Die neuen Dschihadisten
ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Econ
Genre: Sozialwissenschaften
Erscheinungsdatum: 09.10.2015

»Ein außergewöhnlich kluges Buch.« Georg Mascolo

Wir stehen am Anfang einer neuen Terrorismuswelle. Ihre Wurzel ist die Krise in Syrien und dem Irak. Dort hat der Islamische Staat eine totalitäre Utopie verwirklicht, die gleichzeitig als Trainings- und Operationsbasis dient. Aus Europa sind Tausende in den Konflikt gezogen. Dazu kommen „einsame Wölfe“ und die Überbleibsel von al-Qaida. Sie drohen mit Anschlägen. Aber mehr noch: Sie kämpfen mit allen Mitteln gegen das europäische Gesellschaftsmodell – das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen.
Was uns bevorsteht, kann dank seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit keiner so gut einschätzen wie der weltweit renommierte Terrorexperte Peter R. Neumann. Er ordnet die neue Bewegung ein und zeigt, wie wir der Bedrohung begegnen können.

»Neumann ist zweifelsohne derzeit einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Terrorismus-Experte der Welt.« Bild


»Ein gut lesbares, informatives Handbuch.« tagesspiegel Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London und leitet das International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR), das weltweit bekannteste Forschungsinstitut zum Thema Radikalisierung und Terrorismus. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Belfast promovierte Peter Neumann am King’s College London über den Nordirlandkonflikt. Vor seiner wissenschaftlichen Karriere arbeitete er als Radiojournalist in Berlin.

Rezension aus FALTER 44/2015

Das Management der Barbarei

Wovor flüchten Syrer? Der Terrorforscher Peter R. Neumann hat die Ziehväter des Islamischen Staats und die Facebook-Seiten seiner Kämpfer erforscht.

Die Flüchtlingsströme reißen nicht ab. Immer mehr Syrer kommen nach Europa, weil sie die Herrschaft des Islamischen Staats nicht überleben würden. Langsam kommt auch die Diplomatie in Schwung (siehe Kasten unten). Wieso ist der IS so brutal und erfolgreich zugleich, was treibt seine Gefolgsleute wirklich an? Es gibt viele selbsternannte Terror­for­scher, die Antworten darauf geben, ohne wirklich empirisch geforscht zu haben. Peter R. Neumann zählt nicht zu diesen Scharlatanen. Der Direktor des „International Center for the Study of Radicalisation“ am Londoner King’s College gilt als einer der gefragtesten Experten für islamistischen Terror. Soeben hat er im Econ-Verlag seine exzellente Studie über „Die neuen Dschihadisten“ vorgelegt. Es räumt mit vielen Vorurteilen auf, die man in Europa über den Islamischen Staat, seine Krieger und die Salafisten hegt. Anlass für ein Falter-Gespräch über die geistigen Grundlagen des IS und den Alltag der aus dem Westen ausgewanderten Kämpfer.

Falter: Herr Direktor Neumann, Sie beginnen Ihre Studie über „Die neuen Dschihadisten“ mit einem Rückblick auf die Geschichte des europäischen Terrors. Was müssen wir denn von unserer eigenen Vergangenheit wissen, um die Brutalität von heute zu verstehen?
Peter R. Neumann: Wir scheinen zu vergessen, dass Terror in unserer modernen Geschichte nichts Neues ist. Es gab immer schon Terrorismus. Es begann mit den Anarchisten im späten 19. Jahrhundert, eine Bewegung die unheimlich mächtige Leute ermorden konnte, den Präsidenten der USA etwa, den Zaren von Russland, die Kaiserin von Österreich. Die anarchistische Bewegung ist implodiert. Wir hatten danach die mächtige Bewegung der antikolonialistischen Terroristen, die die großen Kolonien zerstückelt und zu ihrem Ende gebracht haben. Und dann gab es den linken Terror, die Rote Armee Fraktion. Neben dem rechten Terror, der wiederum ganz eigenen Mustern folgt, erleben wir die religiöse Welle.

Was haben die Terrorwellen gemeinsam und welche Erkenntnisse verschaffen sie uns für die Gegenwart?
Neumann: Ihnen ist gemeinsam, dass sie in Zyklen auftreten und meist nach einer Generation wieder enden. Das ist einerseits gut, aber auch wieder schlecht, weil wir gerade am Anfang einer neuen Welle stehen, die noch einige Jahre andauern wird.

