Ingeborg Bachmann

von Joachim Hoell

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Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 25/2001

Am 25.Juni wäre Ingeborg Bachmann 75 Jahre alt geworden.Und Neuerscheinungen finden immer noch genug Stoff, sich am Werk und der Biografie der Dichterin abzuarbeiten.

Der Nachwelt hat Ingeborg Bachmann (1926-1973) einiges aufgegeben: 1976, 1978, 1983, 1986, 1993, 1996, 1998 und 2001 ließen sich als Bachmann-Jahre deklarieren, und auch heuer wird mit einer Reihe von Veröffentlichungen aufgewartet: Reclam kündigt ein Bändchen mit Interpretationen zur Lyrik an, eine neue Biografie von Joachim Hoell bei dtv hat soeben das Licht der Welt erblickt. Und es gibt zwei Kassetten mit Gedichten aus der Zeit von 1948 bis 1957, von der Dichterin selbst gelesen, zudem eine Aufzeichnung des Hörspiels "Der gute Gott von Manhattan" aus dem Jahre 1958 - beides übrigens mit beschämend geringem editorischem Aufwand besorgt, ohne wie immer geartete Erläuterungen zu den Aufnahmeorten oder -zeiten oder gar zu den Werken selbst.Am 25.Juni wäre Ingeborg Bachmann 75 Jahre alt geworden.Und Neuerscheinungen finden immer noch genug Stoff, sich am Werk und der Biografie der Dichterin abzuarbeiten.

Der Nachwelt hat Ingeborg Bachmann (1926-1973) einiges aufgegeben: 1976, 1978, 1983, 1986, 1993, 1996, 1998 und 2001 ließen sich als Bachmann-Jahre deklarieren, und auch heuer wird mit einer Reihe von Veröffentlichungen aufgewartet: Reclam kündigt ein Bändchen mit Interpretationen zur Lyrik an, eine neue Biografie von Joachim Hoell bei dtv hat soeben das Licht der Welt erblickt. Und es gibt zwei Kassetten mit Gedichten aus der Zeit von 1948 bis 1957, von der Dichterin selbst gelesen, zudem eine Aufzeichnung des Hörspiels "Der gute Gott von Manhattan" aus dem Jahre 1958 - beides übrigens mit beschämend geringem editorischem Aufwand besorgt, ohne wie immer geartete Erläuterungen zu den Aufnahmeorten oder -zeiten oder gar zu den Werken selbst.

Doch lohnt es sich hinzuhören: Es sind Stimmen aus einer anderen Zeit, die Stimmen der Autorin selbst wie auch die der Schauspieler; mit einem Schlage sieht man sich dabei um mehr als vierzig Jahre zurückversetzt. So hat man gesprochen, als ich Matura machte, und das will mir manchmal vergangener erscheinen als die vorvorige Jahrhundertwende. Zusehends wird man sich bei der Auseinandersetzung mit dem Werk der Ingeborg Bachmann dieses Abstandes bewusst, und das ist auch gut so: Die Zeit ist gekommen, diesen Abstand zu reflektieren und die Bedeutung Ingeborg Bachmanns ohne den kultischen Gestus und ohne das verhaltene, dafür aber umso penetrantere Pathos in der Stimme der auserwählten Interpretinnen und Interpreten zu bestimmen.Voraussetzungen dafür bieten neue Textausgaben: So sind im Vorjahr bereits unter dem Titel "Ich weiß keine bessere Welt" unveröffentlichte Gedichte aus dem ursprünglich gesperrten Teil des Nachlasses erschienen. Isolde Moser und Heinz Bachmann, die Geschwister der Dichterin, die zusammen mit Christian Moser als Herausgeber verantwortlich zeichnen, begründen den Schritt damit, dass diese Gedichte von Ingeborg Bachmann zwar nicht für die Veröffentlichung vorgesehen gewesen, aber doch auch nicht, wie sonst so vieles von ihr, vernichtet worden seien. Die Gedichte wurden in der Zeit von 1962 bis 1964 geschrieben, "manche auch später", wie es in dem Vorwort heißt, und auch der Kommentar enthält keine weiteren Verweise auf genauere Datierung. Abgedruckt sind etwas mehr als hundert Gedichte, bei denen es sich nicht um in sich abgeschlossene Gebilde, sondern um eine gewaltige Lyrik-Baustelle handelt:
"Meine Gedichte sind mir abhanden gekommen.
Ich suchte sie in allen Zimmernwinkeln.
Weiß vor Schmerz nicht, wie man einen Schmerz
aufschreibt, weiß überhaupt nichts mehr."

