Von Kamen nach Corleone
Die Mafia in Deutschland

von Petra Reski, Franco Roberti

€ 11,30
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Verlag: Knaur Taschenbuch
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.07.2012

Rezension aus FALTER 38/2012

"Journalisten umzubringen ist kontraproduktiv"

Klagen statt Kugeln: Das sind die neuen Methoden der Mafia, wenn es um kritische Journalisten geht. Petra Reski weiß Bescheid, sie lebt seit gut 20 Jahren in Italien und berichtet von den Machenschaften der Mafiosi, hat zwei Bücher dazu verfasst. Kommende Woche ist die Journalistin bei den Wiener Stadtgesprächen der Arbeiterkammer zu Gast, vorab sprach sie mit dem Falter über das viel zu romantische Bild von den schrulligen Mafiosi.

Falter: Frau Reski, Sie berichten über die Mafia. Benötigen Sie bei Ihren öffentlichen Auftritten noch immer Polizeischutz?
Petra Reski: Ich informiere die Polizei zumindest darüber, wo meine öffentlichen Auftritte stattfinden. Das ist nach wie vor der Fall.

Warum ist das notwendig?
Reski: Auf einer Lesung in Erfurt wurde ich von verschiedenen Personen bedroht und erhielt danach auch noch weitere Drohungen. Ganz abgesehen davon, dass man mich mit fünf Prozessen und drei Strafanzeigen zugeklagt hat. Das ist eine Einschüchterungstaktik, in Italien nennt man das: "Einen treffen, um hunderte zu erziehen."

In Erfurt wurden Sie bedroht? Das liegt ja gar nicht in Italien.
Reski: Italien ist auch nicht mein Problem. Dort hat nur einmal Marcello dell'Utri, die rechte Hand von Silvio Berlusconi, gedroht, mich zu verklagen. Was er dann nicht tat. In Deutschland ist das anders: Als Journalistin bekommen Sie dort ein Problem mit der Mafia, wo Sie über ihre Geschäfte berichten. 2008 erschien mein Buch "Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern", in dem es unter anderem um Verstrickungen deutscher Politiker mit der Mafia geht. Da galt es, an mir ein Exempel zu statuieren.

Ist die Mafia wirklich so aktiv in Deutschland?
Reski: Ja, mindestens seit 40 Jahren. Sie kam im Gefolge der anständigen italienischen Gastarbeiter nach Deutschland, wo sie vom wirtschaftlichen Reichtum und von gesetzlichen Lücken profitiert, die es der Mafia leicht machen, Geld zu waschen.

Welche Gesetzeslücken gibt es denn?
Reski: Vermutlich die gleichen wie in Österreich. Aber anders als in Italien ist die Zugehörigkeit zur Mafia in Deutschland kein Strafbestand. In Italien reichen bereits Beweise, dass jemand zu einem Clan gehört, um ihn zu inhaftieren. Auch ist die Geldwäsche in Deutschland vergleichsweise einfach. Anders als in Italien, wo der Investor beweisen muss, woher sein Geld kommt, muss in Deutschland die Polizei nachweisen, dass es aus schmutzigen Quellen stammt. Das ist die sogenannte Beweislastumkehr. Nehmen wir einen Pizzabäcker, der 800 Euro verdient und plötzlich eine Pizzeria für 80.000 Euro kauft. Woher kommt dieses Geld? Es reicht, wenn der Pizzabäcker behauptet, sein Onkel aus Kalabrien habe es ihm geschenkt. Diese Frage würden deutsche Polizisten aber nicht einmal stellen, da sie nicht "anlassunabhängig" ermitteln dürfen. Nur wer bereits unter Verdacht steht, ein Verbrechen begangen zu haben, kann von den Wirtschaftsfahndern kontrolliert werden.

Deutschland dient also vor allem der Geldwäsche?
Reski: Ja. Deswegen ist die Mafia auch daran so interessiert, ihr folkloristisches Bild aufrechtzuerhalten. Solange es keine Toten gibt, glauben die Leute, die Mafia sei nicht aktiv. Die Clans handeln meistens sehr rational. Dazu gehört, kein Aufsehen zu erregen, weder in Deutschland noch in Italien. Die Mafiamorde in Duisburg, bei denen 2007 sechs Menschen erschossen wurden, waren ein Betriebsunfall, der für zu viel Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Haben wir ein zu romantisches Bild von den Mafiosi?
Reski: Absolut. Hollywoodfilme wie "Der Pate" haben den Mafiosi einen großen Gefallen getan. Es gibt die "Mafia" als Videospiel und als Partymusik. Und es gab sehr schöne folkloristische Reportagen, in denen ausländische Journalisten vermeintliche Bosse in ihren Verstecken interviewen­ durften. Reportagen, in denen die Mafia als eine Art "Kulturgut" dargestellt wurde: singende und tanzende Mafiosi, die sich vielleicht hin und wieder gegenseitig umbringen, für uns anständige Bürger aber keine Gefahr sind. Das wirkt alles sehr romantisch, wie seltsame, alte Bräuche. Es soll der Eindruck entstehen, dass die Mafia nur in rückständigen italienischen Dörfern existiert. Derweil waschen die Mafiosi anderswo unbeo­bachtet ihr Geld.

