Cyberpsychologie
Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert

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Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 22.01.2016


Rezension aus FALTER 14/2016

„Nichtstun macht die Leute irre“

Sozialpsychologin Catarina Katzer über die Gefahr des Smartphones, Orgasmus-Optimierungen durch Apps und den Zeitfresser namens Internet

Ist es Ihnen schon einmal aufgefallen? Sie steigen in den Zug oder in die U-Bahn ein, und was sehen Sie? Menschen, die ihren Kopf senken und aufs Smartphone starren. Das mobile Netz hat das öffentliche Bild geprägt. Aber wie hat es uns verändert? Warum werden viele von uns in einen Zeitstrudel hineingezogen, wenn wir nur kurz ins Internet eintauchen wollen? Wieso jagen wir auf Facebook Likes nach? Und warum fällt es uns so schwer, das Smart­phone auszuschalten?
In ihrem neuen Buch „Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns ­verändert“ geht die deutsche Sozialpsychologin Catarina Katzer unter anderem diesen Fragen nach. Dem Falter erklärt sie, warum das Smartphone für uns so faszinierend ist, woran die Selbstoptimierung mithilfe von Apps (Stichwort: Tracking) krankt und wie wir uns gegen das zeitfressende Monster namens Internet wappnen können.

Falter: Frau Katzer, vor kurzem saß ich mit einem Freund im Café. Mein Handy klingelte und ich hab mich danach mehr mit dem Smartphone als mit ihm befasst. Warum wird plötzlich das Ding wichtiger als ein Freund?
Catarina Katzer: Weil wir gelernt haben, bestimmte Prioritäten zu setzen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass wir gestresst sind, wenn das Handy klingelt. Wir werden dabei in eine Art Alarmbereitschaft versetzt. Wir glauben: „He, was auf meinem Smartphone passiert, ist wichtig.“ Es ist ähnlich, wie beim Pawlow’schen Hund, der gespeichelt hat, wenn Pawlow die Glocke läutete, bevor es Futter gab. Wir sind wie konditionierte Cyberdogs, wir erwarten, dass sich etwas tut. Man kann sich dem nur schwer entziehen, denn wenn es vibriert, spürt man es ja körperlich. Die meisten Menschen haben ihr Smartphone schließlich in der Hosentasche eingesteckt oder legen es beim Gespräch auf den Tisch.

Warum fesselt uns das Smartphone
so sehr?
Katzer: Was das Smartphone ermöglicht, entspricht den tiefsten menschlichen Bedürfnissen. Menschen wollen mit Menschen kommunizieren, sich mitteilen, Leute treffen. Wir sind ja soziale Wesen. Die Apps können uns deshalb leicht verführen, weil sie uns genau auf das ansprechen, was wir brauchen: Freundschaft, Zuneigung, Liebe. Außerdem entspricht es unserer Bequemlichkeit. Es ermöglicht eine sehr einfache Kommunikation. Wenn ich eine Nachricht über WhatsApp schicke, muss ich nicht groß reden. Ich muss mich nicht lange mit den Problemen einer anderen Person auseinandersetzen, stattdessen setze ich kurze Statements ab. Dadurch kann ich Konflikten aus dem Weg gehen.

Welchen Konflikten?
Katzer: Man sagt etwa viel schneller über WhatsApp oder SMS ab als im persönlichen Gespräch. Oder beendet seine Beziehung. Das ist zwar praktisch, aber auf der anderen Seite vermittelt man damit dem Gegenüber, es sei nie etwas wert gewesen. Es kann sein, dass dabei die Tiefe unserer Emotionen auf der Strecke bleibt. Genau das passiert auch, wenn ich mit einem Freund zusammensitze, aufs Smartphone schaue und dabei gar nicht mehr bemerke, dass ich mein Gegenüber ignoriere. Ich vermittle ihm das Gefühl: „Du bist nicht so wichtig.“ Wir bemerken erst, dass das nicht normal ist, wenn wir selbst den Spiegel vorgehalten bekommen und andere genau dasselbe tun. Nämlich uns zu ignorieren, weil sie aufs Smartphone starren.

Als ich einmal mit einer Freundin in der U-Bahn gefahren bin, lästerten wir über die Leute ab, die in der U-Bahn nur aufs Smartphone geschaut haben. Als ich ausstieg, wollte ich ihr zuwinken. Sie sah mich nicht, weil sie bereits ihr Smartphone herausgeholt hatte. Haben wir das Nichtstun verlernt?
Katzer: Ja, wir können uns immer weniger mit uns selbst beschäftigen. Nichtstun macht die Leute irre. Das zeigt ein Experiment der Harvard University. Forscher wollten wissen, wie sich Menschen fühlen, wenn sie nichts tun und sich nur mit sich selbst beschäftigen. Es ging ihnen sehr schlecht.

