Die verlorene Ehre der Katharina Blum
oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann Erzählung

von Heinrich Böll

€ 10,30
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Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.10.2017


Rezension aus FALTER 51-52/2017

Waschküche und Weihwasser

Der 100. Geburtstag von Heinrich Böll ist ein guter Anlass, auch die literarischen Leistungen eines heute Unterschätzten zu würdigen

Beim Eintritt ins Böll-Universum begrüßt uns ein „Lauchgeruch, untermischt mit zwiebeliger Bitternis“. Kurze Zeit darauf riecht es auch schon „nach kaltem Goulasch, nach Salat und künstlich gesüßtem Pudding“. So zu finden in dem frühen Roman „Und sagte kein einziges Wort“ von 1953, worin sich, aus bestimmten Gründen, Käte und ihr Mann Fred in einem Stundenhotel zum Liebesakt treffen müssen. Danach sie zu ihm: „Wir müssen zur Messe gehen … oder warst du schon?“
Was könnte uns fremder geworden sein als der Waschküchen- und Weihwasserduft dieser frühen Jahre? Als 1957 Bölls „Irisches Tagebuch“ erschien, heute als Band 1 von dtv in der 62. Auflage erhältlich, schrieb ein Kritiker begeistert, endlich habe Böll „seine Ressentiments“ überwunden: „Es riecht nicht mehr nach Waschküche und billigem Tabak.“ Aber der Geruch sollte bleiben.
Es riecht bei Böll nicht einfach nur, wie es halt riecht oder roch im Köln der Nachkriegszeit. Nicht zufällig ist die Zwiebel hier bitter oder die Bitternis zwiebelig, obwohl Zwiebeln doch gebraten eher eine Süße entwickeln (und nur dann bitter werden, wenn man sie roh püriert). Die Gerüche, wie überhaupt die genau gesehenen Realien der Böll’schen Kleineleutewelt sind eingebunden in symbolische Oppositionen von arm und reich, hungrig und satt, roh und gekocht, friedlich und aggressiv, anarchisch und ordentlich, wie sie dann in Bölls wohl bedeutendstem Roman „Billard um halb zehn“ (1959) kulminieren: im leitmotivischen „Sakrament des Lammes“ und dem „Sakrament des Büffels“.
Interessanter, als es die leicht ­entzifferbaren Lämmer und Büffel sind, ist ­vielleicht das Bild des Sakraments selbst. „Wir müssen zur Messe gehen … oder warst du schon?“ Böll war ein gläubiger, „praktizierender“ Katholik, ein Freund der ­Liturgie und Gegner der Amtskirche. Die ­Sakramente, die der Ehe, der Taufe, der Eucharistie, der Buße und so fort, waren noch selbstverständliche Elemente seiner ­Herkunft, seines Milieus und seines ­Glaubens. „Ob je jemand begreifen wird, dass einer katholisch sein kann wie ein Neger Neger ist?“, hat Böll einmal rhetorisch und mit zeittypischer Wortwahl gefragt. Man hat ihn oft einen „Linkskatholiken“ genannt. Dabei war Böll wahrscheinlich nie so links, wie er katholisch war. Wohl aber war er ein Progressiver, ein Moralist und Humanist – alles Eigenschaften, die seinem literarischen Ruhm nicht unbedingt gutgetan haben.

1968, zu Bölls 50. Geburtstag, schrieb Theodor W. Adorno in einem von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Band „In Sachen Böll“ den Satz: „Mit einer in Deutschland wahrhaft beispiellosen Freiheit hat er den Stand des Ungedeckten und Einsamen dem jubelnden Einverständnis vorgezogen.“ Wie niemand seit Karl Kraus habe er „Feindschaft und Rancune“ auf sich gezogen, die „einem Menschen seiner Empfindlichkeit (…) kaum erträglich“ sein dürfte.
Der Literaturnobelpreis, den Böll 1972 vor allem für seinen Roman „Gruppenbild mit Dame“ erhielt, sollte auch sein politisch-intellektuelles Engagement würdigen. Der erste (und letzte) Schriftsteller des alten Westdeutschlands, der den Nobelpreis erhielt, verkörperte gemeinsam mit Willy Brandt, dem ein Jahr zuvor für seine Ostpolitik der Friedensnobelpreis zugesprochen worden war, eine neue Republik. Diese Republik hatte ihren euphorischen Moment in den Jahren von 1969 bis 1972. Ihre Protagonisten aber und mit ihnen die Republik erlebten ihren Katzenjammer schon bald darauf, mit Brandts erzwungenem Rücktritt und Bölls unglücklicher Verstrickung in die Causa Baader-Meinhof. Spätestens ab dann überschatteten Bölls Publizistik und öffentliche Rolle sein literarisches Werk, mit dem Ergebnis, dass Böll heute, trotz „Ansichten eines Clowns“ oder einem „Irischen Tagebuch“, literarisch nicht sehr hoch im Kurs steht.
Dieses Schicksal teilt er mit manchen Generationsgenossen, etwa mit Günter Grass, Max Frisch oder Arno Schmidt. Wie vergleichsweise frisch, was das Nachleben betrifft, nimmt sich dagegen die etwas jüngere Generation von Bachmann, Bernhard oder Johnson aus. Man kann heute, bis auf wenige Ausnahmen, mit der Literatur der „Gruppe 47“, zu der auch Böll zählte, nicht mehr viel anfangen.

Diese Missachtung wird Bölls literarischem Rang nicht gerecht. Freilich muss man diesen Rang unter manchen mittelmäßigen oder auch nur „gründlich missratenen“ (wie Reich-Ranicki zu sagen pflegte) Büchern erst einmal bergen. Wie Grass und andere hat Böll auf ein starkes Frühwerk – mit „Billard um halb zehn“ ist 1959 schon der Gipfel erreicht – ein eher fades Spätwerk folgen lassen.
Es gilt aber, angesichts der Böll’schen Schwächen – sentimentaler Symbolismus, lahme Satire, moralische Betulichkeit – nicht seine Stärken zu übersehen. Er war ein Moderner, ja ein Modernist – und von wie vielen Autoren unserer Gegenwart wüsste man das so genau? Er hat, wie seine Kollegen von der Gruppe 47, mit dem bürgerlichen Ausstattungsroman à la Thomas Mann aufgeräumt. Er hatte auch nichts mit dem totalen Roman nach Musil-, Broch- oder Doderer-Art im Sinn. Seine Vorbilder für eine neue Wirklichkeitserfassung waren eher Amerikaner wie Hemingway, Dos Passos oder Faulkner, aber auch Robbe-Grillet und überhaupt der französische „Nouveau Roman“ sowie aus dem 19. Jahrhundert Dostojewski oder Dickens; in „Billard um halb zehn“ spürt man das am deutlichsten.
Beim Wiederlesen mancher früher Böll-Bücher bis hin zu der gelungenen Novelle „Ende einer Dienstfahrt“ (1967) überwiegt bei weitem der Respekt. Hier ist ein Schriftsteller, der technisch zu vielem in der Lage war und der mit seinen Themen und Fragen ganz offenkundig den Nerv einer, seiner Gesellschaft berührte. Wäre Böll nur der Gut- und Gemütsmensch gewesen, den man später in ihm sehen wollte, wäre ihm das sicher nicht gelungen.
Als Adorno 1968 „Feindschaft und Rancune“ auf Böll gerichtet sah, konnte er nicht wissen, dass ihr Höhepunkt noch bevorstand. Wie konnte ausgerechnet Böll, dieser sanftmütige, wenn auch „empfindliche“ Menschenfreund, ein Opfer von Bild werden – wenn er denn überhaupt ein Opfer war und nicht, wie seine Feinde meinten, ein Täter, ein „Sympathisant“ und „geistiger Brandstifter“? Und das, wo er doch nur das friedfertige „Sakrament des Lammes“ gegen die Büffel verteidigen wollte? Im Hintergrund von Bölls Schaffen war aber schon früher eine brisante politische Frage zu erkennen, nämlich die nach der Legitimität von Gegengewalt.

