Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte
Eine Ermittlung

von David J. Edmonds, John A. Eidinow, Holger Fliessbach, Suzanne Gangloff

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Ein einziges Mal trafen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper persönlich aufeinander. Diese Begegnung allerdings hatte es in sich, wie ein Buch mehr als fünfzig Jahre danach detailreich rekonstruiert.

Ein einziges Mal kam es zu einer persönlichen Begegnung zwischen den beiden wohl bedeutendsten österreichischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, zwischen Ludwig Wittgenstein (1889- 1951) und dem um 13 Jahre jüngeren Karl Popper. Sie fand am 25. Oktober 1946 statt, als Popper - einer Einladung des Moral Science Club in Cambridge folgend - über die Frage "Gibt es philosophische Probleme?" referierte. Ludwig Wittgenstein, der Lokalmatador, leitete als Chairman des Klubs die Diskussion - und war als solcher gefürchtet für seine gleich scharfen wie ausufernden Gegenmonologe, die auf jeden Gastvortrag unmittelbar und regelmäßig folgten.

Ludwig Wittgenstein dominierte die philosophische Szene in Cambridge damals auf eine Weise, die heute geradezu unglaublich erscheinen muss. Das ging so weit, dass seine Studenten seinen starken Akzent, seine Gestik und seine Kleidung nachahmten. In den Worten des Wittgenstein-Schülers Wasfi Hijab, damals Sekretär des Moral Science Club: "Er war wie eine Atombombe, wie ein Tornado - die Leute begreifen das einfach nicht." (Wasfi Hijab erholte sich im Übrigen erst Jahrzehnte später von seiner "Überbelichtung" durch Wittgenstein, brach erst spät sein Schweigen - und erregte damit beim Wittgenstein-Symposion in Kirchberg im August 1999 einiges Aufsehen.)

An besagtem 25. Oktober 1946 standen sich aber nicht nur zwei monomanische Persönlichkeiten gegenüber. Es ging damals, wie bereits gesagt, um nichts weniger als die grundsätzliche Frage, ob es echte philosophische Probleme überhaupt gibt. Popper war davon überzeugt, während Wittgenstein meinte, dass alle scheinbar so tiefen philosophische Rätsel nur sprachliche Missverständnisse und Verwirrungen seien, die sich restlos als solche beseitigen ließen. Was an jenem gar nicht friedlich verlaufenden Abend tatsächlich geschah, ging schon bald in einem Meer von Legenden unter. Dass noch Jahrzehnte später angesehene Philosophen und Anhänger der beiden verfeindeten Lager sich darüber streiten, was sich damals wirklich abspielte, entbehrt jedenfalls nicht einer gewissen Ironie. So bleibt bis heute ungeklärt, ob möglicherweise ein Schürhaken bei diesem Gigantentreffen eine wichtige Rolle gespielt hat. Oder eben nicht.

David Edmonds und John Eidinow, den beiden Autoren des nunmehr ins Deutsche übertragenen Buches, kommt jedenfalls das Verdienst zu, darüber eine penibel recherchierte, etwas detailverliebte, aber auch sehr originelle Studie geschrieben zu haben, die trotz der Fülle an Einzelheiten keinen Moment langweilig ist - im Gegenteil: Streckenweise liest sie sich spannend wie ein Krimi. Zudem liefert sie auch die Hintergrundinformation, die nötig ist, um angemessen zu verstehen, was an diesem Abend an Gegensätzen aufeinander prallte.

So werden zum einen die gemeinsamen Wurzeln beider Philosophen im assimilierten Wiener Judentum ausführlich erörtert. Zum anderen wird aber auch die Rolle des Wiener Kreises um Moritz Schlick als gemeinsamer philosophischer Brennpunkt herausgearbeitet, obwohl weder Wittgenstein noch Popper ihm je angehörten: Wittgenstein deshalb nicht, weil er - trotz der fast religiösen Verehrung, die ihm als dem Autor des "Tractatus" einige Mitglieder des Wiener Kreises entgegenbrachten - die Einladung zur Teilnahme nie annahm; Popper hingegen, weil er schlicht niemals eingeladen wurde, sich aber später rühmen sollte, dem Wiener Kreis philosophisch den Todesstoß versetzt zu haben.

Dass Ludwig Wittgenstein es war, der 1939 bei den Nazi-Behörden in Berlin eine "Reklassifizierung" seiner als "Volljuden" eingestuften, in Österreich verbliebenen Schwestern Hermine und Helene erreichte, die ihnen vermutlich den Weg in die Konzentrationslager ersparte, ist eines der vielen interessanten Details, die wir erfahren. Dass die überaus vermögende Familie Wittgenstein dafür aber nicht weniger als 1,7 Tonnen Gold an die Deutsche Reichsbank zu zahlen bereit war, was etwa zwei Prozent der österreichischen Goldreserven entsprach - und dass diese "Reklassifizierung" als "Mischlinge ersten Grades" vermutlich von Hitler persönlich angeordnet wurde, ist auch für Wittgenstein-Kenner ein vermutlich neues und überraschendes Detail.

Vor allem aber sind es die zahlreichen amüsanten Anekdoten und Histörchen über das philosophische Milieu der Zeit, die das Buch lebendig machen: D. Broad, Philosophieprofessor und Kollege Wittgensteins in Cambridge, etwa wird folgendermaßen charakterisiert: "Broad pflegte seine Vorlesungen im Voraus von A bis Z niederzuschreiben und jeden Satz zweimal laut vorzulesen. Scherze las er dreimal vor, was - laut Reverend Maurice Wiles, der Broads Vorlesungen einst besucht hat - das einzige Merkmal war, woran man sie erkennen konnte."

Alfred Schmidt in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 30)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb