Kursbuch Medienkultur
Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard

von Lorenz Engell

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Wie schafft man es, die ganze Welt medienwissenschaftlich zu erklären? Frank Hartmann versuchte es mit einem rekonstruktiven Streifzug durch die Philosophie der Neuzeit. Wo ein Medium, da Kultur. Oder umgekehrt. Wird über beide zusammen nachgedacht, ist eine Medientheorie nicht weit. Mit deren Produkten scheint es sich ähnlich zu verhalten wie mit den Soft- und Hardware-Aktien auf den Hightech-Börsen. Sie boomten in den letzten Jahren und waren dabei von skeptischen Fragen nach ihrem tatsächlichem Wert und nach einem Ende der Hausse begleitet.
Gleichzeitig erkämpft und befestigt Medienwissenschaft sich gerade einen eigenen Platz als akademisches Fach, und das bedeutet eine Periode verstärkter Kanonisierung in der Absicherung von Kategorien und "Schulen". Beide der hier vorgestellten Bücher, Frank Hartmanns "Medienphilosophie" und das "Kursbuch Medienkultur" sind mit dem Abstecken eines noch unsicheren Terrains beschäftigt. Und beide distanzieren sich wohltuend von der beständigen Ausrufung von Neuheit, von der ihr Gegenstand, eben die "neuen Medien", begleitet ist.
Das programmatische Projekt "Medienphilosophie", zu dem Frank Hartmann einlädt, führt in einer Tour de Force durch 15 Kapitel und noch mehr Positionen aus der Geschichte der modernen Philosophie. Es beginnt beim unvermeidlichen Rene Descartes und endet unerwartet bei - DJ Spookey. Vor allem in seiner ersten Hälfte wird das Buch dabei seinem eigenen Anspruch gerecht, philosophische Texte aus einer zeitgenössischen Perspektive, die ihre Erfahrungen aus dem Umgang mit digital-elektronischen Ensembles schöpft, wieder zu lesen und zu rekonstruieren.
Über den Umweg des kritischen und selektiven Berichterstatters rekapituliert der Autor ein umfassendes Arsenal medientheoretischer Argumentation und bleibt dabei selbst einem sehr weit gefassten Paradigma der Kommunikation verpflichtet: So versteht er technische Medien als historisches Apriori des Denkens, dann wiederum wird Philosophie aus soziologischer und wissenshistorischer Perspektive erklärt, um schließlich auch ihrerseits als autonome reflektierende Instanz gewürdigt zu werden. Beispiele für solches Changieren lassen sich schon in der Interpretation der Klassiker finden: Die Erfindung des Subjekts bei Descartes wird neben anderen Faktoren auf die Effekte der Buchkultur zurückgeführt. Der Entwurf von Rationalität samt politisch-moralischer Gebrauchsanweisung bei Kant erscheint einerseits als originäre Leistung eines Denkers, der auf die Medialität von Erkenntnis verwies, und wird andererseits mit der Zeitgenossenschaft eines sich entwickelnden Prinzips der Öffentlichkeit verbunden: "Öffentlichkeit, Medien oder Buchkultur sind kein philosophisches Thema, sondern werden mit dem Begriff Publizität implizit thematisiert, als Leitbild einer noch zu leistenden Vernunftaufklärung."
In den nächsten Kapiteln steht dann wiederum die traditionelle Geste einer Reflexion von Medien durch die Philosophie - zunächst am Beispiel von Sprache und Schrift - im Vordergrund. Dieser Geste bleibt Hartmann dann weitgehend verhaftet, wenn er seine Stimme über eine Chronologie der vielfältigen Exkurse zum Thema Denken, Kommunikation und Wirklichkeit legt. Bei aller Diversität bleibt dabei das Konzept einer philosophiegeschichtlichen Abfolge deutlich, deren Stationen Erkenntnistheorie, Sprachkritik und Kritik der multimedialen Datenlandschaften heißen könnten.
Die Verarbeitung einer Vielzahl von Quellen im Stil eines Lehrbuchs appelliert eher an ein kursorisches Schmökern denn an systematische Rezeption. In einigen Kapiteln könnten die Kenner der jeweils vorgestellten Philosophen Verkürzungen bemängeln. Hartmann ist ein geschliffener Rhetoriker und scharfer Denker, aber in der Fülle des Materials nicht immer ein ausgewogener Rapporteur. So wird uns Vannevar Bush, der 1945 seinen Entwurf der "Memex"-Maschine vorstellte, als Hypertext-Pionier angetragen, der die Vormachtstellung der linearen Schrift, das autoritäre Verhältnis von Produzenten und Rezipienten und institutionelle Ausschließungsmechanismen zu unterlaufen suchte.
Damit folgt der Autor der Fama des an Freiheitsideologien orientierten Computerentwicklers Ted Nelson, der sich auf Bush als ideellen Vorläufer digitaler Vernetzung und multimedialer Darstellung berief. Eine andere Interpretation bleibt dabei ausgeblendet: nämlich dass Bush, seines Zeichens Koordinator von etwa 6000 für die Kriegsmaschinerie der USA tätigen Forschern, weniger ein Ahnherr subversiver Datennetzwerke war als der Entwickler einer modernen Effizienzmaschine, durch die verstreutes Wissen in komprimierter und rationalisierter Datenform individuell beherrschbar gemacht werden sollte.
Solche Unterlassungen werden jedoch durch jene Passagen aufgewogen, in denen sich intime Kennerschaft durch Urteile aus erster Hand äußert. So etwa wird Fritz Mauthners Sprachkritik, die im etablierten akademischen Diskurs höchstens als Anekdote aufscheint, von Hartmann als relevante sprachkonstruktivistische Theorie vorgestellt und profund mit Wittgensteins sozialer Grammatologie verglichen. Fazit: Ein interessantes, eigenwilliges Lesebuch, das viel Theorie umwälzt, um im Subtext an eine vergnügliche Rationalität in der Medienpraxis zu appelieren.Während sich Frank Hartmanns "Medienphilosophie" noch ausdrücklich an die Philosophie als traditionelle Disziplin anlehnt, ist das Feld des "Kursbuchs Medienkultur" aus Weimar zumindest thematisch weiter gesteckt: Über 40 Kurztexte unterschiedlicher Autoren - die mittlerweile zu Klassikern einer kulturwissenschaftlich fundierten Medientheorie gezählt werden - finden sich, jeweils mit Einleitungen der Herausgeber versehen, in acht thematische Blöcke gegliedert. Flächendeckend werden Terrains wie Massenkommunikation, Medienpsychologie, Kybernetik oder Wissensorganisation durch diese Kurzbeiträge umrissen.
Etwas geschraubt versuchen die Weimarer in ihrem Vorwort Kriterien für eine Gemeinsamkeit der ausgewählten Texte zu benennen, während die Sammlung ihren Charme gerade durch die in der Selektion unumgängliche Willkür erhält. Dennoch: keine Auswahl ohne Tendenz. Bleiben in der "Medienphilosophie" die Psychoanalyse, die Diskursanalyse und der Poststrukturalismus französischer Provenienz unterrepräsentiert, sind sie im "Kursbuch" umso stärker vertreten.
Die Lektoren einschlägiger Universitätsinstitute dürfen sich jedenfalls freuen: Mit dem Weimarer Kompendium können locker zwei bis drei Seminare ohne zusätzliche Bibliotheksrecherche bestritten werden. Verknüpfungen zwischen den einzelnen Beiträgen ergeben sich dabei allerdings keineswegs selbstredend. Angesichts von Beiträgen wie Jacques Lacans "Psychoanalyse und Kybernetik" bieten bisweilen auch die einführenden Passagen der Herausgeber zu wenig Unterstützung für ein besseres Verständnis.
Das Kompendium mag Möglichkeiten für plausible und überraschende Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Theorien aufzeigen, schneidet aber die systematisch-monografische Auseinandersetzung mit den jeweils ausgewählten Argumentationsweisen ab. Dann kann der Leser den fehlenden Zusammenhang beklagen oder ihn zum Anlass für eine weiter führende Lektüre in den Primärtexten nehmen.

Fritz Betz in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Medienphilosophie (Frank Hartmann)

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