Der Koran

Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Bürgerkriege innerhalb der islamischen Welt und die Konfrontation mit dem Westen sind die Grundkonflikte unserer Zeit. Im Koran selbst liegen die Wurzeln dieser Auseinandersetzungen, denn einerseits birgt er eine Botschaft der Toleranz und des Mitgefühls, andererseits ist er ein religiöser Text, der Brutalität und Mord legitimiert. Dieser Widerspruch rührt von der Person und dem Leben Mohameds her, dem anfangs friedlichen Prediger und späteren Warlord. Hamed Abdel-Samad stellt zentrale Suren vor, leitet sie ein und kommentiert sie mit Blick auf Entstehungsumstände und Rezeption. Er zeigt, warum sich friedliebende Muslime ebenso auf den Wortlaut des Korans stützen, wie dies gewalttätige Islamisten tun, und welche Konflikte daraus erwachsen.

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FALTER-Rezension

Kriegsgebrüll und Spiritualität

Hamed Abdel-Samad legt eine schonungslose historische Kritik des Korans vor und versucht trotzdem, dessen spirituellen Kern zu retten

Allah hatte keine Eile damit, die im Arabien des frühen siebten Jahrhunderts „offenbarte“ Botschaft verschriftlichen zu lassen. Erst der dritte Kalif, Uthman, inthronisiert zwölf Jahre nach des Propheten Tod (632), gab den Befehl dazu. Er hatte gute Gründe dafür. Der Prophet war „überraschenderweise“ verstorben und hatte keine Nachfolgeregelung getroffen. Sofort begannen Machtkämpfe um die Nachfolge und somit um die Oberherrschaft im militärisch expandierenden Reich. Sie dauern bis heute an.
Das Verlangen nach Kanonisierung war groß, schließlich sollten die Prophetenworte nicht weniger als das gesamte Leben ein für alle Mal regeln, von der Geburt bis zum Tod, das rechtliche und politische System, das Geschlechterverhältnis, die Tagesordnung, die Rituale. Uthman ließ die kursierenden Erzählungen sammeln, zu einem Buch ordnen und abweichende Varianten verbrennen. Das Ordnungsprinzip bezeugt die Abwesenheit jeglichen Bewusstseins der Kontextbedingtheit der Prophetenworte und -taten. Alle Suren wurden der Länge nach aneinandergereiht.
Hamed Abdel-Samad, 1972 in einem ägyptischen Dorf geboren, hatte in der Tradition seines Vaters, eines sunnitischen Imams, den Koran noch auswendig gelernt, bevor er in Jahren inneren Ringens über ein Sprach- und Politikstudium langsam die moderne Liberalität schätzen lernte. Heute verteidigt er als prominenter Publizist die Meinungsfreiheit.
Über „seinen“ Koran hat er nun sein bisher ausgewogenstes Buch geschrieben. Er hält sich weitgehend zurück mit kurzschlüssigen Aktualisierungen und Konstruktionen mentalitätsgeschichtlicher Kontinuitäten und gibt dem großen Publikum eine einfache, stichhaltige Erklärung an die Hand, weshalb sich Gewalttäter, Ideologen der politischen Islamisierung, Friedensprediger und mystische Seelen mit gleichem Recht auf den Koran berufen dürfen. Das Modell ist eines der Historisierung.

Historischer Kontext
Poetische, meditative, aggressionsfreie Verse gehören fast ausnahmslos der Frühzeit in Mekka an (bis 622). Mohamed, ein mittelloser Waise, hatte sich durch die Heirat mit seiner Arbeitgeberin, einer reichen, älteren Kaufmannsfrau, zwar einen gewissen Wohlstand erworben, in der auf Blutsbande achtenden Stammesgesellschaft seiner Zeit blieb er jedoch ein Außenseiter und seine Predigen und Verkündungen jahrelang unerhört.
Sein Ton wurde zunehmend radikaler, Verwünschungen von Andersgläubigen und exzessive Bestrafungsfantasien brachen sich Bahn, bevor Mohamed enttäuscht mit seiner kleinen Anhängerschar nach Medina zog.
Die medinensischen Juden versuchte er zunächst noch zu umwerben. Nachdem es ihm gelungen war, eine Armee aufzubauen und diese durch Raubzüge zu finanzieren, wandte er sich plötzlich von den Juden ab. Dass sie sich weigerten, den Krieg der jungen, militanten Gemeinde gegen Mekka mitzumachen, dürfte ein Auslöser eines – auch gemessen an den rauen Sitten seiner Zeit brutalen – Gewaltausbruchs gegen sie gewesen sein.
Der Koran ist so auch das Dokument einer eskalierenden Gewaltbereitschaft und am Ende das eines erfolgreich geführten, „totalen“ Krieges gegen die Andersgläubigen, beginnend mit der Eroberung Mekkas und der Zerstörung der dortigen religiösen Vielfalt.

Enge des Blickes
Klugerweise belässt Abdel-Samad es nicht bei dieser Entzauberung. Er beschreibt Historisierung als besten Weg dazu, dem Koran seine Würde als Dokument echter religiöser Erfahrungen zurückzuschenken. Diese Würde hat er in den Augen vieler verloren, weil im Koran zwar viel von Barmherzigkeit die Rede ist, das Töten Andersgläubiger jedoch gefordert und verherrlicht wird und mehrere „Offenbarungen“ als Produkte rein persönlichen, machttaktischen Kalküls erscheinen: Besitz, Krieg, Recht, Sexualität und Macht.
Abdel-Samad rät den Muslimen, einen Kern an koranischer Spiritualität und Ethik zu retten, indem man ihn entschlossen von zeit- und situationsbedingten Nutzen- und Machtkalkülen trennt.
Sein neues Buch dürfte damit dem aufklärerischen Dialog mit Muslimen und deren uninformierten Verächtern bessere Dienste erweisen als seine früheren, weil er dem Koran seine Widersprüchlichkeit belässt und über die historisierende Rekonstruktion hinaus abwägend die Themen einzeln behandelt, die heute im Zentrum der kulturellen Konflikte mit der muslimischen Welt stehen.
Die größten Schwächen rühren wie in Abdel-Samads anderen Büchern von der Enge des Blicks her. Gewiss ist es für aufgeklärte Menschen widersprüchlich und zynisch, dass hier ein Gott als Barmherziger angebetet wird, dem es nicht nur beliebte, Unbotmäßigen mit Schlägen zu drohen, sondern auch großen Teilen der Menschheit das Licht des Glaubens zu verwehren, um sie hernach der Hölle zuzuführen.
Die Gleichzeitigkeit von Liebesrhetorik und Bestrafungsfantasien ist auch Christen gut bekannt, ebenso wie die ausgeprägte Misogynie Gottes und seiner Boten. In dieser Hinsicht klagt, wer den Koran an- oder beklagt, implizit auch Elemente des Monotheismus überhaupt an.
Abdel-Samad ist, womöglich aus Taktgefühl seinen einstigen Glaubensbrüdern gegenüber, in dieser Hinsicht inkonsequent: Gerade jene Maximen, die er als bewahrenswert bezeichnet, werden nicht nur ähnlich in vielen Religionen gelehrt, sie sind auch das, was Offenbarungsschriften in ethischer Hinsicht heute weitgehend überflüssig macht, denn man kann ihnen auch unabhängig von religiösem Glauben oder Unglauben folgen.

Sebastian Kiefer in Falter 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783426277010
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 06.10.2016
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Philosophie, Religion/Weitere Weltreligionen
Format Hardcover
Verlag Droemer
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