War was, Eva?
Wer sich nicht wehrt, endet am Herd

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Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 50/2014

Der Apfelkuchen und die Mönchskutten

2006 erschien "Das Eva-Prinzip" von Eva Herman und entfachte eine Debatte. Doch niemand wollte so recht zurück an den Herd

Am Anfang war Eva, Eva Herman. Die hatte genug von Leistungsdruck und Karriere und schrieb einen Bestseller, der ihre Karriere erst recht vorantrieb. Aber die neue Weiblichkeit, die sie meinte, war eine altbekannte: Kinder, Küche, (Kirche). Doch die Folge war ­keine Rückkehr zum Herd, sondern ein Aufschrei. Wenige Monate später lagen bereits ­Repliken vor. Karin Deckenbach fragte: "War was, Eva?". Désirée Nick konterte: "Eva go home!"
Das Schlagwort "Apfelkuchen", für dessen Selbstbacken Hermann plädierte, und die Parole "Zurück an den Herd" sind bis heute mit ihrem Namen verbunden. Ihr Buch zog eine Bilanz der Emanzipation, die ausschließlich negativ ausfiel. Der Preis für die Selbstverwirklichung der Frau (die des Mannes stand nicht in der Kritik): Deutschland stirbt aus, und seine Frauen werden immer unglücklicher. Schuld: die feministischen Einpeitscherinnen in ihren schwarzen Mönchskutten. Die Lösung: Frauen sollen aufhören, als Lohnsklavinnen zu arbeiten, und, wie es die "Natur" "vorgesehen" hat, ausschließlich als Hausfrau, Mutter und Ehegattin "segensreich" wirken. Herman (vierte Ehe, ein Sohn, steile TV-Karriere) zeigte den typischen Übereifer Bekehrter: monokausale "Wahrheit", simplifizierende Diagnosen, gewürzt mit einer Prise Romantik und Biologismus.
Debatten um Frauenthemen tragen immer die Zeichen des Kulturkampfs – entsprechend wütend waren die Reaktionen, etwa Deckenbachs oder Nicks Polemiken, die um Objektivität nicht einmal bemüht schienen. Auf die Suche nach ernsthaften Antworten machte sich einzig die Zeit-Literaturchefin Iris Radisch mit "Die Schule der Frauen". Durch die Gleichberechtigung sei der männliche Held abgesetzt worden und das System Familie ins Schlingern gekommen. Frauen lebten seither ohne Vorbilder – und wir alle in einer Welt, die nicht für ein Leben mit Kindern gemacht sei.
Das Paradoxon: In dieser durchrationalisierten, komfortablen "Glaspalast-Welt" werden junge Frauen dazu angehalten, wieder auf die Stimme der "Natur" zu hören. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Fortsetzung der Kooperation zwischen Frau und Mann und eine neue soziale Verbindlichkeit, aber auch die unersetzbare Zeit, die eine Familie für gemeinsame Erfahrungen, das unmittelbare Hier und Jetzt, kurz, für das schwer zu beschreibende Glück, den gelebten Augenblick mit Kindern hat.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 57)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Schule der Frauen
Eva go home (Désirée Nick)
Das Eva-Prinzip
Liebe Eva Herman (Eva Herman)

Rezension aus FALTER 12/2007

Leben ohne Vorbilder

Frauen zurück an den Herd! Lohnt es überhaupt, Eva Hermans krause Forderung zu diskutieren? Ja: über die Frage, wie wir leben sollen, muss gestritten werden.

Am Anfang war Eva, Eva Herman. Die ehemalige ZDF-Nachrichten-Frontfrau hatte genug von Leistungsdruck und Karriere und schrieb ein Buch, das ihre Karriere erst recht vorantrieb: "Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit". Aber die neue Weiblichkeit, die Herman meinte, war eine altbekannte: Kinder, Küche, (Kirche). Das war letzten Herbst, und der deutsche Blätterwald rauschte gewaltig. Nun, ein paar Monate später, liegen bereits Repliken in Buchform vor. Die Journalistin Karin Deckenbach fragt: "War was Eva?" Untertitel: "Wer sich nicht wehrt, endet am Herd". Die Entertainerin Désirée Nick kontert: "Eva go home", Untertitel: "Eine Streitschrift". Und sogar die Literaturchefin der Zeit und Vorsitzende der Bachmannpreis-Jury Iris Radisch hat geantwortet. Wobei "Die Schule der Frauen" den Namen Eva Herman ausspart und sich durch die angenehme Abwesenheit von Polemik auszeichnet. Untertitel: "Wie wir die Familie neu erfinden".
Hermans "Eva-Prinzip" zieht eine ausschließlich negative Bilanz der Emanzipation. Der Preis für die egoistische Selbstverwirklichung der Frau (die des Mannes stand nicht zur Disposition): Deutschland stirbt aus – und seine Frauen werden immer unglücklicher. Schuld: die feministischen Einpeitscherinnen in ihren schwarzen Mönchskutten. Die Lösung: Frauen sollen aufhören, als Lohnsklavinnen zu arbeiten, und – wie es die "Natur vorgesehen" hat, ausschließlich als Hausfrau, Mutter und Ehegattin "segensreich" wirken. Dass dieses Modell erst vom Bürgertum erfunden wurde, wird dabei dezent unter den Tisch gekehrt. Herman – vierte Ehe, ein Sohn, steile TV-Karriere – zeigt den typischen Übereifer Bekehrter: monokausale "Wahrheit", simplifizierende Diagnosen, gewürzt mit einer Prise Romantik, Christentum, Biologismus und dem Feindbild DDR-Krippen.
Lohnt es sich überhaupt, auf solch krause Thesen zu antworten? Es lohnt sich. Denn schließlich gibt es derzeit nur noch wenige echt politische Fragen, die in einer breiteren Öffentlichkeit verhandelt werden: Etwa jene, was Gesundheit und Krankheit ist und wie viel Freiheit dem Einzelnen zusteht – diskutiert anhand des Raucher- bzw. Sucht-Themas. Und jene, wie wir leben sollen: Männer und Frauen und mit ihnen auch die Kinder – in Deutschland jüngst wieder virulent geworden mit dem sogenannten "Gebärmaschinen-Streit", einer Debatte, die teilweise Züge eines Kulturkampfes trägt.

