Der Andere Kosmos
70 Texte, 70 Orte - 70 Jahre 1789 - 1859

von Alexander von Humboldt, Oliver Lubrich, Thomas Nehrlich

€ 30,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Ein Abenteurer des Geistes

Naturkunde: Zum Auftakt der Feierlichkeiten anlässlich Alexander von Humboldts 250. Geburtstag erscheint ein Band mit 70 Texten

Wer war Alexander von Humboldt? Bis zum Erscheinen von Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ im Jahr 2005 war es recht still um ihn in unseren Breitengraden. An den wohl größten deutschen Naturforscher der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dessen Tod am 6. Mai 1859 in den Feuilletons weltweit Bestürzung auslöste, konnten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bald nur noch Leute vom Fach mit einiger Tiefenschärfe erinnern.

Und auch vorher musste der Name Humboldt schon immer weitaus öfters für opulent inszenierte Jubiläen herhalten, als dass er Anlass gab für schlaflos verbrachte Lektürenächte. Um es mit den Worten der Herausgeber der auf zehn Bände angelegten Berner Ausgabe Sämtlicher Schriften auszudrücken, die derzeit im Münchner dtv Verlag vorbereitet wird: „Die Prominenz keines anderen ‚Klassikers‘ stand lange Zeit in einem derartigen Missverhältnis zur Verfügbarkeit seiner Werke.“ Damit will das renommierte Editorenteam um Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich nun endlich aufräumen.

Schon zu Lebzeiten veröffentlichte der Tausendsassa, der Naturforschung und Dichtung zu einer einzigartigen Melange verband, die nicht nur große Staatsmänner und Wissenschaftler wie Thomas Jefferson und Charles Darwin, sondern auch Dichter wie Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau und nicht zuletzt Goethe nachhaltig beeinflusste, neben seinen großen Bestsellern „Ansichten der Natur“ (1808) und „Kosmos“ (1845–62) rund 800 Aufsätze, Artikel und Essays.

Diese wurden damals schon in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und erschienen in 1240 Medien an 440 Orten auf fünf Kontinenten. 95 Prozent dieser verstreuten kleineren Publikationen wurden bislang noch nie ediert. Diesen versunkenen Schatz will die größte zusammenhängende Werkausgabe seit Humboldts eigener 29-bändiger Mammutedition „Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents“ (1805–1838) nun endlich heben.

Die nahezu 7000 Seiten umfassenden „Sämtlichen Schriften“ zeigen vor allem eines: Humboldt war Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur der berühmteste Wissenschaftler der Welt, er war auch der internationalste Publizist seiner Zeit. Um diese These gleichsam spielerisch zu untermauern und in ihrem Wirkungspotenzial auszuloten, haben die Herausgeber einen schmucken Auswahlband aus dem Gesamtwerk zusammengestellt, der pünktlich zur Leipziger Buchmesse erscheint. Er enthält 70 thematisch wie gattungsspezifisch höchst heterogene Texte aus 70 Publikationsjahren – vom Beginn der Französischen Revolution bis in die Tage Otto von Bismarcks –, die an 70 verschiedenen Orten rund um den ganzen Globus publiziert wurden.

In seiner nur scheinbar willkürlich anmutenden Zusammenstellung ist dieser Band, der den Titel „Der Andere Kosmos“ trägt, ein Glücksfall. Noch nie ließ sich die Entwicklung einer derart vielseitigen geistigen Physiognomie so stringent und lebendig nachvollziehen. Ob Humboldt die Erfindung einer neuen „Spin-Zwirn-Haspel-Kratz- und Krempelmaschine“ vorstellt, uns Einblicke in die „unterirdische Vegetation“ in dunklen Bergwerksstollen gewährt oder uns an seinen gefährlichen galvanischen Experimenten teilhaben lässt, bei denen er sich mit elektrischen Stößen malträtierte und die dadurch entstehenden Blasen frohgemut mit Silber und Zink verödete: Auf jeder Seite lächelt uns hier ein Geist entgegen, dem kein Risiko zu groß und kein Wagnis zu gefährlich erscheint, um nicht im Dienst der Wissenschaft und des weltweiten Fortschritts mit unbändigem Optimismus in Angriff genommen zu werden.

