Mohamed

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Die Biographie Mohameds wurde 200 Jahre nach dessen Tod verschriftlicht – mit politischer Intention: Muslimische Fürsten suchten ihre Position zu sichern und dem christlichen Jesus eine eigene, die Herrschaft legitimierende Erlöserfigur entgegenzusetzen. Dennoch hat sich das ambivalente Bild eines sich radikal verändernden und unter psychischen Problemen leidenden Menschen erhalten. Hier der milde, dort der gewalttätige Mohamed. Hamed Abdel-Samad zeichnet in seiner biographischen Skizze nach, welche bis heute verhängnisvollen Folgen aus diesen Traditionen erwachsen – und weshalb radikale Islamisten mit demselben Recht den »Propheten« zitieren wie laizistische und integrierte Muslime.

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FALTER-Rezension

Der barmherzige und blutrünstige Prophet

Der Islamkritiker Hamed-Abdel Samad rechnet mit Mohamed ab und rückt dabei vor allem dessen Schwächen und Herrschsucht ins Blickfeld

Lange Zeit wusste man im Westen kaum etwas vom Wahhabismus, der 1932 in Saudi-Arabien zur Staatsdoktrin erhobenen Reformbewegung des 18. Jahrhunderts. Heute erstaunt es westliche Beobachter, wenn sie erfahren, dass die Ideologie des Islamischen Staats (IS) über alle geostrategischen Interessen hinaus der wahhabitischen so verwandt ist, dass saudische Prinzen zu den wichtigsten privaten Finanziers des IS gehören.
Derlei Radikalismus unislamisch zu nennen, ist als Abwehr eines Kollektivverdachtes legitim. Doch schon Schiiten des Mittelalters bildeten terroristische Sekten aus und der Wahhabismus ist eine „Auslegung“ der Schriften, die vermutlich nicht mehr und nicht weniger Recht besitzt, die Heilsbotschaft auf Erden zu vertreten, als etwa der Calvinismus im Christentum. Umgekehrt können nur ignorante Denunzianten den Calvinismus als Beweis für eine unterdrückerische und fanatische Natur des Christentums im Ganzen anführen. Monotheistische Heilsbotschaften sind eben ambivalent.
Ein historisches Faktum ist allerdings wie in Tilman Nagels monumentaler Biografie „Mohammed“ nachzulesen: Die politische Ordnung, die am Beginn des Islams stand, die „Gemeindeordnung“ Medinas, war nichts anderes als ein Kriegspakt, in dem Mohammed (der wahrscheinlich nicht so hieß) die Blutsverwandtschaft der Clanstrukturen geschickt ausnutzte. Tötung, Vertreibung, Verstümmelung erscheinen in Sure 2 als legitime Mittel zur Absteckung der „Grenzen“ des Reiches. Aber: Man empfand das nicht als Widerspruch zum Auftreten als Heilsbewegung der Barmherzigkeit und des Friedens. Die Unterordnung des gesamten Lebens unter die offenbarten „Gesetze“ war die Bedingung des Heils und rechtfertigte daher Gewalt.

Aberglaube versus Westen
Hamed Abdel-Samad, Sohn eines Imams alter Schule, wuchs in einem Dorf am Nil in den traditionellen Islam hinein. Dort existierte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts keine einzige Koran-Ausgabe – man lebte das Buch gleichsam leiblich und nur mündlich. So auch Abdel-Samad. In seiner zu Recht vielverkauften Autobiografie hat er den Leidensweg vom Koranschüler in einer Geborgenheit schenkenden, doch autoritär gewaltbereiten und abergläubischen Welt in die Freiheit westlicher Prägung erzählt. Zu diesem Glück der individuellen Selbstbestimmung, des säkularen Wissens, der Toleranz und freien Meinungsäußerung, das nicht ohne Geborgenheitsverlust zu haben ist, will er seither seinen Glaubensgenossen verhelfen.
Das tut er mittlerweile als routinierter Bespieler der Massenmedien, inklusive eines Hanges zu sensationistisch pauschalisierenden Thesen. Im neuen Buch bedient er sich der klassischen Mittel der Religionskritik: zeigen, dass Prophet und heilige Schriften keine überzeitlichen Wunder, sondern Produkte ihrer Zeit und allzumenschlicher Interessenlagen sind. Abdel-Samad folgt – das zu tun ist keineswegs selbstverständlich – Tilman Nagel in der Annahme, dass es aller Überwucherung durch Legendenbildungen, mythisierende Stereotype und politisch motivierte Erfindungen zum Trotz eine historische Person gegeben haben dürfte, die nach einer Lebenskrise mit 40 Jahren ab 610 in Mekka den Monotheismus zu predigen begann, in Konflikt mit dem eigenen Stamm kam und die Stadt 620 verließ. Zehn Jahre später, nun Trupps von Exkludierten und räuberischer Stämme befehligend, eroberte er die Stadt militärisch und leitete so den Siegeszug der später „Islam“ genannten Bewegung ein. Als Erstes wurde die kunterbunte, friedliche Vielfalt der Religionen in Mekka und Umgebung vernichtet.
Abdel-Samads Buch unterbietet zu Lehrzwecken das Gelehrtenniveau und begibt sich gleichsam in die Binnenperspektive eines traditionellen Muslims, der in einem emphatischen Naheverhältnis zu seinem „Propheten“ steht – wohl nicht sehr viel anders als traditionelle Christen zur Imagination von „Maria“ oder „Jesus“. Die Illusion von Lebensechtheit kann im Falle von „Mohamed“ unvergleichbar intensiver und individueller sein, da eine Fülle an Lebensdetails und vor allem auch persönlicher Konflikte zur Überlieferung gehört.

Allmachtsfantasien
Diese Authentizitätsillusion benutzt Abdel-Samad, um den „Propheten“ und sein Verhalten so zu beschreiben, wie wir es mit lebenden Personen hier und jetzt tun würden: Die Persönlichkeitskonflikte wären dann im Falle Mohameds so evident wie das Denken in den Grenzen einer kriegerischen Stammeskultur und ein labil ambivalentes Verhältnis zu Frauen. Erlittene Kränkungen und Unterlegenheitsgefühle gegenüber den hochstehenden Kulturen der Juden und Byzantiner wurden überkompensiert durch Allmachtsfantasien. Da stecken viel Küchenpsychologie und Anachronismus drinnen. Dennoch könnte Abdel-Samads Versuch dazu beitragen, modern pluralistische Gesellschaften zu animieren, von ihren Bürgern zu verlangen, einen solchen „Propheten“ nicht mit naiver Empathie zu glorifizieren.
Die verwirrende Mischung von Barmherzigkeit und nackter Gewalt im Tun des Propheten erklärt Abdel-Samad so: Solange Mohamed in winziger, machtloser Minderheit in Mekka predigte, waren seine Offenbarungen „apolitisch, vom Geist des Friedens und der Toleranz geprägt“, teils poetisch und mystisch. In Medina dagegen „wurde nicht nur der erste muslimische Staat gegründet, hier kam auch der gewalttätige Mohamed zum Vorschein, der für seine politischen Ziele über Leichen ging. Nicht nur der Inhalt, auch die Sprache des Koran verändert sich in Medina deutlich; sie ist nicht mehr poetisch und meditativ wie in Mekka, sondern trocken und belehrend.“ Eine allzu schlichte Erklärung.

Sebastian Kiefer in Falter 49/2015 vom 04.12.2015 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783426276402
Ausgabe 7. Auflage
Erscheinungsdatum 01.10.2015
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Philosophie, Religion/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Droemer
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