Eine halbe Million verkaufte Exemplare des "Eva-Prinzips", ein weiterer Band mit Briefen und Mails an die Verfasserin, aber auch bereits die zweite Auflage innerhalb eines Monats von Désirée Nicks "Eva go home" deuten jedenfalls darauf hin, dass dieses Eisen heiß ist wie kaum ein zweites. Die Diskussion dreht sich um die Frage, ob die Emanzipation geglückt oder kläglich gescheitert ist.
In der unproduktiven Variante darum, wer schuld ist am mangelnden Nachwuchs, daran, dass Deutschland (und mit ihm halb Europa) "ausstirbt", um in der Diktion Hermans zu bleiben. Und in der produktiveren darum, was man besser machen könnte. Darauf geben Eva Herman und ihre Kritikerinnen – beinahe möchte man sagen: naturgemäß – unterschiedliche Antworten.
Karin Deckenbach zeichnet in ihrer allzu schmissig geschriebenen Polemik, die mit ausufernden Zitaten und "typischen" Gesprächen Betroffener gestreckt und um Objektivität nicht einmal bemüht zu sein scheint, die Emanzipation trotz des derzeitigen Frusts als Erfolgsgeschichte. Nur der deutsche Staat müsse noch nachziehen mit der Begrünung der "Betreuungswüste" nach französischem Vorbild und dem Stopp des kontraproduktiven "Ehegattensplittings".
Désirée Nick, die sich selbst als erfolgreiche und glückliche Alleinerziehende outet, knöpft sich die Herman'schen Aussagen einzeln vor, um sie wütend, süffisant und manchmal ein wenig selbstverliebt zu widerlegen und "Das Eva-Prinzip" als pseudowissenschaftliches, schlecht recherchiertes "Machwerk" mit "Volksverblödungsparolen" bis hin zum Rassismus zu decouvrieren.
Auf die Suche nach den Ursachen und nach Antworten abseits des feministischen und antifeministischen Mainstreams macht sich einzig Iris Radisch in "Die Schule der Frauen", und zwar ausgehend von der eigenen Biografie und der ihrer Generationsgenossinnen, der heute Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Durch die Gleichberechtigung, eine der großartigsten Errungenschaften der Moderne, sei der männliche Held abgesetzt worden und das System Familie ins Schlingern gekommen. Frauen lebten seither ohne Vorbilder – und wir alle in einer Welt, die nicht für ein Leben mit Kindern gemacht sei. Das Paradox: In dieser durchrationalisierten, komfortablen, aber lebensfernen "Glaspalast-Welt" werden junge Frauen dazu angehalten, wieder auf die Stimme der "Natur" zu hören.
"Es gibt aus objektiver Sicht keinen erklärbaren Grund, aus dem heraus es heute sinnvoll wäre, Kinder zu bekommen", stellt Radisch, selbst Mutter von drei Töchtern, provokant fest. Eltern seien demnach "Aussteiger aus dem alles erfassenden Effizienzprinzip".
"Wir müssen unsere Freiheit, auch unsere Freiheit zur Kinderlosigkeit und zum Untergang verteidigen." Aber wenn wir leben wollen, so Radisch, müssen wir vor allem unsere Ethik der Liebe überdenken. Diesem Vorschlag folgt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Fortsetzung der Kooperation zwischen Frau und Mann und eine neue soziale Verbindlichkeit – aber auch für die unersetzbare Zeit, die eine Familie für gemeinsame Erfahrungen, das unmittelbare Hier und Jetzt, kurz, für das schwer zu beschreibende Glück, den gelebten Augenblick mit Kindern hat.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2007 vom 23.03.2007 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Schule der Frauen
Eva go home (Désirée Nick)
Das Eva-Prinzip
Liebe Eva Herman (Eva Herman)

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