An den Mauern des Paradieses
Roman

von Martin Schneitewind

€ 24,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Raoul Schrott
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

In jedem Fall seltsam, womöglich was Fieses: „An den Mauern des Paradieses“

Es gibt ihn alle paar Saisonen immer wieder: den Roman, der vor Jahren oder Jahrzehnten geschrieben wurde und nun wie eine Flaschenpost an die Gestade der Gegenwart gespült wird – visionär und von beklemmender Aktualität. In diesem Frühjahr wartet der dtv Verlag mit einem „faszinierenden Autor“ auf, von dem noch niemand je gehört hat: Martin Schneitewind. 1945 als Kind deutsch-französischer Eltern in Straßburg geboren, studierte er in Tübingen Theologie, bereiste Südamerika, arbeitete für die Stadtverwaltung seiner Geburtsstadt und starb 2009, ohne dass jemand dessen „großen Roman“ zur Kenntnis genommen hätte.

Das wäre auch so geblieben, hätte Schneitewinds Witwe sich nicht im Herbst 2015 an dessen ehemaligen WG-Kollegen aus gemeinsamen Marburger Studientagen, Michael Köhlmeier, gewandt und diesem das unveröffentlichte Manuskript zukommen lassen, welches dieser – des Französischen, in dem das Original verfasst ist, nicht mächtig – an seinen Kollegen Raoul Schrott weiterreichte. Der war seinerseits von dem Werk so fasziniert, dass er es sofort zu übersetzen begann, weswegen dieser „spektakuläre Fund“ nun unter dem Titel „An den Mauern des Paradieses“ erstmals veröffentlicht wird – eine „universelle Geschichte“ und „eine kühne Parabel, die einen weiten Horizont eröffnet, von den uralten Mythen der Menschheit bis zu den großen Fragen der Gegenwart“ (Verlagsvorschau).

Wenn man jemandem einen wirklich dicken Bären aufbinden will, erzählt man am besten von der umgestürzten alten Eiche, die vor dem Eingang zur Höhle liegt und dass in dieser auch noch 17 Fledermäuse hausen, von denen aber zwei halb ertaubt sind. Genau das tut Köhlmeier in seinem 30 Seiten starken Nachwort: Er breitet Anekdoten aus dem Leben des Mannes aus, der abseits der nun lancierten Kampagne keinerlei Spuren im Netz hinterlassen hat, und erinnert sich etwa daran, dass dem eigentlich unsympathischen, aber charismatischen Schneitewind in der WG sofort das schönste Zimmer überlassen wurde – „gute vierzig Quadratmeter, Stuckdecke, kleiner Balkon“.

Versucht man den Roman, um den so viel Wind entfacht wird, tatsächlich zu lesen, verdichtet sich der Verdacht, dass man hier verarscht wird: Die Geschichte vom kanadischen Orientalisten, der am persischen Golf in einem dystopisch-ruinösen Setting über sumerische Genesis-Mythen forscht und nach der verschollenen Tochter eines obskuren, aber charismatischen Industriellen namens Thaut sucht, ist dermaßen verstiegen und verquast, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handeln kann.

Ausgeheckt hat diesen vermutlich Raoul Schrott. Der gefällt sich bekanntlich in der Rolle des kraftlackeligen Poeta doctus und hat unter anderem auch das „Gilgamesch“-Epos übersetzt. Für seine Urheberschaft sprechen nicht nur die seitenlangen, hochmögend-bildungshuberischen Exkurse, sondern auch der Umstand, dass der Erzähler überhaupt nicht erzählen kann – was einem natural born narrator wie Michael Köhlmeier einen Grad an Selbstverleugnung abverlangt hätte, den man ihm eigentlich nicht zutraut.

Dafür strotzt der Roman vor Sätzen, die im Original unmöglich so windschief und verblasen sein können wie deren deutsche „Übersetzung“. Nach rund 80, hauptsächlich mit Mythenexegesen und Landschaftsbeschreibungen gefüllten Seiten, trifft der Ich-Erzähler auf Thauts Ex-Gattin Lili: „hohe Backenknochen, die helle Haut leicht von Sommersprossen gesprenkelt, die Lippe fest wie der Bogen eines Cupido. […] Ich hatte immer schon eine Vorliebe für reife Frauen, als käme in ihnen mit dem Alter eine Schönheit zum Vorschein, welche die Zeit zu überdauern vermochte. Als könnten sie ein Geheimnis des Lebens lehren.“

Besser hätte es ein Paulo Coelho auch nicht formulieren können! Als die beiden beim Abendessen wieder aufeinandertreffen, erzählt Lili in einem sechsseitigen Laberflash alles über ihre Ehe mit dem Ex: „Zurückblickend rauscht der Film meiner Ehe wie im Zeitraffer dahin – doch das ist eine Illusion, ein Effekt ihres vorzeitigen Endes. Obwohl ich doch wollte, dass alles langsam abrollt. Um mit meiner ungelenken Eigenwilligkeit die Zeit zu umgehen. Meine Trauer aber – ja, so will ich sie nennen: Trauer – äußerte sich später noch lange in Träumen, die sich weigerten, sich einfach darin zu fügen.“

Hier, auf Seite 88, entschloss sich der Kritiker, die ungelenke Eigenwilligkeit des Romans zu verlassen, um die Zeit, die er auch nicht gestohlen hat, lieber auf die Lektüre von Büchern zu verwenden, die der (Wieder-)Entdeckung tatsächlich lohnen (siehe zum Beispiel den „Klassiker des Monats“ auf Seite 14 dieser Beilage).

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 6)


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