Die Ausplünderung der Mittelschicht
Alternativen zur aktuellen Politik

von Marc Beise

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Erscheinungsdatum: 13.07.2009

Rezension aus FALTER 34/2009

Und was wird aus uns? Die Beschwörung des großen Wir

Wir haben Jobs, arbeiten viel, verdienen aber auch nicht schlecht. Wir wohnen gut. Wir haben ein geräumiges Auto, manche von uns sogar ein schickes. Wir fahren in Urlaub, wenn auch selten in den Club Méditerranée. Wir können uns einiges leisten, der eine oder andere sogar eine Scheidung inklusive Versorgung der alten und der neuen Kinder." Es ist ein treffendes Bild, das Marc Beise in "Die Ausplünderung der Mittelschicht" zeichnet.
Der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung weiß auch, woran die in der Mitte so zu leiden haben: Sparen fürs Alter, den Kindern etwas aufbauen, das sei nicht mehr möglich. "Was wir haben, das schmilzt uns in den Zeiten der Finanzkrise dahin." Mittelklasse zu sein ist ein hartes Schicksal, so Beises Befund.

Das Buch spielt mit dem Bild einer Gruppe
der Gesellschaft, das vor allem ein Mythos der Politik ist – das ist in Deutschland nicht anders als hierzulande. Der Mittelstand muss aufgepäppelt werden, sagen die Politiker in jedem Wahlkampf. Schließlich finden sich in der Mitte die meisten Wähler. In der Praxis ist es aber natürlich auch die breite Mittelschicht, die ordentlich in den Sozialstaat einzahlt, alleine schon wegen ihrer Größe. Beise ortet darin eine Schieflage des Systems, in der Gesellschaft werde "Politik an die Ränder gedacht: Gebt den Armen, nehmt den Reichen!" Hier wird die ideologische Schlagseite des Wirtschaftsjournalisten deutlich erkennbar.
Interessant ist vor allem die psychologische Komponente der Mittelstandsdiskussion. Beise beschwört geschickt das Wir-Gefühl derer in der Mitte und schafft so eine Identität. Mit einer Definition, unter der sich viele wiederfinden können. Angestellte, Facharbeiter, Handwerker, Kleinunternehmer, Beamte. Wer Mittelstand ist, liegt ohnehin immer im Auge des Betrachters. Politiker definieren je nach ihrer Ideologie Einkommensgrenzen. Die einzig seriöse Definition wäre jene der Wirtschaftsforscher: Mittelschicht würden sie an dem statistisch mittleren Einkommen festmachen. Auch Beise hält sich in dieser Frage lieber nicht mit Zahlen auf.
Er fordert Reformen in der Krise ein, um die Belastungen gerechter zu verteilen. Dabei plädiert er wenig überraschend nicht für die Umverteilungsideen von Oskar Lafontaines Linkspartei, die bei denen da oben Geld holen will, um unten zu investieren – Beise ist klar gegen den "Wohlfahrtsstaat, der alles regeln will". Beim Kapitel "Lasst uns froh und neoliberal sein" wird schon am Titel klar, in welche Richtung es gehen soll. Das größte Missverständnis, so der Autor, sei die Rückkehr zu einer sozialen Marktwirtschaft – "weil der Markt an sich zwar nicht zu verhindern ist, aber auch nicht ganz von selbst ein wohliges Leben garantiert, muss eben der Sozialstaat her". Beise kritisiert die Kritiker des Neoliberalismus und liefert eine ausführliche historische Analyse dieser Denkrichtung.

Die Freiheit des Einzelnen, Eigenverantwortung, weniger Regeln des Staates, dies sind seine Prämissen. Das erinnert alles auch an die Bürgergesellschaft, die hierzulande schon der schwarze Chefideologe Andreas Khol propagierte. Ein bisschen bürgerliches Selbstverständnis, etwas Neoliberalismus und viel Psychologie: "Die Ausplünderung der Mittelschicht" will kein Sachbuch, sondern eine Polemik sein. So betrachtet ein spannender Beitrag zur Umverteilungsdebatte – weil er wohl den Nerv von vielen aus der Mitte voll trifft.

Julia Ortner in FALTER 34/2009 vom 21.08.2009 (S. 19)


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