Mesopotamia
Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends

von Christian Kracht

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Ja, wie geht es uns denn?

Keine Ahnung" hat die Protagonistin der Titelgeschichte im gleichnamigen Erzählband von Karen Duve - keine Ahnung, wie sie das Abitur geschafft hat. Denn: Mit Lernen war da nicht viel. "Mir war das Sein schon zu viel, ich wollte nicht auch noch etwas werden", begründet die Icherzählerin ihre Fortbildungsverweigerung. Und: "Für mich war die Zukunft bloß ein Feind mehr, der es auf mich abgesehen hatte."

Einsamkeit, Außenseitertum und stille Rebellion, Enttäuschung, Selbstentfremdung und Identitätssuche sind die Themen von "Keine Ahnung". In klarer, geradliniger Sprache berichtet sie von Menschen, die sich selbst abhanden gekommen sind, die ziellos durch das Leben irren. Glücklicherweise sind die Protagonisten bei all diesem Unglück aber auch mit einer großen Leidensfähigkeit ausgestattet, und so wird wenig gejammert und geklagt in den Geschichten der 38-jährigen Deutschen. Die betrübliche Seinslage wird protestantisch-nüchtern hingenommen: Ist eben so und aus.

Einen Gegenpol zu Duves Realitätssinn bildet ihre Vorliebe fürs Fantastische. Gibt sie dieser nach, kann es dann passieren, dass - wie in der glanzvollen Schlusserzählung "Im tiefen Schnee ein stilles Heim" - plötzlich natterndicke Oktopusarme aus dem Unterleib einer alten Frau wachsen und eine wohl auf ewig traumatisierte Icherzählerin zu umschlingen versuchen. Der sensible Leser sei also vorgewarnt.

Mondenhaft, allein und "derart von Nichts umgeben, dass seiner Existenz von Anfang an etwas Unglaubliches anhaftete", wird nachts auf der Straße ein großes, ungeschlachtes Kind gefunden. Weder weiß es zu sagen, wie es heißt, noch wo es wohnt, noch wer seine Eltern sind. Nur die Frage nach dem Alter kann es beantworten: Vierzehn sei es. Also wird das seltsame Mädchen in ein Kinderheim gebracht.

In dem umzäunten Gelände fühlt es sich sofort wohl, obwohl oder gerade weil es von den anderen Heimkindern nur gehänselt und verspottet wird. Denn: "Der unterste Platz ist immer der sicherste", weiß das Kind. Und: "Welche Gnade, aufgegeben worden zu sein." Doch das regressive Glück des eigenartigen Findelkindes währt nicht allzu lange, denn eine mysteriöse Krankheit zwingt es auf eine unerwartete Weise, das geliebte Heim für immer zu verlassen.

Es ist eine leise, fein gewebte Geschichte, mit der die 1967 in Berlin geborene Jenny Erpenbeck ihr literarisches Debüt feiert. Ausnehmend klar und entschlackt wirkt die Sprache, in der die studierte Musiktheaterregisseurin ihre "Geschichte vom alten Kind" erzählt - eine Geschichte, in der es um Rückzug geht, um die bewusste Verweigerung gegenüber einer aggressiven Ellbogengesellschaft, eine Geschichte auch, die unschwer als eine sanfte, märchenhafte Reminiszenz an die Vorteile des sozialistischen Gesellschaftsmodells verstanden werden kann, als schmeichelnde Parabel über die positiven Seiten einer längst vergangenen Zeit.

Stefan Ender in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 63)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Keine Ahnung (Karen Duve)
Geschichte vom alten Kind (Jenny Erpenbeck)

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