Diese Zeilen könnten als Motto über der ganzen Sammlung stehen. Es sind Folgen einer Krise (Kenner der Biografie werden sagen: Max Frisch, wir wissen schon). Das Unfertige ist auch das Faszinierende an diesen Gebilden; allerdings muss man sich darauf einstellen:
"Immer habe ich den Geruch geliebt, den Schweiß,
die Ausdünstung am Morgen, auch die Exkremente,
den Schmutz nach langer Bahnfahrt und in einem
Bett."
Solcherlei bedarf der Gewöhnung, aber das Krude passt in diese Suche nach einer neuen Sprache. Die Annahme, Ingeborg Bachmann hätte sich von der Lyrik in den Sechzigerjahren abgewendet, wird durch diesen Band einmal mehr widerlegt, zugleich wird klar, wie kritisch sie mit ihren eigenen Geschöpfen umging. Die Lektüre dieses Bandes sei daher vor allem jenen empfohlen, die sich in der Lyrik der Autorin auskennen und sie auch schätzen, denn nur wenn man von den fertigen und auch mit dem Imprimatur versehenen Gedichten herkommt, lassen sich diese Versuche gerecht beurteilen. Auf den von Hans Höller vor drei Jahren bei Suhrkamp herausgegebenen Band "Letzte unveröffentlichte Gedichte" sei mit Nachdruck hingewiesen; das ist die bis auf den Tag kundigste Hinführung zur Lyrik Ingeborg Bachmanns.Es scheinen namensmagische Wahlverwandtschaften in der Bachmann-Forschung wirksam zu sein: Hans Höller hat zwei Biografien vorgelegt, und zwar zu Bernhard und zu Bachmann, wenig später hat Joachim Hoell zwei Biografien vorgelegt, zu Bernhard und zu Bachmann, Höller bei Rowohlt, Hoell bei dtv. Ich habe immer den Mut der Autoren zur Biografie bewundert, mehr noch deren eher seltenes Gelingen: "In Paris probieren Bachmann und Celan im Herbst 1951 das Zusammenleben" - solche Sätze schreiben zu müssen, das gehört zum Fluch des Biografen. Hoell ist in seinem Vorgehen gewiss dezent und beschränkt sich meistens auf die wichtigen Fakten der äußeren Biografie, er ergeht sich in Aufzählungen der verschiedenen Lebensstationen, der Begegnungen, der Einflüsse; hier spricht jemand, der gut informiert ist. Dennoch würde ich eindeutig für Höllers Text votieren. Bei ihm steht der Bezug zwischen Leben und Werk in einem größeren Rahmen, zugleich sind die Verknüpfungen subtiler. Bei Hoell muten manche Ableitungen etwas schlicht an, ein Eindruck, der sich vor allem dann einstellt, wennman Höller vor Hoell gelesen hat.Der Abstand, der uns Heutige von Ingeborg Bachmann trennt, ist das verbindende Thema einer Textsammlung verschiedener Stimmen zu Ingeborg Bachmann. Der Titel "Einsam sind alle Brücken" soll den Leser auf die Höhenlage der Bachmann'schen Sprache bringen. Reinhard Baumgart will in seiner Einleitung Übersicht herstellen und Ordnung in dieses Rezeptionschaos bringen, ein Unterfangen, das an die Quadratur des Kreises erinnert. Am klügsten hat sich Peter Demetz aus der Affäre gezogen, indem er seine Erinnerungen an eine Lesung in New York mit einer genauen Kurzanalyse von Werk und Wirkung verknüpft. Thomas Kling macht aus seiner Ablehnung der missglückten Metaphorik in den frühen Gedichten kein Hehl - und wird dafür von Baumgart prompt getadelt. Behutsam-kritisch nähert sich Norbert Niemann, der Bachmann-Preisträger von 1997, einigen zentralen Motiven in Bachmanns Werk; etwas schnoddrig, aber doch scharfsinnig widmet sich Ulrike Draesner der Autorinnenrolle, die Ingeborg Bachmann zugeschrieben wurde.

Erkennbar wird eine kritische Abkehr von den frühen Gedichten, die die Autorin bekannt gemacht haben, und eine Hinwendung zur späten Lyrik, vor allem aber zu der großen Prosa, eine Bewegung, der ich folgen kann. Franzobel ist ganz Franzobel und befindet: "Eine erste Pop-Ikone der Literatur."

Für Peinlichkeiten ist auch gesorgt: Dagmar Leupold versetzt sich zu einem Nachmittagstee in die Via Bocca di Leone: "Jetzt, da wir schwiegen, trommelte Rom. Jetzt, da wir schwiegen, wisperte Galicien. Jetzt, da wir schwiegen, hörte man Schmetterlinge." Ulla Hahn, die von einigen Kritikern als Lyrikerin bezeichnet wird, gibt ihren Lieblingsvers preis: "Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein " Genau diesen Bedeutungscocktail habe ich mir von Ulla Hahn erwartet. Vielleicht besteht die Größe des Werks der Ingeborg Bachmann (unter andrem) darin, dass es auch zu solcher Emphase Anlass gibt.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 25/2001 vom 22.06.2001 (S. 77)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ich weiß keine bessere Welt (Ingeborg Bachmann, Isolde Moser, Heinz Bachmann, Christian Moser)
Einsam sind alle Brücken (Reinhard Baumgart, Thomas Tebbe)
Gedichte 1948-1957 (Ingeborg Bachmann)
Der gute Gott von Manhatten (Ingeborg Bachmann)

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