Sie sprechen sogar von Verbindungen deutscher Politiker zum organisierten Verbrechen.
Reski: Die Mafia ist nicht denkbar ohne Verbindungen zur Politik, weder in Italien noch in Deutschland. Ich habe in meinem Buch drei Beispiele dafür gegeben. Zwei davon haben deutsche Gerichte geschwärzt.

Wieso?
Reski: Zwei – nennen wir sie erfolgreiche – italienische Unternehmer haben mich geklagt, aufgrund des starken deutschen Persönlichkeitsrechts haben sie es vor Gericht geschafft, diese Passagen schwärzen zu lassen. Das war schon beeindruckend, welche juristischen Geschütze gegen mich aufgefahren wurden.

Und das dritte Beispiel wurde nicht geschwärzt?
Reski: Genau, es handelt von ­Günther Oettinger, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, jetzt Energiekommissar in Brüssel. Er pflegte eine dubiose Freundschaft zu einem kalabrischen Geschäftsmann namens Mario Lavorato, der wegen Zugehörigkeit zur Ndrangheta (Anm.: der kalabrischen Mafia) angeklagt und dann mangels Beweisen freigesprochen wurde. Lavorato wurde in Stuttgart wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Dieses Beispiel ist noch in meinem Buch zu finden ohne Schwärzung.

Sie sagen, in Deutschland gibt es Geldwäsche ...
Reski: ... und in Österreich genauso. Mir fällt das Beispiel von Senator Nicola Di Girolamo ein, Mitglied von ­Berlusconis Partei, den die Mafia ins Amt hievte. Der flog mit einem riesigen Geldwäscheskandal auf, in den nicht nur etliche große italienische Unternehmen verwickelt waren, sondern auch österreichische Banken. (Anm.: Laut Ermittlern schleuste Di Girolamo das Geld über 14 Konten bei drei österreichischen Banken ins Ausland.) Das ist wohl kein Einzelfall. Auch mischt die Mafia oft bei öffentlichen Bauaufträgen mit – die werden europaweit ausgeschrieben. Bei Subunternehmern wird selten nachgefragt, warum sie so billig arbeiten können. Wenn 25 Unternehmer um den Auftrag buhlen, wird der mafiöse Unternehmer den Zuschlag bekommen. Die Baumafia hat Geld zur Verfügung wie keiner sonst, überdies zahlt sie weder Steuern noch Sozialabgaben. Jedoch entspricht diese Wirtschaftskriminalität nicht diesem Bild der Mafia, die mordend durch die Straßen zieht. Die Mafia hat schon vor Jahrzehnten erkannt: Mit Geld und guten Worten erreicht man mehr als mit Drohungen und Morden.
Hat sie auch ihre Methoden gegenüber Journalisten geändert?
Reski: Sagen wir so: Es ist kontraproduktiv, Journalisten umzubringen. Oft reicht es, sie zu bedrohen und sie mit Klagen zu neutralisieren, möglicherweise auch mit politischer Einflussnahme auf Chefredakteure. Viele Journalisten, die über die Mafia schreiben, machen die gleiche Erfahrung: Wenn ein Journalist im großen Stil verklagt wird, werden auch Verleger nachdenklich: "Soll ich mir das wirklich antun? Will ich das durchziehen?" Letztlich geht es um hohe Prozess- und Anwaltskosten für ein einzelnes Buch oder einen einzelnen Artikel.

In Italien musste Berlusconi als Ministerpräsident zurücktreten.
Sehen Sie Grund zur Hoffnung, dass sich Italien noch aus dem Griff der Mafia befreit?
Reski: Die Italiener setzen große Hoffnungen in zwei neue Bürgerbewegungen: in die Partei Italia dei Valori, zu Deutsch das "Italien der Werte", des ehemaligen Staatsanwalts Antonio Di Pietro. Und in die Bürgerbewegung
5 Stelle von Beppe Grillo (Anm.: ein italienischer Schauspieler und Komiker). Die beiden Parteien erreichen zusammen 30 Prozent der Wähler, besagen die neuesten Umfragen. Es ist für die Mafia ein Worst-Case-Szenario, wenn neue Parteien an die Macht kommen – andere als die bestehenden Parteien, mit denen sie sich immer arrangiert hat.

Was machen diese beiden Parteien anders?
Reski: Beppe Grillo verlangte zum Beispiel, dass alle rechtmäßig verurteilten Politiker – egal, wegen welchen Verbrechens – aus dem Parlament entfernt werden. Dort sitzen etliche in dritter Instanz verurteilte, vorbestrafte Politiker. Für Italien ist diese Forderung schon eine Revolution. Natürlich wird die Mafia versuchen, auch die neuen Bürgerbewegungen zu korrumpieren, keine Frage. Aber die Hoffnung aller Italiener liegt jetzt auf ihren Schultern.

Ingrid Brodnig in FALTER 38/2012 vom 21.09.2012 (S. 24)


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