Wir sprechen vom Terror der „neuen Dschihadisten“. Sieben Millionen Syrer flüchten nicht nur vor den Fassbomben Assads und den Schergen der al-Nusra-Front, sondern vor allem auch vor dem Schrecken des Islamischen Staats. Wer sind diese IS-Kämpfer, worauf stützt sich ihr kriegerischer Erfolg?
Neumann: Jedenfalls nicht auf ihre Mannstärke. Wir müssen weiter ausholen: Der Islamische Staat, repräsentiert vor allem durch ehemalige irakische Militärs und Geheimdienstler, hat sich in das Chaos der konfessionellen Konflikte im Irak und in Syrien eingenistet. Er verbreitet eine starke Vision, einen unbedingten Willen zur Dominanz. Man muss wissen, dass nicht alle, die den Islamischen Staat unterstützen, fanatische Dschihadisten sind. Natürlich gibt es die auch, aber es gibt genauso viele Opportunisten, die den IS als das kleinere Übel im Vergleich zu Syriens Präsidenten Baschar al-Assad ansehen. Man muss auch wissen, dass der IS im Kerngebiet nicht so sehr als extreme islamistische Kraft gesehen wird, sondern als starker Vertreter sunnitischer Interessen.

Der Islamische Staat, so schreiben Sie,
darf nicht nur zur Terrorvereinigung ver-
kürzt werden, sondern er ist ein richtiger
Staat mit einer biederen Bürokratie.
Neumann: Das ist der große Unterschied zu al-Qaida. Die al-Qaida wollte zuerst gegen den Westen kämpfen und dann das Kalifat, also einen Gottesstaat, errichten. Der IS geht den umgekehrten Weg. Er errichtet zuerst den Staat. In seinen Medien vermeldet der IS die Schaffung einer eigenen Währung, er richtet Gerichte ein, zieht neue Grenzen, beschäftigt Bürokraten, die so tun, als würden sie für einen stinknormalen Staat arbeiten. Das ist bei sieben Millionen Menschen nicht so verwunderlich. Die Bewohner des IS kämpfen ja nicht ständig, aber sie brauchen Nahrung, medizinische Versorgung, Straßen. All das muss ja von irgendwem organisiert werden. Viele, die heute als Beamte des IS arbeiten, waren ja auch zuvor Beamte bei Assad oder Saddam Hussein. Sie wissen, wie ein Schreckensstaat funktioniert.

Kommen wir zu diesem Schrecken: Sie betonen, dass die Erfolge des IS sehr selten auf tatsächliche Kämpfe zurückzuführen sind, sondern auf eine perfekte psychologische Kriegsführung. Die Bilder der einziehenden Kämpfer auf den Panzern seien nur noch der propagandistische Schlusspunkt.
Neumann: Die Führung des IS besteht fast nur aus ehemaligen Saddam-Hussein-Leuten. Sie wenden heute die gleichen Strategien an, die sie bei ihm gelernt haben. Sie haben die Methoden des Terrors und der Spionage allerdings perfektioniert. Wie beginnt die Übernahme einer Stadt? Wenn sich der IS ein neues Gebiet aussucht, wird es erst einmal ausspioniert, man eröffnet vielleicht ein Büro, schickt Agenten, die die Familienstrukturen und sozialen Strukturen bespitzeln. Wer ist erpressbar? Wer ist kriminell? Wer ist liberal? Wer kann ein Verbündeter sein? Dann beginnt man in der zweiten Phase, die Region zu unterminieren. Man schafft durch Anschläge Chaos. Der IS sendet an seine Gegner die Message: „Wir kommen! Es ist an der Zeit, die Sachen zu packen!“ Bis dahin haben noch gar keine Kämpfe stattgefunden, aber die Kurden, die Jesiden, die Christen, die Liberalen, aber auch die irakische Armee ziehen ab. So konnte der IS ganze Regionen ohne Kämpfe übernehmen.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer Staatsphilosophie des IS. Sie erwähnen zwei „Vordenker“, den mittelalterlichen Theologen Ibn Taimīya (1263–1328), der gegen die Mongolen kämpfte, sowie Abu Bakr Naji (*1961), einen ägyptischen Dschihadisten, der das Buch „Das Management der Barbarei“ schrieb. Was lehren uns die beiden?
Neumann: Sie sind die wichtigsten geistigen Ziehväter des IS, man muss sie lesen, um den IS zu verstehen. Ibn Taimīya sprach davon, dass es geboten sei, die falschen Muslime auszurotten, um den reinen Islam durchzusetzen. Er sprach über die Schiiten und die Alawiten, die er die „Schlimmsten aller Schlimmen“ nannte. Taimīya forderte, zuerst die abtrünnigen Muslime abzuschlachten und dann erst auf den externen Feind loszugehen. Al-Qaida agierte da noch völlig anders, sie kämpfte zuerst gegen den Feind von außen. Die Mission des Islamischen Staates ist der Kampf im Inneren, um einen neuen Staat aufzubauen.

