Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart
10 Taschenbücher

von Walter Killy

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 51-52/2001

Ein Germanist und ein Dichter beim Sammeln von Gedichten: Entstanden sind zwei Anthologien deutschsprachiger Lyrik, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Lyrik hat Konjunktur, darüber gibt es keinen Zweifel. Verschämt breiten sich in den Buchhandlungen die Lyrik-Ecken wieder aus, neue Spezialverlage tauchen auf, die Zahl lyrischer Publikationen wächst ebenso wie die Menge poetologischer Erläuterungen. Nicht zuletzt ist das Erscheinen von Lyriksammlungen ein Zeichen dieser unvermuteten Hausse.

Die beiden hier besprochenen Sammlungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Im Grunde verbindet sie nichts außer dem Zeitpunkt ihres Erscheinens. Die eine, "Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart", wurde in den späten Siebzigerjahren vom Germanisten Walter Killy herausgegeben und erscheint jetzt mit einem Ergänzungsband, der die fehlenden vier Jahrzehnte seit den Sechzigern nachträgt. Die einzelnen Bände, unter Killys Oberaufsicht von Spezialisten herausgegeben, umfassen in chronologischer Folge die verschiedenen Epochen der deutschen Literaturgeschichte, von den althochdeutschen "Merseburger Zaubersprüchen" bis zur Gegenwart; das Ordnungsprinzip ist Zeitgenossenschaft. Innerhalb jeden Jahres sind die ausgewählten Gedichte nach den Namen ihrer Autoren geordnet, Quellennachweise und verschiedene Register helfen beim Finden.

Die Zusatzinformation der Fachherausgeber beschränkt sich auf Einleitungen, die ihren Charme unter dem Grau eines germanistischen Tarnanstrichs verbergen; nur im letzten Band verzichten die Editoren auch darauf und schließen sich einem Herausgeber-Kollegen an, nämlich Hans Magnus Enzensberger, der 1985 unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr mit "Das Wasserzeichen der Poesie" eine maßgebende Lyriksammlung herausgegeben hat. Mit seinen Worten wünschen sie ihren Lesern keine "Qual", sondern schlicht "Unterhaltung". Sie spürten wohl selbst, dass ungeachtet des Umfangs (der mit über 4000 Seiten doch bemerkenswert ist) jeder Anthologie immer etwas Zufälliges anhaftet. Dem Kundigen fehlt vieles, dem bloß Interessierten fehlen viele Hinweise. Andererseits sollte man nicht vergessen, dass Entdeckungen hier durch bloßes Blättern möglich werden (viel zu wenig wissen wir beispielsweise von den Avantgardisten des Barock); und schließlich tröstet der attraktive Preis: zehn Bücher für weniger als einen Tausender ist auch nicht nichts. Den ganz entgegengesetzten Zugang zur Sache wählt Thomas Kling (geboren 1957), der bedeutende deutsche Lyriker, selbst mit einem Gedicht im letzten Band des Killy-Werks vertreten (was mir übrigens zu wenig scheint). Bereits Knappheit und Aufteilung seiner Sammlung "Sprachspeicher" sind Statements. Die Hälfte der "200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert" - so der Untertitel - stammen aus den ersten zwölf Jahrhunderten, der Rest aus dem zwanzigsten. Kling weist selbst auf die Gefahr hin, der Auswahl wegen für "frivol" gehalten zu werden, repräsentiert er die Gegenwart doch vor allem durch ihm selber näher stehende Autorinnen und Autoren. Nichts gegen Ferdinand Schmatz und Uwe Stolterfoht, Oswald Egger und Marcel Beyer; ohne Erich Fried mag man auskommen, aber null Peter Rühmkorf, Robert Gernhardt, Elisabeth Borchers oder Paul Wühr (beispielsweise) scheint doch etwas herb. Sechsmal Stefan George steht anderswo gegen sechsmal Goethe, und in der Abteilung Moderne wiegen ein Huchel, ein Eich und eine Bachmann zusammen drei Christine Lavants gerade mal auf; dafür ist Priessnitz da, Jandl (viermal!), Mayröcker sowieso und - justament - auch ein Weinheber. Ein Norbert C. Kaser neutralisiert den einen kümmerlichen Enzensberger mühelos. Leicht wägt die Hand der Nachgeborenen.

Aber gerade diese ungerechte Leichtigkeit macht die Qualität einer Auswahl aus. Dem Herausgeber geht es eben nicht um Scheinobjektivität, sondern um ein Statement: Weg mit dem Müll der Gruppe 47, fort mit belehrendem Finger, politisierender Faust und dem Schmusekram schmollender Befindlichkeiten danach, was zählt, sind einzig Ästhetik und Sprachkunst, Kling würde sagen: "Schädelmagie".



Nach einem Wort Walter Benjamins haftet an mancher Sammlung das "Odium der Plünderung", wahllos wird gerafft und gehäuft. Der Willkür des raffenden Zugriffs ist eine durch Voreingenommenheit geleitete Ordnung vorzuziehen. Vor allem, wenn sie so knapp und vorzüglich "moderiert" wird wie in Thomas Klings Auswahl. Mit kleinen Ansagen eröffnet Conferencier Kling die einzelnen Kapitel und bringt Stimmung in den Speicher; in einem knappen Nachwort erklärt er den Titel. Natürlich stammt er aus der Welt der Mobilkommunikation, wo der Sprachspeicher "zur vorübergehenden Aufbewahrung von Nachrichten" dient. Auch das eine kleine Provokation, denn Kling setzt auf die Haltbarkeit seiner Auswahl und die des Gedichts sowieso. Zu kritisieren gibt es wenig: Kenner haben zu Recht einige seiner Übersetzungen von Minnegedichten bemängelt (bis zum Barock ist die Auswahl zweisprachig, die Übersetzungen stammen von Dichtern, großteils von Kling selber). Das ändert nichts am Lob des Speichers insgesamt: tadellose, gebrauchsfeste Aufmachung (biegsame Broschur, Cellophanschutzeinband, Fadenheftung), feine Typografie mit Überschriften in roter Schmuckfarbe, akzeptabler Preis.

Und wir Österreicher sind immer dankbar, wenn uns gegenüber Sensibilität waltet. Schießlich steht Kling der österreichischen Literatur nahe und verdankt ihr - von Priessnitz bis Waterhouse - einiges. So nimmt sich, verglichen mit dem Killy-Titel "Deutsche Lyrik", der Untertitel von Klings Sammlung für unser Ohr bedeutend angenehmer aus: "200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert." Kurz, unter den vielen existierenden Gedichtsammlungen gehört "Sprachspeicher" zu jenen, die man haben sollte.

Armin Thurnher in FALTER 51-52/2001 vom 21.12.2001 (S. 87)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Sprachspeicher (Thomas Kling)

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