Wie sah das Experiment aus?
Katzer: Die Versuchspersonen mussten 15 Minuten alleine im Raum sitzen. Sie hatten nur die Möglichkeit, einen Knopf zu drücken, mit dem sie sich selbst einen unangenehmen Stromstoß verpassen konnten. 18 von 20 Männern haben den Knopf gedrückt, bei den Frauen waren es sechs von 24. Das heißt also, wir versetzen uns mittlerweile lieber einen Stromstoß, als uns nicht zu beschäftigen. Dabei kommen einem oft gerade beim Nichtstun die tollsten Ideen, also wenn das Hirn im Leerlauf ist. Diese kreativen Pausen sind immens wichtig. Aber wir verlernen gerade zu pausieren.

Warum?
Katzer: Einerseits, weil wir darauf konditioniert sind, beschäftigt sein zu müssen. Selbst im Urlaub ist das Smartphone mit am Strand dabei. Wir sind auch in eine Art Abhängigkeit geraten, in der wir glauben, immer erreichbar sein zu müssen. Dass wir Kontakt halten müssen und dass das möglichst schnell gehen muss. Andererseits haben wir Angst, Zeit zu verlieren, und wollen alles optimieren. Gerade Leute aus der Generation der „Digital Natives“ leiden oft unter einer Art digitaler Panik. Sie haben Angst, den Erwartungen nicht entsprechen zu können.

Es gibt in Österreich auch schon
die ersten Hotels, die Digital Detox anbieten. Also Urlaub ohne Handy und Internet.
Katzer: Dieser Reisetrend, also in ein Kloster zu gehen oder auf eine einsame Insel zu fahren, auf der das Smartphone keinen Empfang hat, ist ja auch ein Signal dafür, dass Menschen aus dieser Internetabhängigkeit rauswollen.

Ich bin selbst oft frustriert, weil ich das Gefühl habe, im Internet zu viel Zeit zu vergeuden. Woran liegt das?
Katzer: Das hat mehrere Gründe. Erstens haben wir einen unglaublichen Optionsreichtum im Netz. Wenn ich etwas wissen will, frage ich Dr. Google, der mir unglaublich viele Antworten liefert. Aber wie viel muss ich lesen, um einen guten Überblick zu bekommen? Im Entscheidungsreichtum verzettele ich mich und erkenne nicht den Zeitpunkt, an dem ich sagen kann: „Hier ist genug.“ Ohne dass wir es merken, verschwinden wir in diesem Zeitstrudel. Zweitens verlieren wir unser Zeitgefühl immer dann, wenn uns etwas besonders interessiert oder wenn wir emotional besonders involviert sind. Das passiert zum Beispiel, wenn ich auf Facebook etwas poste und beginne, mich mit jemandem auszutauschen. Oder ein Onlinespiel spiele. Forschungen zeigen dabei, dass sich unsere Zeitwahrnehmung nicht nur verändert, während man spielt, sondern auch, wenn man damit aufgehört hat. Habe ich also das Gefühl, zu viel Zeit verplempert zu haben, werde ich nach dem Spiel hektisch und nervös.

Dabei heißt es, das Internet helfe uns, Zeit zu sparen.
Katzer: Ja, da gibt es einen Widerspruch. Ich muss zum Beispiel nicht mehr einkaufen gehen oder mir eine Zeitung besorgen, ich kann herrlich am Computer shoppen oder Nachrichten lesen. Dass ich damit Zeit spare, kann aber zur Illusion werden. Denn es kann genau das Gegenteil passieren: Wenn mir so viele Angebote oder Nachrichten ausgespuckt werden, dass ich das Gefühl bekomme, wahnsinnig viel anzuschauen oder nachlesen zu müssen.

Aber das Internet kann man nicht auslesen.
Katzer: Ja, und wir können nicht mehr Stopp sagen. Alles, was geöffnet ist und mir das Netz auswirft, gibt mir das Gefühl, es bearbeiten zu müssen. Denn wenn ich es nicht abarbeite, bekomme ich das Gefühl, mir fehlt etwas. Es entsteht die Illusion, wenn ich das nicht lese, weiß ich weniger. Man fühlt sich dann schlecht und fragt sich: Warum schaffe ich das nicht? Viele finden das Ende nicht mehr. Wir müssen deshalb lernen, Stopp-Schilder im Internet zu setzen.

