Was denkt China?

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Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Genre: Sozialwissenschaften
Erscheinungsdatum: 01.09.2009

Rezension aus FALTER 47/2009

Wie China unbemerkt die Demokratie erprobt

Mark Leonards Analyse chinesischer Denkschulen wurde ins Deutsche übersetzt. Angesichts der Klischees über China war das längst fällig

Als Maos Erbe Deng Xiaoping Anfang der 80er begann, China wirtschaftlich zu öffnen, betrachtete man es im Westen nur als eine Frage der Zeit, bis sich die Volksrepublik auch politisch assimiliere. Bis heute wird diskutiert, wie man den Aufstieg Chinas "managen" solle. "Wir formulieren das Problem auf diese Weise, weil wir uns dann vormachen können, dass wir mit etwas Geschick und Umsicht ein neues China nach unserem Bilde formen könnten", schreibt Mark Leonard in seinem ausgezeichneten Buch "Was denkt China?".
Denn wie China selbst über seine Modernisierung denkt, darüber wissen wir wenig bis gar nichts. Die Volksrepublik wird noch oft als ungelenker Riese betrachtet, der, in Ideologie und verfilzten Strukturen erstarrt, dem Turbokapitalismus im eigenen Land hilflos gegenübersteht. Leonard hingegen meint, der kapitalistisch-demokratisierte Westen stehe erstmals seit dem Niedergang der UdSSR einem ebenbürtigen System gegenüber.
China hat nämlich ein eigenes Modell für seine Modernisierung entworfen und exportiert es nahezu unbemerkt in alle Welt. Von Liberia bis in den Iran, von Venezuela bis Burma. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas widerlegt die Theorien hegemonialer Neocons, nachdem Wachstum und Demokratisierung untrennbar miteinander verbunden seien.
Gleichzeitig erforscht China demokratische Vorgänge, erprobt sie sogar in "Modellregionen" im eigenen Land. Demokratisch-kollektivistische Theorien wie der "Gelbe-Fluss-Kapitalismus", benannt nach der am Huanghe gelegenen Modellregion, werden entwickelt und finden Beachtung in der Realpolitik – sofern die Modellversuche nicht eine Zunahme an Protesten oder sonstige unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen.
Manche Theorien chinesischer Think-Tanks wie "Wie können wir einen zu schnellen Niedergang der USA verhindern?" gehen aber zu weit, die Frühlingsrolle wird wohl nicht der Big Mac des 21. Jahrhunderts werden. Allerdings wird China zunehmend die Weltordnung entscheidend mitgestalten. Die Reden des KP-Vorsitzenden könnten in naher Zukunft gleichbedeutend mit denen des amerikanischen Präsidenten sein. Leonard meint: "Selbst der 11. September oder der Irakkrieg werden allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Mit dem Aufstieg Chinas wird es sich anders verhalten."

Bernhard Riedmann in FALTER 47/2009 vom 20.11.2009 (S. 17)


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