Die literarischen Highlights des Bandes sind denn auch vor allem – neben der hochsymbolischen Erzählung „Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius“ (1795), in der der Autor sich selbst ein unmissverständliches Denkmal gesetzt hat – die von Humboldt mit poetischem Einfühlungsvermögen geschilderten Reminiszenzen an sein großes Südamerikaabenteuer, das er von 1799 bis 1804 mit seinem engen Freund und Kollegen Aimé Bonpland bestritt. Etwa ihre lange Fahrt auf dem reißenden Fluss Orinoco durch den dichten Dschungel zu den großen Wasserfällen, der verzweifelte Kampf von Zitteraalen und Pferden, den die beiden Gefährten in der Nähe von Caracas beobachten und für ihre Forschungen nutzbar machen konnten. Und nicht zuletzt die waghalsige Besteigung des Vulkans Chimborazo in Ecuador, die sie bis auf die Knochen durchgefroren und aus der Nase blutend erst nach 5917 Höhenmetern wegen einer unumgehbaren Gletscherspalte abbrachen – und damit trotzdem noch einen Weltrekord aufstellten.

Alexander von Humboldt war nicht nur ein zu seiner Zeit hochmodern denkender Visionär und Weltverbesserer, ein unermüdlicher Umweltaktivist und Vorkämpfer für die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, er war vor allem ein Mann der Extreme, ein Abenteurer des Geistes, der in nahezu derselben Intensität und mit der gleichen bedingungslosen Wissbegier wie Goethes Faust erkennen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Wunder der Natur verstehen zu lernen war sein Begehren und gleichzeitig sein Lebenselixier. Überlassen wir Humboldt selbst das letzte Wort, um davon einen Eindruck zu geben. Sein Geburtstag jährt sich am 14. September diesen Jahres zum 250. Mal. Das ist ein Vierteljahrtausend. Aber an seinem ganzheitlichen Naturverständnis können wir uns nach wie vor ein Beispiel nehmen.

„Wie im Vorgefühl dieses schmerzhaften Verlustes, in ernster Stimmung entfernten wir uns von der Gruft eines untergegangenen Völkerstammes. Es war eine der heitern und kühlen Nächte, die unter den Wendekreisen so gewöhnlich sind. Mit farbigen Ringen umgeben, stand die Mondscheibe hoch im Zenith. Sie erleuchtete den Saum des Nebels, der in scharfen Umrissen, wolkenartig, den schäumenden Fluß bedeckte. Zahllose Insekten goßen ihr röthliches Phosphorlicht über die graubedeckte Erde. Von lebendigem Feuer glühte der Boden, als habe die sternvolle Himmelsdecke sich auf die Grasflur niedergesenkt. – Rankende Bignonien, duftende Vanille, und gelbblühende Banisterien schmücken den Eingang der Höhle. Über dem Grabe rauschen die Gipfel der Palmen. So sterben dahin die Geschlechter der Menschen. Es verhallt die rühmliche Kunde der Völker. Doch wenn jede Blühte des Grabes welkt, wenn im Sturm der Zeiten die Werke schaffender Kunst zerstieben, so entsprißt ewig neues Leben aus dem Schooße der Erde. Rastlos entfaltet ihre Knospen die zeugende Natur – unbekümmert, ob der frevelnde Mensch (ein nie versöhntes Geschlecht) die reifende Frucht zertritt.“

Hinweis: Am Sa, 11.5., 20.30 Uhr liest Michael König aus Alexander von Humboldts „Der Andere Kosmos“ im Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek im Augustinertrakt am Josefsplatz

Albert Eibl in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 38)


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