Das Regal der letzten Atemzüge

von Aglaja Veteranyi

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Im Februar nahm sich Aglaja Veteranyi das Leben. Ihr nun erschienener Roman "Das Regal der letzten Atemzüge" erzählt von den Höhen und Tiefen einer unsteten Existenz.

Als sich im Februar die Nachricht vom Tod der Schriftstellerin Aglaja Veteranyi verbreitete, stand die Literaturszene unter Schock. Eine Autorin hatte sich das Leben genommen, von der man gehofft hatte, sie könnte frischen Wind in die deutschsprachige Prosa bringen. Veteranyis Blitzkarriere hatte vor vier Jahren mit der Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb begonnen. Schon vor der Veröffentlichung ihres Debüts "Warum das Kind in der Polenta kocht" (1999) hatte sie eine ganze Reihe Preise und Stipendien eingeheimst. Jeder ihrer oft nur eine Viertelseite langen Kurztexte und Romanabschnitte: eine keineswegs oberflächliche, subtil choreographierte Clownsnummer.

Geboren wurde Aglaja Veteranyi 1962 in Bukarest als Kind einer vagierenden Artistenfamilie. Ständige Reisen prägten ihre Kindheit. Eine Schule hat sie nie besucht. Erst mit 17 brachte sie sich selbst Lesen und Schreiben bei. Ihr Versuch, zu einer "Sesshaften" zu werden, das ist das autobiografische Material, aus dem sie ihren zweiten, jetzt aus dem Nachlass veröffentlichten Roman gebaut hat: "Das Regal der letzten Atemzüge". Darin wird einerseits das Lob der Exzentrik einer Zirkussippe gesungen, andererseits der Fluch der sozialen Randexistenz unverblümt dargestellt. Die Bilder, mit denen die Icherzählerin ihre rumänischen Verwandten, das Nomadenleben und das Ungewohnte einer festen Adresse zeichnet, strotzen vor kruden Weisheiten, die lustvoll am Selbstverständnis des vermeintlich normalen Alltags rütteln. Veteranyi schreibt zum Weinen traurig und treibt dem Leser gleichzeitig die Lachtränen in die Augen. Darin steckt das Geheimnis ihres einzigartigen Stils, der irgendwo zwischen Kafka und Scheibenwischer, zwischen Beckett und Comedy angesiedelt ist: verzweifelt und luftig zugleich.

Überwog in Veteranyis Debüt noch der Gestus des Unbekümmert seins, liest sich "Das Regal der letzten Atemzüge" wie ein letztes Aufbäumen gegen die Gewissheit des Todes. Wie ein Damoklesschwert hängt das Sterben über dem Lebensweg der Protagonistin, die, kurz nachdem sie erfährt, dass man sie einst mit der Stricknadel abzutreiben versucht hatte, lapidar konstatiert: "Meine Mutter und ich, wir hatten keine Sprache miteinander. Nur Wörter." Der Tod einer Tante bildet den roten Faden des Romans; er war der Auslöser für Veteranyis Depressionen, heißt es im Nachwort.

In der Nacht zum 3. Februar 2002 schwamm die Schriftstellerin auf den eiskalten Zürichsee hinaus, überwand ihren Selbsterhaltungstrieb und ertränkte sich.

Martin Droschke in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 9)


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