Der Regisseur Jean-Marie Straub brachte es an den Tag, als er seiner von niemandem außer ein paar Avantgardisten geliebten Verfilmung von „Billard um halb zehn“ (1965) einen neuen Titel gab, den auch Böll nicht verstand: „Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“. Der zweite Teil des Titels ist ein Zitat aus Brechts „Heiliger Johanna der Schlachthöfe“, mit dem der radikale Straub Böll gewissermaßen für die Revolution anheuern wollte.
Böll selbst stand der Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre freundlich, aber distanziert gegenüber. Legendär wurde dann erst sein Artikel im Spiegel Anfang 1972, mit dem er gegen den „nackten Faschismus“ der Bild-Berichterstattung über die Straftaten der Baader-Meinhof-Gruppe einschritt. Der vom Spiegel ohne Rücksprache gewählte Titel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ nährte den falschen Eindruck, Böll spreche über eine gute Bekannte.
Was danach geschah, ist deutsche Pressegeschichte geworden. Literarisch hat es seinen Niederschlag in Bölls von Schiller inspirierter Novelle „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) gefunden. Die von einem üblen Boulevardjournalisten als Terroristenliebchen an den Pranger gestellte, überdies von ihm sexuell belästigte Katharina Blum, Inbild der tapferen, anständigen, katholischen, lebensfrohen Böll-Frau, erschießt ihren Peiniger in einem Akt, der für Böll eindeutig Notwehr ist.

Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, das war auch die Losung der Roten Armee Fraktion gewesen. Böll hatte sie sich nicht zu eigen gemacht, war aber, wie andere Intellektuelle dieser Zeit, nicht ganz unempfänglich für Ulrike Meinhofs radikalidealistische (Gegen-)Gewaltverherrlichung – weniger dann aber für die Praxis, die ihr folgte. Dem damals links- und nun schon lange rechtsradikalen Anwalt und politischen Irrlicht Horst Mahler schrieb er, wie seit kurzem bekannt, 1972 einen Brief, in dem er jeden Einsatz von Gewalt ablehnte. Der Pazifismus sollte Bölls späteres öffentliches Wirken bis zu seinem frühen Tod 1985 bestimmen, vor allem in seinem Einsatz gegen die Nato-Aufrüstung Anfang der 80er-Jahre und für die junge Partei Die Grünen, das nächste politische Projekt der ex-kommunistischen studentischen Linken.
Bölls „weltgeschichtlicher Moment“, wie die FAZ es nannte, war dabei ein anderer: nicht der Nobelpreis und nicht der Kampf gegen die Bild-Zeitung, sondern die Ankunft des aus der Sowjetunion ausgewiesenen Alexander Solschenizyn in Bölls Ferienhaus in der Eifel im Februar 1974.
Wäre Böll ein strammer Linker gewesen, hätte er den nationalkonservativen Dissidenten aus Russland wohl kaum begrüßt. Wie Willy Brandt hielt Böll Deutschlands Aussöhnung mit seinen östlichen Nachbarn und das Gespräch mit Bürgerrechtlern und Oppositionellen für eine historische Aufgabe. So konnte der Wehrmachtssoldat Böll, der in den Briefen an seine Frau ausmalt, wie schön es doch sein müsse, neues deutsches Land im Osten zu besiedeln, in Polen, Russland und anderen Ländern Osteuropas zum meistgelesenen deutschen Nachkriegsautor avancieren.
Angesichts solcher literarischer und politischer Verdienste kann nicht die Frage entscheidend sein, was uns Böll heute zu sagen hat. Eher müsste man sich wohl ein bisschen anstrengen, um an Bölls Leistungen anzuschließen. Einige Autoren von heute, etwa Marcel Beyer, Ralf Rothmann, Brigitte Kronauer oder Ilija Trojanow, haben zuletzt schon ein kleines Böll-Revival eingeläutet. Jedenfalls verdient der große, bescheidene Mann aus dem Heiligen Köln, dort, wo der „Weintrinkerrhein“ bereits zum „Schnapstrinkerrhein“ geworden ist, wie Böll einmal schrieb, zum 100. Geburtstag jede Anerkennung.

Christoph Bartmann in FALTER 51-52/2017 vom 22.12.2017 (S. 44)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind - Die Kriegstagebücher 1943-1945 (Heinrich Böll)
Irisches Tagebuch
Wanderer, kommst du nach Spa... - Erzählungen (Heinrich Böll)
Ansichten eines Clowns - Roman (Heinrich Böll)
Billard um halb zehn - Roman (Heinrich Böll)
Heinrich Böll und die Deutschen (Ralf Schnell)

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