Der zweite „Vordenker“, Abu Bakr Naji, schrieb das Buch „Das Management der Barbarei“. Sie sagen, alle Kommandeure des IS würden es lesen.
Neumann: So ist es. Das Buch gibt es im Netz, aber es wurde vom Islamischen Staat auch gedruckt und aktiv vertrieben. Es erklärt uns auf sehr nüchterne, ja rationale Art, wieso der IS so brutal vorgeht. Es gibt demnach zwei Phasen: die erste Phase der Unordnung und die Phase der Ordnung. Zwischen diesen Phasen herrscht der Zustand der Barbarei, über den man sehr schnell hinwegkommen muss – und zwar indem man äußerste Brutalität einsetzt. Je brutaler und schrecklicher die Aktionen inszeniert sind, desto weniger wird gekämpft. Deshalb diese öffentlichen Verbrennungen von Piloten, das Ertränken vor den Kameras, das Enthaupten und die gefilmten Massenerschießungen.

Wir erleben die präventive Kraft der Brutalität?
Neumann: Wenn so ein Chaos herrscht, gibt es bei der Bevölkerung den natürlichen Wunsch nach Ordnung. Und so paradox es klingt: Genau da zieht der IS viele Leute auf seine Seite. Er inszeniert sich als Schutzmacht. Er schafft zum Beispiel Scharia-Gerichte, die mit Amputationen, Steinigungen und Kreuzigungen arbeiten. Aber von Teilen der Bevölkerung wird das schon als eine Art der Rechtssicherheit begriffen, als das kleinere Übel gegenüber dem Chaos.

Kommen wir zu den „neuen Dschihadisten“. Sie haben deren Social-Media-Auftritte analysiert, sind aber auch an die syrische Grenze gefahren, um mit den Männern zu sprechen. Was haben Sie dabei herausgefunden?
Neumann: Zunächst einmal haben wir erkannt, dass es den einen Typus des Auslandskämpfers nicht gibt. Die Leute ziehen aus höchst unterschiedlichen Motiven nach Syrien. Die erste Welle kam mit Hilfskonvois und dachte wirklich, dass es einen Genozid an den Sunniten gibt, dem man entgegentreten müsse. Das waren zum Teil politische Aktivisten, die eine starke Identifizierung mit dem politischen Islam haben. Dann gibt es die Sinnsucher, die Orientierung herbeisehnen. Diese Gestrandeten der westlichen Vorstädte schauen sich die Facebook-Fotos ihrer in den IS ausgewanderten Freunde an und sehen dort eine Ordnung, eine Gemeinschaft. Häufig sind diese Leute ja ehemalige Gangster oder Drogenkranke, viele versuchten Rap-Stars zu werden und hatten Kanäle auf Youtube. Sie sind in unserer Kultur gescheitert und sehnen sich nach einer Art Gegenkultur.

Und die Frauen?
Neumann: Wir haben die Facebook-Profile von 150 Dschihadistinnen analysiert und dabei herausgefunden, dass sie sehr aggressiv sind und aktiv agieren. Vielleicht sogar aggressiver als die Männer. Sie kompensieren die Tatsache, dass sie nicht kämpfen können, damit, dass sie noch mehr Hass verbreiten.

Was tun die Dschihadisten eigentlich
den ganzen Tag in Syrien?
Was verraten die alltäglichen
Facebook-Updates?
Neumann: Sie haben ganz unterschiedliche Rollen. Viele Europäer können zum Beispiel gar nicht kämpfen, sie haben keine militärische Ausbildung – im Gegensatz zu den Tschetschenen etwa. Die sind viel bessere Krieger als irgendwelche fettleibigen Deutschen, die noch nie eine Waffe in Händen hielten. Wer also zum Beispiel Kfz-Mechaniker gelernt hat, muss die IS-Panzer reparieren, wer soziale Medien bedienen und schreiben kann, wird für die hochprofessionelle Propaganda eingesetzt. Wer nichts kann, wird vom IS gnadenlos in Selbstmordaktionen geschickt. Bei der Schlacht von Kobane sind auf diese Art hunderte europäische Auslandskämpfer, darunter übrigens erstaunlich viele Schweden, umgekommen.

