Zeitspüren
Ausgewählt und übertragen von C.W. Aigner

von Giuseppe Ungaretti

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DVA
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 23/2003

Angesichts seiner Gedichte stellt sich die Frage, warum man Matthias Kehle noch nie auf dem Siegertreppchen eines großen Lyrikwettbewerbs gesehen hat. Zwei unauffällige Verse aus "Farben wie Münzen", einem verbalen Bildband über das Lebensareal Provinz, lassen ahnen, warum.

"Du gehst als hättest du
Boden unter den Füßen",

sagt der Dichter und widmet sich dementsprechend ausnahmslos Themen, die der Exzentrik des hochkulturellen Mainstreams und des post-postmodernen Geniekults ums Schweben im sprachakrobatischen Raum entgegenstehen. Anhand konkreter Impressionen feiert Kehle das Einfache, die Bescheidenheit, das Verwurzelte, den

"Aufruhr
der Kinder, die
ins Haus kommen sollen."

Er stützt sich dabei auf vertraute Worte und deren Rhythmus, anstatt experimentierend Konventionen zu sprengen. Das Ergebnis liest sich, als habe da einer jenes poetische Konzentrat eines Alltags gewonnen, das der lyrische Zeitgeist am Markt nicht zulassen will, weil es ihm zu uncool ist."Das Land zittert
vor Genuss
unter einer Sonne
freundlicher
Züchtigungen",

schrieb der 1970 verstorbene Giuseppe Ungaretti, ein Klassiker der italienischen Moderne, den man nun in dem Band "Zeitspüren" neu entdecken kann. November,

"Das Jahr hat sich
eingenistet

keine Zerstreuungen durch
Geräusche von draußen

Tropfen am Fenster
verleiben sich andere ein"

- könnten diese Zeilen Kehles nicht auch von Ungaretti stammen? Das Epigonale an Kehles Gedichten, der Griff nach den leisen Tönen des fast schon neorealistischen geistigen Vaters, stärkt die Widerstandskraft seiner Verse gegen die Trends der Stunde.

"Der Schlüsselbund in der
Hosentasche wärmt
meine Hand.
Aus einem Kaufhaus
strömt warme Luft,
in der sich
Vorstellungen verbergen.

Solche Verse hätten Giuseppe Ungaretti sicher gefallen, ja vielleicht sogar ein bisschen neidisch gemacht.

Martin Droschke in FALTER 23/2003 vom 06.06.2003 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Farben wie Münzen (Matthias Kehle)

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