Elf Arten der Einsamkeit
Short stories

von Richard Yates

€ 20,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Hans Ulrich Wolf
Übersetzung: Anette Grube
Verlag: DVA
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.02.2006

Rezension aus FALTER 25/2006

Bände mit Erzählungen und Kurzgeschichten werden vor allem im deutschen Sprachraum ungern gelesen. Ein Rie-sen-feh-ler! Die "Wyoming Stories" von Annie Proulx, die nun im Windschatten des Filmerfolges unter dem Titel "Brokeback Mountain" als Taschenbuch neu aufgelegt wurden, konfrontieren Bewohner emotional und meteorologisch temperierter Landstriche mit einer harten Welt - "Wetter und Weite, sonst nicht viel" -, in der man schnell einmal erfroren, ertrunken, kastriert oder sonst wie zu Tode gebracht wird. Sporenschmiede, schwule Cowboys und sprechende Traktoren interessieren Sie nicht? Tun sie doch, jede Wette!

Aus gegebenem Anlass wird die Rubrik "Aufgeblättert" einmalig durch einige persönliche Empfehlungen bereits besprochener Bücher ersetzt, die erneut ans Herz der Leser zu legen der Literaturredakteur nicht lassen kann. Bereits vor einem Jahr hat der Zürcher Dörlemann Verlag den wunderbaren und todtraurigen Trinkerroman "Hangover Square" erstmals in deutscher Übersetzung herausgebracht und damit dem britischen Autor Patrick Hamilton (1904-1962) zu verdientem Nachruhm verholfen. Der nun nachgeschobene, 1947 im englischen Original erschienene Roman "Sklaven der Einsamkeit" steht seinem Vorgänger in nichts nach. Er schildert die Zeiten des Blitz in der englischen Provinz, wo sich in trüber Routine im Rosamund-Tearoom ein wahres Inferno an sozialen und amourösen Kleinkriegen entspinnt. Hamilton ist ein gnaden-, aber keineswegs mitleidloser Beobachter, der auch noch peripheren Figuren große Auftritte zugesteht: Die Beschreibung von Miss Steele auf Seite 30ff. etwa sei allen anthropologisierenden Apologeten des bösen Blicks als Remedium empfohlen.

Auch zur Entdeckung freigegeben ist Richard Yates (1926-1992), der mit "Elf Arten der Einamkeit" vor 44 Jahren ein Buch vorgelegt hat, dessen diskreter erzählerischer Intelligenz nach wie vor nur ganz, ganz wenige das Wasser reichen können: Geschichten, die sich mit der Institution der Schule, des Spitals, der Ehe oder des Militärs befassen und Herz und Hirn gleichermaßen beschäftigen.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2006 vom 23.06.2006 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Brokeback Mountain (Annie Proulx)
Sklaven der Einsamkeit (Patrick Hamilton, Miriam Mandelkow)

Rezension aus FALTER 13/2006

Geschichten für Taxler

In seinen grandiosen Short Stories bewies Richard Yates sein unbestechliches Auge für soziale und amouröse Schieflagen.

Eines kann man Richard Yates (1926-1992) nicht vorhalten: dass er versucht hätte, sich ins beste Licht zu rücken. In "Baumeister", der letzten und mit Abstand längsten Geschichte des 1962 im amerikanischen Original erschienen Short-Story-Bandes "Elf Arten der Einsamkeit", lässt er den Icherzähler, einen Schriftsteller, aus der Distanz von 13 Jahren eine Episode von 1948 erzählen, als dieser - so wie damals auch Richard Yates - 22 Jahre alt war. Dieses Alter Ego bastelt mit mäßigem Erfolg hinter einem Paravent der ehelichen Wohnung an seiner literarischen Karriere, als er über ein Inserat mit einem Taxifahrer namens Bernard Silver in Kontakt kommt. Unter eher obskuren Hinweisen auf etwaige Chancen auf Verfilmung oder eine lukrative Veröffentlichung in Reader's Digest heuert Silver den jungen Protagonisten für fünf Dollar pro Story als Ghostwriter an, um sich der Leserschaft als lebenserfahrener und gütiger Großstadttaxler zu präsentieren.

So wie Leon Sobel, der als Verfasser von neun (!) unveröffentlichten Büchern bei einer kleinen Gewerkschaftszeitung anheuert ("Der mit den Haien kämpft"), ist Silver einer von diesen unverdrossenen, unzerstörbaren Existenzen, die - verschroben, aber harmlos - an ihre Vision glauben und sich durch keinen Misserfolg vom Weg abbringen lassen. Es sind Nervtöter, und dennoch wird der Umgang, den der junge Autor mit seinem Auftraggeber pflegt, selbst für dessen Frau schnell als Arroganz desjenigen erkennbar, der verächtlich auf die "Plebs" herabsieht.

Für solche Schieflagen hat Yates ein untrügliches Gespür: Ob sich in der Nacht vor der Hochzeit auf tragikomische Weise schon all jenes Eheelend abzeichnet, das Yates in "Zeiten des Aufruhrs", seinem 1961 erschienenen epochalen Roman über das suburbane Pandämonium der Nachkriegszeit, in aller Tristesse ausgebreitet hat ("Alles, alles gute"); ob es sich um das lange erwartete Kündigungsgespräch handelt, das mit einem auf "die Rolle des guten Verlierers" abonnierten jungen Mannes geführt wird, der "in die Pose des Zusammenbruchs verliebt war" ("Ein Masochist"); ob es um die seltsam asymmetrische Beziehung zweier Freunde geht, deren Dynamik anhand ihrer Bekanntschaft mit einem schwarzen Musiker dargestellt wird ("Ein wirklich guter Jazzpianist"); oder ob es eine junge Lehrerin in ihrem fragwürdig karitativen Engagement für einen Außenseiter entschieden an professioneller Distanz mangeln lässt ("Doktor Schleckermaul") - in allen Fällen steht die komplizierte Hydraulik des Sozialen im Mittelpunkt dieser luziden Stories. Yates' hellwacher Blick durchdringt dabei den institutionellen Unterbau der persönlichen, vor allem der erotischen Beziehungen, und es ist gewiss kein Zufall, dass seine Geschichten immer wieder ideologische Staatsapparate wie Schule, Krankenhäuser oder das Militär zum Schauplatz haben.

Das vielleicht erstaunlichste Beispiel für die analytische Kapazität des Vollbluterzählers Richard Yates ist die durchgängig in der ersten Person Plural erzählten Story "Jody lässt die Würfel rollen", die nichts anderes leistet, als die libidinöse Struktur des Militärs freizulegen: Gerade weil er alle kumpelhafte Anbiederung vermeidet, gelingt es Feldwebel Reece, seine Truppe in der "Großartigen Einmütigkeit des Singsangs" zu einer Einheit zusammenzuschweißen, die "wirklich was Soldatisches" zu leisten in der Lage ist.

Entgegen dem vorschnellen Urteil des Erzählers ("Respekt ohne Zuneigung überdauert nicht lange") hat Reece' Ablösung durch einen netten Ausbildner einen - aus militärischer Sicht - desaströsen Effekt: Am Ende produziert die Ausbildung nämlich nur "einen Haufen schamloser kleiner Schlaumeier, die in der unermesslichen Unordnung der Armee verteilt und absorbiert wurden, aber Reece musste es zumindest nicht mitansehen, und er wäre der Einzige gewesen, dem es etwas ausgemacht hätte."

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2006 vom 31.03.2006 (S. 63)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Zeiten des Aufruhrs (Richard Yates, Eva Menasse, Hans Ulrich Wolf)

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