Gibt es weitere Strategien, sich gegen das Zeitvergeuden im Internet zu wappnen?
Katzer: Ich persönlich trage das Smartphone nicht mehr am Körper, damit ich nicht spüre, wenn es vibriert. Ich lege es auch nicht mehr auf meinen Schreibtisch. Es ist zwar hart, wenn man sich selbst kontrollieren muss, aber ich esse auch nicht einen Kilo Schokolade – auch wenn sie mir schmeckt. Man kann außerdem die Technologie zur Slow Communication nutzen, es gibt Apps, die einen in den Offline-Modus versetzen. Sie signalisieren anderen, dass man nicht erreichbar ist, weil man arbeitet.

Wer nützt diese Online-Abwehr-Strategien?
Katzer: Gerade in Österreich gibt es dazu eine spannende Studie, die zeigt, dass etwa viele Jugendliche Facebook mittlerweile nicht mehr vom Smartphone, sondern nur noch vom Rechner aus verwenden. Weil sie ihre Zeit selbst bestimmen wollen und um besser kontrollieren zu können, wann sie einsteigen.

Gerade Facebook ist ja teuflisch mit all
den Videos und Bildern. Meist will ich
mir nur ein Video anschauen, dann bleib
ich für eine Stunde hängen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Katzer: Das hat mit der Visualität zu tun. Die Reize von Videos und Fotos sind für uns besonders spannend, das liegt in der Natur des Menschen. Wir lenken unsere Aufmerksamkeit auf alles, was wir mit den Augen erfassen, was bunt ist, flimmert und nicht rein textlich, sondern figurativ ist. Texte sind weit weniger spannend als ein Video und Bild.

Und dann ist da noch die Interaktion. Jedes Like auf Facebook und jeder Retweet auf Twitter freut einen kurz, erhöht aber auch den Druck, weiterzumachen und mehr Likes und Follower zu sammeln.
Katzer: Habe ich 100 Likes, will ich 150. Habe ich 1000, will ich 2000. Man gerät in eine Art Abhängigkeit in der Generierung von Kontakten und Anerkennung. Es ist verrückt, wenn man viele Follower oder ­Likes braucht, um sich gut zu fühlen.

Aber man fühlt sich nie gut.
Katzer: Weil man immer mehr will. Weil man sich mit anderen vergleicht und sieht: Andere haben noch mehr und ich könnte noch mehr generieren. Dadurch springt in uns der Optimierungswahn an. Man ist eigentlich nie zufrieden. Wie beim Selbsttracking, wo sich Leute vermessen. Die Smartwatch zeigt mir an, wie viele Schritte ich gehe oder laufe und wie viel Kalorien ich dabei verbrenne. Sie sagt mir: „Heute bist du wenig gelaufen, morgen musst du dich anstrengen!“

Ist das schlecht?
Katzer: Wenn sich das im Hirn festsetzt, wird es zum Problem. Schaffe ich 10.000 Schritte, glaube ich, auch 11.000 Schritte laufen zu können. Und so weiter. Das Gefühl, mich ständig verbessern zu können und dadurch den Selbstwert zu steigern, spornt mich dazu an, immer mehr zu machen. Es gibt sogar Menschen, die wollen ihren Orgasmus messen. Sie erzählen mir dann, dass sie ihn durch Selbsttracking verbessert haben.

Also wird das Leben durch Selbsttracking schöner.
Katzer: Es kommt darauf an, wie stark ich mich davon abhängig mache. Wir sind Menschen, keine Maschinen, also haben wir gute Leistungstage und auch schlechte. Das müssen wir akzeptieren. Damit ­Selbstoptimierung hilfreich ist und nicht doch schädlich wird.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 14/2016 vom 08.04.2016 (S. 35)



Rezension aus FALTER 11/2016

Das Netz ist überall und hat uns gefangen

Medien: Ist das Internet ein Fluch? Und wie hat es uns bis jetzt verändert? Catarina Katzer gibt Antworten

Kurz mal auf Facebook gehen – und zwei Stunden Lebenszeit sind weg. Während der Arbeit seinen Blick vom Computerbildschirm über das Smartphone zum iPad schweifen lassen – und die Konzentration ist dahin. Bei einem Gespräch mit Freunden den Sänger von „Gangnam Style“ googlen, dessen Name einem gerade entfallen ist. Und das Hirn kann weiterschlafen.
Man muss nur in die U-Bahn einsteigen und darin die Leute zählen, die aufs Smartphone blicken, um zu verstehen: Das Netz ist überall und hat uns gefangen. Von der täglichen Routine über die Liebe bis hin zur Arbeit oder zum Urlaub: Es gestaltet unser Leben beträchtlich mit. Wann geht der nächste Bus? Das verrät uns die Öffi-App. Wie finden wir einen Liebespartner? Über ein Internetprogramm, das den Partner durch Algorithmen vorselektiert. Wo finde ich die günstigste Ferienunterkunft in Hintertupfing? Dank der Plattform, samt Ratings und Bildern.

Ist das alles gut, was da gerade mit uns passiert? Und wie verändert es die Gesellschaft? Die Menschen haben dem Netz vieles zu verdanken, es hat das Leben auf verschiedene Weise erleichtert. Das verschweigt die deutsche Volkswirtin und Sozialpsychologin Catarina Katzer in ihrem Buch „Cyberpsychologie“ nicht.
Sie legt ihren Schwerpunkt allerdings auf die Schattenseiten, die die rasante digitale Entwicklung mit sich gebracht hat. Kritisch hinterfragt sie die Auswirkungen des Netzes, die uns täglich zu schaffen machen und zu Übermüdung, Überforderung und Übermut führen.
Gehen wir an den Anfang zurück, zur Frage: Warum verlieren wir so viel Zeit im Netz? Immer dann, wenn wir besonders beschäftigt und emotional involviert sind, verlieren wir unser Zeitgefühl, erklärt Katzer. Soziale Interaktion, Suchen und Finden im Netz – all das erfordert hohe Aufmerksamkeit. Deshalb fühlen sich Stunden wie Minuten an.
Die zahllosen Angebote im Netz verleiten uns außerdem zum Verweilen: Youtube-Video folgt auf Youtube-Video, man klickt sich durch die Amazon-Liste oder hüpft durch Wikipedia. Im Netz wird es nie fad, ein Zuviel ist immer möglich, denn zu viele Reize begegnen uns. Langeweile wird weggeklickt. Außerdem schafft das Internet eine hohe Flexibilität.

Dem Freund in Amerika kann man eine Facebook-Nachricht schreiben, wann man will – es ist nicht mehr nötig aufzubleiben, um mit ihm zu telefonieren. Nachrichten aus der Vergangenheit erscheinen wie Kommunikation in der Gegenwart. Die Zeiten verschwimmen. „Wir befinden uns in einer Art Null-Bewegung“, schreibt Katzer. „Das Fehlen der körperlichen Anwesenheit und der physischen Teilnahme hindert uns daran, Bewegungen und Zeitverläufe zu erkennen.“
Wir können zwar dauernd kommunizieren – das berufliche E-Mail kann etwa auch noch nachts an die Kollegen verschickt werden, wenn man gerade Zeit, Ruhe und Muße hat. Allerdings werden wir durchs Netz auch dazu verführt, ständig online und erreichbar zu sein. Durch die Flexibilität gehen uns oft Freiräume verloren. Wir schaffen es nicht mehr abzuschalten.
Die Folgen können bedrückend sein: Hat man Zeit verplempert, reagiert man darauf hektisch und nervös. Da man das Internet außerdem nie auslesen kann, fehlt einem das Gefühl, etwas abgeschlossen zu haben. Man hat sich in den Tiefen des Netzes verloren und bleibt frustriert zurück.

Vor zweieinhalb Jahren legte Katzer ihr erstes Buch über Cybermobbing vor. Jetzt überreicht sie dem Leser einen bunten Strauß an Themen: Social Media, Tracking, Shitstorm, Sharing-Economy, Sexting, Wistleblowing – kaum eine Entwicklung, die die Gesellschaft berührt und mit dem Netz zu tun hat, lässt Katzer aus.
Wie kommt der Hass ins Netz, und wie entstehen Shitstorm-Mobs? Geht durch die vorselektierte Liebesanbahnung auf Dating-Seiten Zwischenmenschliches verloren? Zerstören wir uns nicht selbst, indem wir uns durch Apps, die uns vermessen, ständig optimieren wollen? Und warum kann die vielgerühmte Sharing-Economy auch in Ausbeutung münden?
Katzer ergründet die Fragen, indem sie Experten und Studien zitiert und durch eigene Beobachtungen ergänzt, sie stellt eigene Thesen auf. Nicht bei allen Themen ist sie gleich firm, einige Kapitel lesen sich populärwissenschaftlich und hätten aufs Wesentliche eingedampft gehört.
Dennoch bietet sie mit „Cyberpsychologie“ einen guten Überblick über die wesentlichen Einflüsse, die die Technologie auf unsere Gesellschaft und jeden Einzelnen hat. Das Buch ist fern von sprödem Wissenschaftssprech und findet wichtige Antworten auf Fragen, die sich Otto Normal-User selbst regelmäßig stellt.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 40)


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