Mein Leben

von Marcel Reich-Ranicki

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Verlag: DVA
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 568 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.1999

Rezension aus FALTER 34/1999

Von Reich zu Ranicki

Die Autobiografie von Kritikerstar Marcel Reich-Ranicki ist die Geschichte einer durch und durch literarischen Existenz und die Geschichte einer Karriere im Land der Täter.

Das Schnitzel war hervorragend", sagte der Gast aus Polen, und es entstand eine peinliche Stille - tatsächlich hatte es Kotelett gegeben. Gastgeber Siegfried Lenz fand diesen Fauxpas - bei einem Gespräch über Kafka! - nur allzu verzeihlich. Was Lenz nicht wusste: Dem jungen Literaturkritiker Marcel Ranicki hatten viel elementarere Sorgen die Sicht aufs Essen verstellt.

"Solange solche Menschen wie Siegfried Lenz in diesem Lande leben", hatte er bei jenem Mittagessen während seiner ersten Reise nach Westdeutschland im Dezember 1957 gedacht, "kann ich es wagen, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche herzukommen." Im Sommer 1958 kam er in Frankfurt am Main an; mittellos, aber mit einem unsichtbaren Schatz im Gepäck: einer großen Liebe zur deutschen Literatur - und einem untrüglichen Urteil über ihre Stärken und Schwächen.

Binnen zwei Jahren hatte sich Marcel Reich-Ranicki - wie er sich, ergänzt um seinen Geburtsnamen, fortan nannte - über FAZ, Welt, den Rundfunk und die Zeit zu den führenden Buchkritikern des deutschsprachigen Raums hinaufgeschrieben. Den kometenhaften Aufstieg besiegelte 1973 die Bestellung zum Literaturchef der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dass seine soeben erschienene Autobiografie mit dem lapidaren Titel "Mein Leben" auch ein "Deutschlandbuch", eine Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur geworden ist, liegt auf der Hand.

1920 im polnischen Wloclawek geboren, wird ihm von der Mutter die Liebe zur deutschen Literatur in die Wiege gelegt. 1929 muss die Familie wegen des Bankrotts der väterlichen Fabrik nach Berlin übersiedeln. "Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur", verabschiedet ihn seine Lehrerin. Doch zu dem Glück, das er der Beschäftigung mit der deutschen Kunst verdankt, gesellt sich schon bald ein zweites Gefühl: die Angst vor der deutschen Barbarei.

Literatur und Leben - schon in der prägenden Berliner Zeit sind diese beiden Bereiche für den jungen Marcel kaum mehr zu trennen. Vor der Bedrohung des Dritten Reichs zieht er sich in die Welt von Literatur und Theater zurück, wo er seine Gefühle und Gedanken wiederfindet. Er will Kritiker werden und weiß schon jetzt, dass man "in der Literaturbetrachtung auch etwas riskieren müsse" und "sich von Klassikern nicht einschüchtern lassen solle". 1938 wird er nach Warschau deportiert. Zu den erschütterndsten Passagen des Buchs gehören die Erinnerungen an das Ghetto, an Hunger und Seuchengefahr, Willkür und Demütigungen, aber auch an das Glück der "Gegenwelt" der Orchester- und Kammerkonzerte, an die Intensität einer Liebe, die jeden Augenblick mit dem Pochen der Gewehrkolben an der Wohnungstür zu rechnen hat. Mit seiner Frau Tosia flieht er im Februar 1943 auf dem Marsch zum Umschlagplatz - seine Eltern und sein Bruder wurden in Treblinka ermordet. Über den Umweg von Zensurbehörde, Geheim- und diplomatischem Dienst, aus denen er sich schon 1949 abberufen lässt (als Konsul in London nimmt er den Namen Ranicki an, da "Reich" negative Assoziationen weckt), kehrt er - politisch nunmehr Persona non grata - zu seiner ersten Liebe zurück: Er wird Kritiker, Herausgeber, Übersetzer deutscher Literatur.

Anna Seghers und Bertolt Brecht eröffnen einen beeindruckenden Reigen von Begegnungen mit Dichtern - die dem Respekt vor dieser Spezies jedoch offensichtlich nicht gerade zuträglich waren. Die Poeten deutscher Zunge erscheinen fast durchwegs als eitle Geschöpfe, nur an sich selbst und ihrem Schaffen interessiert und im Verhältnis zu ihrem Kritiker von einem einzigen Umstand bestimmt: dessen Kritik ihres letzten Werks.

