Großstadt, auf die Walz, in die Fremdenlegion.
Doch was genau ist es, das sie forttreibt? Die Engstirnigkeit, die soziale Kontrolle, die Lebenslügen der Eltern, die Lieblosigkeit und menschliche Kälte. Klar. Und erwartbar. Weniger vorhersehbar sind andere Gründe, die den Jungen das Bleiben verleiden: der Zwist der Söhne mit den herrschsüchtigen Vätern und bornierten Müttern; der ewige Ehestreit daheim; der geheime Bruderkrieg zwischen den verfeindeten Schlossersöhnen Olaf und Jürgen; die zerbrochene, genauer: zerbröselte Bubenfreundschaft zwischen Olaf und Uwe.
Diese Kinderliebe ist bereits an der ersten Karrieregabelung zu schanden gegangen, als der Gymnasiast Olaf vom Hauptschüler Uwe plötzlich nichts mehr wissen will. Und als Uwe um Olafs Freundschaft wirbt, sein Bruder sein möchte, wird er nur ausgelacht. Als kostbares Andenken an die gemeinsamen kindlichen Ausbruchsträume bleibt Uwe nichts als eine "Star Wars"-Spielfigur, die Olaf bei seinem letzten Besuch vergessen hat. Als Uwe diese zurückbringen will, ist Olaf nicht da. Dessen jüngerer Bruder nimmt das Männchen entgegen – und schmort ihm prompt mit dem Feuerzeug den Kopf weg.

Am wenigsten erwartbar ist die Plotwendung, mit der Patrick Findeis seine Romanhandlung in Gang setzt: mit einer mehrfachen Heimkehr. Die Jungen haben das Weite gesucht, aber sie haben es nicht gefunden. Es hat sie fortgetrieben von daheim, aber sie kommen nicht los. Sie kehren zurück in ihre Elternhäuser, zurück in ihre museal unberührten Kinderzimmer von damals, in denen die Iron-Maiden- und Slayer-Poster immer noch an der Wand hängen. Ihre Rückkehr hat gute Gründe: Die Vergangenheit treibt sie um. Sie wollen endlich begreifen, was damals geschehen ist.
Im Zentrum der ungeklärten Ereignisse stehen der Brand in der Friedberger Schlosserei vor zehn Jahren und Uwes Tod nicht lange danach. War das Feuer ein Unglück aus Fahrlässigkeit, oder war es Brandstiftung? Hat der Lehrling und Bauernsohn Alexander den Brand verschuldet, weil er glühende Späne in die falsche Tonne geleert hat, wie der Schlossereibesitzer Fetsch behauptet? Oder hat der alte Fetsch einen Versicherungsbetrug inszeniert? Oder hat Olaf, der ältere Fetsch-Sohn, die Firma des Vaters abgefackelt und ist danach zur Fremdenlegion abgehauen? Oder ist das nur eine Verleumdung, die der gehässige jüngere Bruder in Umlauf gebracht hat? Und warum ist der Lehrling danach aus dem Dorf verschwunden? Weil er nach dem Brand keine Arbeitsstelle mehr hatte? Oder weil seine Mutter keinen schwulen Sohn auf dem Hof dulden wollte?

Jede Figur hat sich ihren eigenen Reim auf das Geschehene gemacht, aber diese Deutungen widersprechen einander. Reihum erfolgen nun die Schuldzuweisungen. Viele Versionen kommen zur Sprache, aber welche ist die wahre?
Die widersprüchlichen Deutungen kreisen vor allem um Uwe, den Sohn des Wirten, der möglicherweise ein Kuckuckskind des Bauern Späht ist. Vom Vater gehasst und von der Mutter belogen ist er die eigentliche Hauptfigur, der einzige Unschuldige und eine zutiefst tragische Gestalt: ein unglücklich Liebender, der nicht zurückgeliebt wird. Weder vom bewunderten Olaf noch von seiner ersten Flamme Nicky, die mit dem Drogenmilieu kokettiert, aber rechtzeitig die Reißleine zieht, während Uwe einen elenden Drogentod mit traurigem Triumph stirbt: "Dass er allen einen Schritt voraus wäre, dachte er, und lächelte bei dem Gedanken, einer von zwei Junkies in Rottensol zu sein."
Uwe ist der Einzige, der bleiben und sesshaft werden möchte, aber von allen zurückgestoßen wird. Ihm wird alles verwehrt, das Weggehen ebenso wie das Bleiben. Alle haben ihm übel mitgespielt. Am Schluss bleibt ihm niemand und nichts außer Menschenfinsternis.
Patrick Findeis erzählt das alles dicht, aber leicht, auf knappen 200 Seiten, in einprägsamen Bildern und raffinierten Zeitsprüngen, die ganz zwanglos gefügt erscheinen. In den wortkargen Dialogen schwingt das Ungesagte immer bedrohlich mit. Dem Leser wird keine Deutung oktroyiert: Er muss sich schon seine eigene Lesart dieses schmerzlich intensiven, meisterlichen Debütromans erarbeiten.

Sigrid Löffler in FALTER 30/2009 vom 24.07.2009 (S. 24)


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