Die Goldene Legende
Roman

von Nadeem Aslam

€ 25,70
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Übersetzung: Bernhard Robben
Verlag: DVA
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.09.2017


Rezension aus FALTER 41/2017

„Auch ein Rassist ist mein Bruder“

Der in England lebende Nadeen Aslam bleibt seinem Thema treu: dem zerrissenen Pakistan

Wenn das ein Zufall ist, dann ein merkwürdiger. 70 Jahre nach der Unabhängigkeit der Kolonie Britisch-Indien und der Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan haben zwei Autoren den gleichen Roman geschrieben, einmal aus indischer, einmal aus pakistanischer Sicht. Spiegelbildlich erzählen sie vom indischen Subkontinent im Würgegriff einer Regierungspolitik, die im Namen eines religiösen Reinheitsfanatismus Andersgläubige und ethnische Minderheiten verfolgt oder tötet und Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zugrunde richtet.
Beide Romane sind ein Mix aus Breaking News und Märchen, arbeiten reale und medienbekannte Massaker und Attentate in ihre Erzählungen ein – hier den Terror der Hindu-Nationalisten gegen indische Muslime, dort den Terror islamischer Sektierer gegen pakistanische Christen. Beide machen sich die Sicht der machtlosen Opfer zu eigen, zeigen deren menschliche Integrität und befördern sie zu moralischen Helden. Darüber hinaus thematisieren beide den Kaschmir-Konflikt und zeigen, wie brutal die jeweiligen Militärs die Bevölkerung des Hochtals drangsalieren, um den Unabhängigkeitskampf der Separatisten zu unterdrücken.
Und schließlich lassen beide Romane am Ende allen Fakten-Realismus hinter sich, indem sie mit poetischen und surrealen Erzählmitteln eine wundersame Gegenwelt – hier einen Friedhof, dort eine Insel – für ihre verfolgten Helden entwerfen, in der diese ein friedliches Zusammenleben aller Religionen und Ethnien modellhaft erproben können.

Zum 70. Jubiläum der Eigenstaatlichkeit hätten die Inderin Arundhati Roy und der britisch-pakistanische Autor Nadeem Aslam ihren jeweiligen Herkunftsländern kein kritischeres Zeugnis ausstellen können als mit den Romanen „Das Ministerium des äußersten Glücks“ und „Die goldene Legende“.
Nachdem Arundhati Roy ihre indischen Romanhelden nach allem politischen Ungemach in ein märchenhaftes Finale entlassen hat, schickt nun Nadeem Aslam seine pakistanischen Hauptfiguren – ein innig befreundetes Häuflein von Christen und liberalen, weltoffenen Muslimen – auf einen Schmerzensweg durch die Islamische Republik, öffnet ihnen aber zugleich ein ebenfalls märchenhaftes Asyl auf einer verzauberten Insel mitten im Fluss, der die fiktive Stadt Zamana (erkennbar als Lahore) durchströmt.
Pakistan erscheint in Aslams Roman als das, was es ist: eines der krawalligsten und korruptesten Länder der Erde, ein autokratischer, despotischer Scharia-Staat im permanenten Ausnahmezustand, gelenkt von Armee, Geheimdienst und – aus der Ferne (via CIA) von der Einflussmacht USA. Blasphemie gilt als Kapitalverbrechen und wird mit dem Tode bestraft, und angebliche Gotteslästerung und Verunglimpfung des Propheten Mohammed dienen als beliebter Vorwand für die Verfolgung von Minderheiten. Es herrschen Mob-Gewalt, Fanatismus und Intoleranz, religiöse Extremisten mit dunklen Gebetsbeulen auf der Stirn kontrollieren jeden Haushalt, am Himmel nehmen US-Drohnen Zivilisten ins Visier, um sie abzuschießen, und von den Minaretten werden nicht nur die Gebetsstunden, sondern auch die intimsten Geheimnisse der Bürger ausgerufen (nur Letzteres ist eine Erfindung).

Wie bei Arundhati Roy hat auch bei Aslam die Fantasie das letzte Wort. Der Autor gewährt seinen gepeinigten, aber ungebrochenen Romanhelden den Trost der titelgebenden „Goldenen Legende“ und imaginiert jene Flussinsel als Ort, an dem Religionsfrieden herrscht. Dort sucht das Architekten­ehepaar Massud und Nargis seinen Traum eines panreligiösen, pannationalen Refugiums zu verwirklichen: das Projekt einer idealen Moschee, die alle Strömungen des Islam vereint, flankiert von einem Hindutempel und einer christlichen Kirche.
Auf dieser Insel der Toleranz und des gegenseitigen Respekts sind die Verfolgten zeitweise sicher vor den Nachstellungen des Militärgeheimdienstes, der Terrormilizen und der Lynchmobs. „Ich bin ein politischer Mensch“, erklärt Nadeem Aslam beim Gespräch in Berlin, wo er seinen fünften Roman beim Literaturfestival vorstellte. Doch er fügt hinzu: „Mein tiefstes Gefühl gilt der Schönheit der Schöpfung. Die Schönheit und den Schrecken der Welt zu verbinden – das ist der Grundzug aller meiner Bücher.“
Und Bücher, das merkt man beim Lesen nicht nur dieses Romans, sind für Nadeem Aslam das Schönste und Heiligste überhaupt. Unvergesslich das Eingangsbild des Romans, die kilometerlange Menschenkette, die alle Bücher aus der Islam-Abteilung der Bibliothek von Zamana von Hand zu Hand weiterreicht in das neue, von Massud und Nargis entworfene Gebäude, denn die durch die Menschenhände wandernden Bücher, in denen „an irgendeiner Stelle der Name Allahs oder Mohammeds auftaucht“, sollen mit nichts Unreinem, etwa einem profanen Lasttransporter, in Berührung kommen.
Ein prachtvolles, tausendseitiges Buch dient auch als Leitmotiv der „Goldenen Legende“. Massuds Vater hat es geschrieben. Es trägt den Titel „Auf dass sie sich kennenlernen“ und ist eine Enzyklopädie des jahrhundertelangen Austauschs von Ideen zwischen Ost und West, eine Hommage an die wechselseitigen Kulturkontakte zwischen Orient und Okzident. Denn: „Tradition und Geschichte haben sich schon immer vermischt, und nichts im Osten oder Westen ist je rein gewesen.“
Einer der Reinheitsfanatiker, ein gewalttätiger Militärgeheimdienstler, schlitzt den Prachtband kreuz und quer auf, um das liberale Gedankengut darin zu zerstören, aber Nargis und ihre Freunde reparieren das Buch. Mit goldenem Faden nähen sie die einzelnen Seiten wieder zusammen, bewahren seine menschheitsverbindende Tradition und halten so den Gedanken der kulturellen Vermischung hoch.
Politischer Widerstand in Gestalt des Kampfes um ein Buch – das entspricht dem ästhetischen Gefühl des Buch- und Symbolliebhabers Aslam. 1980, als 14-Jähriger, flüchtete er mit seiner Familie aus Pakistan nach England, wo er politisches Asyl erhielt, weil sein Vater, ein Poet und Filmregisseur, in seiner alten Heimat als Kommunist verfolgt wurde. Die Romane Aslams, so poetisch, lyrisch und metaphernselig sie auch klingen, kreisen alle um Pakis­tan, denn: „Pakistan ist ein Mikrokosmos aller heutigen Probleme.“ Nadeem Aslam muss sich die Welt nicht erst als negative Utopie konstruieren, wie es der jüngsten westlichen Literaturmode entspricht. „Ich beschreibe diese Welt als Realität, denn als Pakistani, der zwischen London und seinem Geburtsland pendelt, lebe ich in dieser Dystopie.“

Das Werk dieses Autors ist geprägt von den beiden großen Themen seines Lebens: von den zerstörerischen Zuständen im „failed ­state“ Pakistan und von den Identitätskonflikten und Zurückweisungen, denen sich der pakistanische Zuwanderer in England ausgesetzt sieht, wo er rassistischen Hass auch immer wieder am eigenen Leib erfahren musste.
„Ich halte Rassismus für ein Leiden auf spiritueller Ebene“, erklärt Aslam. „Als wir in England ankamen, hat mich der Hass traumatisiert, ich war ja völlig ausgesetzt und verwundbar. Aber ich habe mich nie unterlegen gefühlt. Ich war mir des kulturellen Beitrags meiner Heimat immer bewusst und stolz darauf. Und ich kann Rassisten nicht hassen, das entspricht nicht meinem Temperament. Ich sehe auch den hassenden und an seinem Hass leidenden Rassisten als meinen Bruder.“
Als Schriftsteller fühlt sich Aslam zwiegespalten. „Ich bin ein Mann der Ränder. Als Person bin ich machtlos, gehöre zur Arbeiterklasse. Doch mein Schreiben macht mich doch in gewisser Weise mächtig.“

Sigrid Löffler in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 18)


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