Der Gebrauch des Menschen

von Aleksandar Tisma

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 01.01.1994

Rezension aus FALTER 12/1999

Die Asche der Enttäuschung

Der serbische Romancier Aleksandar Tisma, dessen großer Romanzyklus mit dem Band "Treue und Verrat" nun auch in deutscher Übersetzung vollständig vorliegt, ist ein unerbittlicher Psychologe, aber auch ein großer Fatalist: Volkermord und Bürgerkrieg sind ihm nur Ausdruck logischer Konsequenz.
Während einer einzigen Nacht des Schreckens, in der berüchtigten "Razzia von Novi Sad", sind im Januar 1942 die jüdischen Bewohner der Stadt in langen Reihen an die Donau getrieben und dort von ungarischen Gardisten durch Locher in den zugefrorenen Fluß gestoßen worden. Viele andere fielen dem organisierten Blutrausch schon zum Opfer, ehe sie an den Fluß gelangt waren, und wurden von mordlustigen Männern, die es nicht abwarten konnten zu toten, gleich vor ihren Häusern erschlagen oder auf den Plätzen der Stadt gruppenweise erschossen. Anderntags "lagen mehr als tausend gefrorene Leichen in der Stadt", und in den "Straßen war der Schnee rot von Blut". Während ein Teil der Bevolkerung vor den Augen ihrer Nachbarn abgeschlachtet wurde, vermeldete die Lokalzeitung unverdrossen die kleinen Sensationen des Alltags: "Der Chor der Kathedrale sang unter der Stabführung von Herrn Professor Milutin Ruziz sonntags seine zweihundertste Liturgie."
Diese Gleichzeitigkeit ist es, die den serbischen Erzähler Aleksandar Tisma fasziniert, und in den sechs Büchern, die im vergangenen Jahrzehnt von ihm auf deutsch erschienen sind, spürt er ihr immer wieder nach - der Gleichzeitigkeit von Verbrechen und Alltag, von Mord und Familienglück im Winkel, von organisiertem Wahnsinn und der Flucht ins schäbige Idyll. Tisma ist ein geduldiger Erzähler, der sich davor hütet, die Ereignisse, von denen er erzählt, moralisch zu bewerten. Er klagt nicht an, so entsetzlich die Dinge sind, von denen er berichtet, sondern will ihre Mechanik verstehen und die unerbittliche Konsequenz menschlichen Handelns darlegen. "So war es", konnte am Ende jedes Romans von ihm stehen, und der zutiefst pessimistische Autor läßt keinen Zweifel daran, daß er aus seinem Befund des Schreckens nur diese eine Prognose ziehen kann: So war es und so ist es und so wird es bleiben.
In Tismas Welt vollziehen sich die Tragodien mit verheerender Folgerichtigkeit, und in den menschlichen Beziehungen wie den historischen Entwicklungen ist kaum ein Spielraum dafür offen, daß die Dinge einmal nicht die schlimmste, sondern eine glückliche Wendung nehmen. In der Erzählung "Die Schule der Gottlosigkeit", die 1993 einem Sammelband mit vier Prosastücken den Titel gab, sind ein Folterer und sein Opfer so heillos aneinander gekettet, daß man versucht wäre, ihre Begegnung für unausweichlich, vorherbestimmt, schicksalhaft zu nehmen. Denn der Folterknecht namens Dulics, der während des Zweiten Weltkriegs als Scherge der ungarischen Okkupanten einen jungen serbischen Kommunisten zu Tode prügelt, ist von seinem Opfer so besessen, daß er mit ihm zu verschmelzen sucht, gerade indem er es totet.
Die Folterung, die schaurig zwischen religiosem Exerzitium und sexuellem Akt changiert, ist von Tisma mit unerträglicher Genauigkeit dargestellt; indem er den jungen Mann malträtiert, drischt dieser Folterer zugleich auf sein besseres Selbst ein, auf seine verratene Jugend, an die ihn sein Häftling erinnert, auf seine homoerotischen Gefühle, die der schone Jüngling in ihm aufrührt, auf seinen eigenen Sohn, der, gleich alt wie das Opfer, daheim schwer erkrankt um sein Leben kämpft. So viele historische, psychologische, sexuelle, familiengeschichtliche Gründe werden aufgeboten, daß der eine schon fast zwanghaft zum Morder des anderen wird. Nachdem er sein Opfer abgeschlachtet hat, geht der Folterer nach Hause, wo er, als Strafe, seinen Sohn tot vorzufinden fürchtet. Doch während der eine Jugendliche zu Tode gefoltert wurde, ist der andere wie durch ein Wunder von seiner Todeskrankheit genesen, sodaß der Mord für den Täter zur "Schule der Gottlosigkeit" wird. Tatsächlich sinkt Dulics in einer beklemmenden, absurden Szene "auf die Knie, faltete die Hände, hob den Blick zur Decke und rief laut, befreit: Ich danke dir, Gott! Es gibt dich nicht, Gott! Nein, es gibt dich wirklich nicht. Ich danke dir!"
Die prekäre Nähe von Täter und Opfer hat Tisma immer wieder beschworen, am verstorendsten wohl in "Kapo", dem Roman eines Juden, der sich in Auschwitz zum "Funktionshäftling" hochdient und als "Kapo" sein Leben rettet, indem er der SS zuarbeitet und in ihrem Auftrag andere Häftlinge drangsaliert. Auch die Stellung des Kapos im Konzentrationslager war natürlich eine bedrohte; verlor er das Wohlwollen der ihm vorgesetzten SS, konnte er von einem Augenblick zum nächsten jenen Tod erleiden, den er, um selber zu überleben, anderen bereitete. Gleichwohl hätte das Räderwerk der Vernichtung ohne die zahllosen Kapos nicht so reibungslos funktionieren konnen, wie die Ingenieure des Todes das planten.
Vilko Lamian war ein solcher Kapo, als Gehilfe der SS hat er Auschwitz überstanden und lebt jetzt "in wolfischer Einsamkeit" und der ständigen Furcht, irgendwann entdeckt oder schon vorher wahnsinnig zu werden. Zur Lebenslüge des Kapos gehort, daß er meint, frei von personlicher Schuld geblieben zu sein und nur in Todesgefahr getan zu haben, wozu ihn die Herren über Leben und Tod zwangen. "Nur er schlug sich selbst, wenn er die anderen schlug und danach lechzte, moglichst schnell zu toten, das Leid zu beenden, die Duldenden in einen Zustand der Fühllosigkeit, des Nichtleidens zu überführen." Tisma jedoch zeigt, wie aus dem Häftling, der andere totet, um zu überleben, ein Täter schlüpft, der an seiner Macht Gefallen findet und zum Peiniger wird. In seiner Kammer mißbraucht Lamian Frauen, von denen er durchaus zuversichtlich annimmt, daß sie bald nicht mehr leben werden.
Die meisten Romane von Aleksandar Tisma, der 1924 als Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin geboren wurde, erzählen von Faschismus, der Okkupation seiner Heimat, Verfolgung und Vernichtung. Das Gegenstück zu "Kapo", dem Roman des überlebenden Mitläufers, ist etwa "Das Buch Blam", das den Entronnenen zum Protagonisten hat, den Juden, der durch Zufall der ihm zugedachten Vernichtung entgeht und fortan Scham empfindet, überlebt zu haben. Dennoch ist Tisma kein Autor des Holocaust, wie es Primo Levi war, und auch kein Chronist des ausgeloschten Mitteleuropa wie sein Landsmann Danilo Kis, der in jedem seiner Werke das versuchte, was eines davon schon im Titel führt, nämlich eine "Enzyklopädie der Toten" zu schaffen, in der die Hingemordeten namentlich aufgerufen und mit all ihren Eigenheiten verzeichnet werden, damit sie die Würde der Individualität zurückerhalten und ihr Schicksal aufgehoben bleibe für ewige Zeiten. Nein, Tisma kommt vielmehr auf den Krieg immer wieder zurück, weil er ihm jenes Ereignis ist, das den Menschen gewissermaßen nackt und ohne seine zivilisatorischen Kostüme zeigt, und Terror und Folter interessieren ihn, weil sich in Extremsituationen die condition humaine ohne jede humanistische Illusion studieren läßt.
Tatsächlich hält Tisma den Krieg für den Normalzustand der menschlichen Gattung. Er ist ihm das Selbstverständliche zwischen den Volkern, den Klassen, den einzelnen Menschen. Schon die Liebe kann nur eine Holle sein, in der sich Mann und Frau unausgesetzt betrügen, überwachen, verletzen, belügen, mißverstehen und einander, jenseits von Schuld, auch gar nicht anders begegnen konnen. Es endet immer, wie er in seinem zuletzt veroffentlichten Roman "Treue und Verrat" schreibt, mit "der Trauer der Nutzlosigkeit, der vergeblichen Mühe, den betrogenen Hoffnungen".
Ein gräßlicher Fatalismus zermahlt jeden besseren Vorsatz, und nach kurzer Frist sind auch die kühnsten politischen Vorhaben, wie etwa der Aufbau eines multinationalen sozialistischen Jugoslawien, zur Asche der Enttäuschung niedergebrannt. Wie bedenklich dieser von Tisma künstlerisch ungemein packend ausgestaltete Fatalismus ist, erweist sich sogleich, wenn der Autor über politische Dinge zu sprechen beginnt. In den unzähligen Interviews, die es mittlerweile von ihm gibt, hat er immer wieder verstehen lassen, daß er die Kriege am Balkan zwar für tragisch, aber eben auch für logisch hält. Verständlich, daß sich die Serben im Kosovo ihrer Vormacht nicht begeben wollen, verständlich, daß sich die Albaner wider diese Vormacht erheben! Den Serben bleibt nichts anderes übrig und den Albanern auch nicht, ein lähmender Zwang ist über die Welt verhängt, und so schlecht, wie sich alles entwickelt, gerade so schlecht mußte es kommen.
Daß die Menschen nicht abends als Serben, Kroaten, Bosnier, Albaner schlafen gehen und morgens wieder als Repräsentanten ihrer Nationen aufwachen, sondern auch noch andere Attribute ihrer Personlichkeit haben, diese durchaus lebensnahe Einsicht mag der Psychologe Tisma teilen. Dem historischen Fatalisten Tisma aber gilt sie nicht viel. Oft hat er die multinationale Atmosphäre des alten Novi Sad beschworen; seinen Gestalten jedoch, den Flaneuren und Geschäftsleuten, den Huren und Liebhabern, den ärzten, Rechtsanwälten, Journalisten, Gymnasiasten von Novi Sad gesteht er nur selten jene Freiheit zu, die sie bei zwei anderen großen Erzählern der Wojwodina, bei Danilo Kis und Johannes Weidenheim, selbstverständlich bekommen; die Freiheit, daß sie sich aus dem nationalen Muster auch emanzipieren und eine Personlichkeit entfalten konnen, die mit nationalen Kategorien nicht hinreichend zu beschreiben ist.
Tisma kommt aus der Wojwodina, jenem Europa im kleinen, in dem über ein paar Jahrhunderte hin ein europäisches Experiment erprobt wurde: das Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationalität, Konfession, Sprache auf gemeinsamem Boden. Die Wojwodina mit ihrer Hauptstadt Novi Sad wurde von Serben, Kroaten, Ungarn, Donauschwaben, Juden, Zigeunern, Rumänen, Armeniern, Ruthenen und noch einem Dutzend kleiner Volkerschaften bewohnt. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie, die mit ihrer hochst unvollkommenen, oft verratenen "Übernationalität" dem Experiment einen fragilen Rahmen bot, fiel die Wojwodina dem neu entstandenen Konigreich Jugoslawien zu und unter einen milden, doch beständigen Druck des serbischen Nationalismus.
Schon in der Zwischenkriegszeit fanden sich alteingesessene Nationalitäten plotzlich in den Status von "Minderheiten" gedrückt, denen allerdings noch erhebliche Rechte zugebilligt wurden. Mit dem Überfall Deutschlands auf Jugoslawien und den ungeheuren Verbrechen zumal an der jüdischen und serbischen Bevolkerung ist dieses europäische Experiment endgültig zerstort worden. 1944 schließlich wurden 800.000 Donauschwaben in die Flucht gezwungen, und jene, die sich weigerten, ihre Geburtsstädte und -dorfer zu verlassen, im guten Glauben, daß ihnen nichts geschehen konne, weil sie selber sich nichts zuschulden kommen lassen hatten, wurden in Lager verbracht, in denen Abertausende jämmerlich verreckten.
Die Wojwodina erhielt in Titos Jugoslawien so wie der Kosovo den Status einer autonomen Region, doch wie so oft in der Geschichte Europas ist es mit einem Gebiet, dessen Geschichte von vielen Volkern geschrieben wurde, rasant bergab gegangen, kaum daß eine Nationalität in ihm zur hegemonialen Kraft geworden war. Schon zu Titos Zeiten mußte die Wojwodina, die einst den ganzen Balkan mit Getreide beliefert hatte, Nahrungsmittel importieren. Und seitdem Slobodan Milosevic die Autonomie der Wojwodina aufgehoben hat, ist es erst recht um die vielbeschworene pannonische Kultur geschehen. Die im Lande verbliebenen Ungarn klagen, daß ihnen selbst die ohnehin schon eingeschränkten Minderheitenrechte laufend weiter beschnitten werden.
Von all dem ist bei Tisma, der wohl nicht ganz zu Recht als der große literarische Archäologe des alten Novi Sad gilt, nicht eben viel zu lesen. Daß die heute national nahezu unifizierte Stadt einst die Hauptstadt vieler Volker war, räumt er zwar ein; doch läßt er keinen Zweifel daran, daß ihm Novi Sad (ungarisch Ujvidék, deutsch Neusatz) immer als serbische Stadt erschienen ist. Im "Buch Blam" gibt es gar eine Passage, in der eine unsympathische Romanfigur dafür kritisiert wird, daß sie es wagt, mitten in Novi Sad in aller Öffentlichkeit diese "fremde Sprache", Deutsch nämlich, zu sprechen. Man stelle sich vor, ein osterreichischer Autor deutscher Muttersprache unterfinge sich, einem slowenischen Bauern, der in einem Kärntner Dorf offentlich Slowenisch spricht, den Gebrauch einer "fremden Sprache" zu attestieren!
Selbst in "Treue und Verrat", jenem Roman, in dem er der nationalen Vielgestalt Novi Sads vielleicht den großten Tribut entrichtet, charakterisiert Tisma einen Deutschen ganz ungeniert mit dem Hinweis, er "strahle die Sattheit und Selbstzufriedenheit seiner Nation" aus. Solche Charakterisierungen, denen ein ethnisches Denken, eine Wahrnehmung nach ethnischen Kriterien zugrunde liegt, finden sich in Tismas Romanwerk alle paar Seiten. Sie folgen oft unmittelbar auf wunderbare, schier überwältigende Abschnitte, in denen Tisma seinen Gestalten menschliche Tiefe verleiht und ihnen unerwartete Umbrüche, Ausbrüche zubilligt.
Wiewohl ein zuletzt überschätzter, ist Tisma doch ein bedeutender Autor. Sein Bestes gibt er in der Kühnheit, mit der er psychologisch in verbotenes Terrain vordringt, etwa in die Seele eines schuldig gewordenen Opfers, und großartige Literatur schreibt er, indem er die Konflikte, in die er seine Personen verstrickt sieht, mit unerbittlicher Konsequenz zu Ende denkt. Die Psychologie seiner Figuren kollidiert jedoch häufig mit dem historischen Fatalismus des Autors, denn selbst, wo er seine Gestalten nuanciert erfaßt, läßt er sie doch zumeist als Marionetten ihrer Vorbestimmung agieren, und unübersehbar schließlich ist, daß Tisma seinen Gestalten ein ethnisches Konzept unterlegt, dem keine von ihnen zu entkommen weiß.

Karl-Markus Gauß in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 3)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Schule der Gottlosigkeit (Aleksandar Tišma, Barbara Antkowiak)
Das Buch Blam (Aleksandar Tisma)
Treue und Verrat (Aleksandar Tisma)
Die wir lieben
Kapo (Aleksandar Tisma, Barbara Antkowiak)

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