Seiner Neigung zum Plakativen gibt der Gesprächsleiter des "Literarischen Quartetts" als Erzähler seiner eigenen Lebensgeschichte glücklicherweise nur selten nach. Hier schreibt einer, der noch auf der Suche nach der eigenen Wahrheit zu sein scheint, tastend und mit einer verhaltenen Angst vor dem Ergebnis. Auch Fragen wie die, ob das eine oder andere Urteil nicht etwas weniger hart hätte ausfallen können, wirken auf diese Weise nicht aufgesetzt. Statt ausschließlich um die eigene Befindlichkeit zu kreisen, hat Reich-Ranicki denen, die seinen Lebensweg mitgingen oder streiften, einfühlsame Porträts gewidmet: von seinem Lehrer Reinhold Knick - für den Heranwachsenden die Verkörperung des klassischen Ideals - über das Oberhaupt der Juden des Warschauer Ghettos, Adam Czerniakow, bis zum verfallenden Erich Kästner, dessen "Lyrische Hausapotheke" die geliebte Tosia im Ghetto für ihn kopiert hatte.

In ihrer Schlichtheit gewinnt diese sachliche Prosa bisweilen eine große Tiefe. Einige der Geschichten, die ihm das Leben (vor)geschrieben hat, prägen sich tief ins Gedächtnis ein: von so amüsanten Begebenheiten wie der Selbstaufklärung des Pubertierenden anhand einer aus dem Papierkorb gefischten Gebrauchsanweisung für Kondome bis zu der ergreifenden Geschichte, wie er 1940 seine spätere Frau kennenlernt, deren Vater soeben Selbstmord begangen hat. Oder die Nächte, in denen er dem Setzer Bolek und seiner Frau Genia, die ihn und Tosia die letzten beiden Kriegsjahre versteckt hielten, aus dem Gedächtnis Geschichten erzählt, um sie zu unterhalten - "auf simple Spannung reduzierte Kurzfassungen von Romanen und Novellen, Dramen und Opern", für die er mit einem Stück Brot oder einigen Mohrrüben "belohnt" wird.

Die Bilderbuchkarriere im Land der Täter gleicht aus der Innenperspektive eher einer Gratwanderung zwischen der eigenen Empfindlichkeit und der mangelnden Sensibilität derer, die damals weggeschaut haben. Zur Präsentation des Hitler-Buchs seines Freunds und zukünftigen Vorgesetzten Joachim Fest etwa wird der designierte FAZ-Literaturchef zusammen mit "Führers Architekten" Albert Speer eingeladen - und Gastgeber Jobst Siedler scheint sich dieser Ungeheuerlichkeit nicht einmal bewusst zu sein. Trotz Erfolgs und Privilegien fühlt sich Reich-Ranicki ausgegrenzt - und ist sich unsicher, ob als Jude oder als berühmter Kritiker und "gefährliche Rarität". Die unbekannte Journalistin Ulrike Meinhof ist in den Sechzigerjahren die Erste, die ernsthaft etwas über seine Zeit im Ghetto wissen will.

Dass es nicht immer leicht war, mit ihm zusammenzuarbeiten, und dass, wer Wind sät, auch damit rechnen muss, Sturm zu ernten - darüber ist sich der streitbare und naturgemäß umstrittene, von seinen Gegnern und Neidern bald als "Großkritiker" und "Literaturpapst" geschmähte Reich-Ranicki im Klaren. "Also keine Klagen, keine Beschwerden meinerseits. Doch will ich nicht verheimlichen, dass mich die Brutalität mancher gegen mich gerichteten Äußerungen verblüfft hat."

"Wohin ich kam, da war die deutsche Literatur." Der Kernsatz dieser Autobiografie einer durch und durch literarischen Existenz ist ergänzungsbedürftig. Ob er im Nachkriegspolen deutsche Autoren übersetzte oder in Westdeutschland schon 1960 die erste Anthologie der DDR-Literatur herausgab - wo immer Marcel Reich-Ranicki hinkam, brachte er sein unsichtbares Gepäck mit, sein "portatives Vaterland" namens deutsche Literatur.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 34/1999 vom 27.08.1999 (S. 51)


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