Sie warnen eindringlich vor den Salafisten, die bei uns sektenartig arbeiten und sich wie Sozialarbeiter um junge desorientierte Muslime kümmern.
Neumann: Die Salafisten, haben – was die Glaubensdoktrin anlangt – die gleiche Ausrichtung wie die Dschihadisten. Viele sind aber strikt gegen Gewalt. Doch aus der Szene der Salafisten kommen die meisten Terroristen – etwa so, wie sich die RAF-Aktivisten aus der linken Szene und die Neonazis aus der rechten rekrutierten. Salafisten kann man in unseren Städten ja relativ leicht erkennen, weil sie den reinen, puren Islam leben wollen. Sie halten sich akribisch nur an das Wort des Propheten Mohammed. Die Salafisten imitieren das Leben des siebten Jahrhunderts. Sie tragen einen Bart wie Mohammed und folgen seiner Hosenmode. Sogar das Schnüren von Schnürsenkeln folgt ebenso klaren Regeln wie die Einführung der Sklaverei.

Wieso aber wenden sich ausgerechnet jene, die früher auch gekifft und gestohlen haben, dem Salafismus zu?
Neumann: Weil diese Leute in ihrem sozialen Umfeld keine Struktur und keine Stabilität hatten. Sie sehnen sich nach der totalen Ordnung. Und sie hoffen, dass sie noch dazu in den Himmel kommen, wenn sie dieser Ordnung penibel folgen.

Hat die Politik hier noch Einfluss?
Neumann: Es braucht endlich eine Präventionsstrategie. Wir sind in Deutschland mit einer Bedrohung konfrontiert, die auch die Sicherheitsbehörden in großen Staaten überfordert. Mit noch mehr Befugnissen und Personal alleine werden wir dem Problem aber nicht Herr werden.

Wie dann?
Neumann: Man muss kreativ werden. Man könnte etwa die Rolle der Eltern wiederentdecken. Sie sind die Letzten, auf die Dschihadisten außerhalb des salafistischen Umfelds noch hören. Vor allem der Draht zu den Müttern reißt eigentlich nur selten ab. Nicht nur Familien, auch Gefängnisse müssen in die Präventionsarbeit einbezogen werden. Im Knast findet bekanntlich die Radikalisierung statt. Das Gefängnis ist allerdings auch ein Ort, wo die Leute nicht weglaufen können und wo man mit ihnen arbeiten kann.

Blicken wir auf die Flüchtlingskrise. Wenn Sie mit der Brille eines Terrorforschers auf die Flüchtlingsströme in Ihrem Land blicken, bekommen Sie es dann mit der Angst zu tun?
Neumann: Auf den ersten Blick nicht. Die Befürchtung, dass da Tausende von Terroristen nach Europa geschleust werden, hat sich nicht bewahrheitet.

Kann man das schon wissen?
Neumann: Ja, das weiß man, denn die wenigen Verdachtsfälle wurden untersucht. Rein statistisch gesehen wird es sicherlich IS-Sympathisanten geben, die sich unter die Flüchtlinge mischen. Es gibt aber – und das wissen wir aus IS-Videos der letzten zwei Wochen – auch Aufrufe des IS, dass die Rückkehr aus Syrien nicht gewünscht ist; auch deshalb, weil es ohnedies genug Sympathisanten im Westen gibt. Es gibt auch so etwas wie Selbstkontrolle innerhalb der Flüchtlinge. Viele würden Terroristen sofort verpfeifen, denn sie sind ja vor ihnen geflüchtet.

Wir können uns also beruhigen?
Neumann: Nein, ich fürchte, die Gefahr liegt ganz woanders. Es könnte sein, dass Flüchtlinge, die hier auch nach Jahren nicht so akzeptiert werden, wie wir uns das vorgestellt haben, für Fundamentalisten leichte Beute werden könnten. Sie sind froh, den Gräueln entkommen zu sein. Sie sind keine Feinde des Westens. Aber das kann sich ändern, wenn sich Dschihadisten und Rechtsextremisten hochschaukeln und eine Polarisierung provozieren, die die europäische Gesellschaft bedroht.

Florian Klenk in FALTER 44/2015 vom 30.10.2015 (S. 9)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die schwarze Macht (Christoph Reuter)
Terrorismus - Der unerklärte Krieg (Bruce Hoffman, Klaus Kochmann)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb