Lebens-Mittel
Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn

von Michael Pollan

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Rita Höner
Verlag: Goldmann
Format: Taschenbuch
Genre: Ratgeber/Gesundheit
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.06.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Fettarm in den Herzinfarkt

Ernährung: Es gibt keine bösen und guten Lebensmittel mehr. Ein Aufruf zu mehr Genuss beim Essen

Macht Fett wirklich fett? Sollen wir mehr oder weniger Kohlenhydrate essen? Wer sich über Ernährung informiert, wird verunsichert. Zu fast jeder Studie gibt es eine Gegenstudie. Was vor Jahren verteufelt wurde, soll plötzlich doch gesund sein. Und umgekehrt. Jahrzehntelang wurde gepredigt, dass Fette des Teufels sind – außer im Olivenöl. Das fing in den 70er-Jahren in den USA an mit dem Bericht der US-Akademie der Wissenschaften über den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs. Deren Erkenntnisse machte sich die Industrie zunutze, um Lebensmittel "umzudesignen": Das "Zeitalter des Nährstoffwahns" begann, wie das der amerikanische Journalist Michael Pollan in seiner lesenswerten Abrechnung "Lebensmittel" nennt. Will heißen: Lebensmittel werden nicht nach ihrem Geschmack beurteilt, sondern nach ihrem Nährstoffgehalt, ihrer vermeintlichen Funktionalität.
Das führte und führt zu haarsträubenden Entwicklungen: Kein Volk der Erde macht sich mehr Sorgen über sein Essen als die Amerikaner (und die Mittel- und Westeuropäer). Und nirgends gibt es so viele übergewichtige und durch falsche Ernährung kranke Menschen. Unzählige Ernährungsmethoden und -moden nahmen in den USA ihren Ausgang und wurden bei uns willig aufgegriffen. Immer wurden bestimmte Bestandteile unserer Lebensmittel verteufelt und andere gelobt: Proteine gegen Kohlenhydrate, Kohlenhydrate gegen Proteine und dann gegen Fette; später Fette gegen Kohlenhydrate. Letzteres ist der neueste Schrei: Low-Carb, das Vermeiden von Kohlenhydraten, bei uns auch unter dem Namen LOGI-Diät residierend.

Das Gemeine: All diese Moden und Methoden sind interessegelenkt. Nicht nur, dass man mit Diätbüchern oft in die Bestsellerlisten kommt. Hinter fast jeder Ernährungsstudie steht ein Verband oder Konzern, der diese finanziert. Und so diktiert, was in der Studie und später in den Empfehlungen oder Gesetzen steht. Kaum irgendwo wird so heftige Lobbyarbeit betrieben wie in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, nicht nur in Brüssel. Pollan findet haarsträubende Beispiele. Seine Warnung: "Die amerikanische Kost" (darunter versteht er industriell erzeugte Lebensmittel, die vorgeben, gesünder zu sein, wie Jog­hurt mit "linksdrehenden" Milchsäuren) "ist auf dem besten Weg, auf der ganzen Welt zur maßgeblichen Ernährungsform zu werden." Seine Prognose: Sie macht uns auf Dauer "immer kränker und dicker".
In den 50er-Jahren hatte man in den USA angeblich herausgefunden, dass für die steigende Anzahl der Herzkrankheiten der steigende Verzehr von Fett und Nahrungscholesterin verantwortlich war, die vor allem in Fleisch- und Milchprodukten stecken. Daraus wurde von Herzspezialisten die "Lipid-Hypothese" entwickelt, aufgrund derer 1977 ein Ausschuss des US-Senats die Amerikaner dazu aufrief, den Verzehr von Rindfleisch und Milchprodukten einzuschränken. Das löste einen Feuersturm der Rindfleisch- und Milchindustrie aus. Der Vorsitzende des Ausschusses, Senator McGovern aus South Dakota, blies zum Kampf. Die Richtlinien wurden unverbindlicher umgeschrieben. Die "Lipid-Hypothese" hat sich in den USA und bei uns trotzdem als Dogma durchgesetzt. Ernährungswissenschaftler aus Harvard konnten 2001 allerdings nachweisen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Nahrungsfetten und Herzkrankheiten gibt.
Heute weiß man, dass Margarine ungesünder ist als die gute alte Butter, die angeblich den Cholesterinspiegel hochtreibt. Margarinehersteller konnten dennoch seit den 70ern viel Geld verdienen. Unsere Ernährung hat auf den Cholesterinspiegel nur bedingt Einfluss. Forschungen an Zwillingen haben ergeben, dass unsere Gene einen weitaus größeren Einfluss auf den Cholesterinspiegel haben als Diät oder Bewegung. Heute glaubt man, dass ein leicht erhöhter Cholesterinspiegel gar nicht so schlecht ist: In der Muttermilch steckt doppelt so viel Cholesterin wie in Kuhmilch. Manche Experten vermuten, dass gestillte Kinder deshalb einen höheren IQ entwickeln. Denn Cholesterin spielt beim Aufbau des Gehirns und des Nervensystems eine entscheidende Rolle.

"Fettarm in den Herzinfarkt" nennt Kathrin Burger in "Die Vollkornlüge" ihr Kapitel zum Thema Fette. Mittlerweile wisse man, dass der Mensch Fette braucht, nicht nur als Geschmacksträger. Denn manche Vitamine können wir nur verwerten, wenn genügend Fett als Transporter in der Nahrung steckt. Aber die Wissenschaft und mit ihr die Öffentlichkeit glaubt immer noch an "gute" und "böse" Fette. Gut sind angeblich Öle (Olivenöl!), Nüsse, Fisch (Omega-3-Fettsäure!) – schlecht tierisches Fett (Schweinshaxe!), gehärtetes Fett und Transfettsäuren (Pommes!). Auch diese Unterscheidung wackelt: Burger weist darauf hin, dass unser Fleisch durch Züchtung immer fettärmer wird – und dadurch schlechter schmeckt. Der Fettgehalt von Schweinefleisch ist heute niedriger als der von Geflügel. Und das Fett einer Kalbshaxe besteht mittlerweile zur Hälfte aus ungesättigten, also gesunden Fetten!
Das gepriesene Sonnenblumenöl ist gar nicht so "gut", weil die darin enthaltenen Omega-6-Fettsäuren Entzündungsprozesse anfachen. Auch Olivenöl ist nicht immer gesund: Ab 180 Grad Celsius, beim Braten, verwandeln sich mehrfach ungesättigte Fettsäuren in schädliche Substanzen. Zudem hat man 2008 an der Universität Münster herausgefunden, dass zumindest Mäuse bei verstärkter Aufnahme von Olivenöl unter mehr Herzkrankheiten leiden.
Also muss man sich wohl auch von dem Gedanken verabschieden, dass Olivenöl der entscheidende Faktor für ein gesünderes Leben im Mittelmeerraum ist. Michael Pollan spricht in diesem Zusammenhang vom "französischen Paradox": Amerikanische Ernährungswissenschaftler können einfach nicht begreifen, "wieso ein Volk, das sein Essen so genießt wie die Franzosen und unbekümmert jede Menge Nährstoffe konsumiert, die von Ernährungswissenschaftlern für toxisch gehalten werden, eine wesentlich niedrigere Herzkrankheitenrate hat als die US-Amerikaner mit ihrer hochgradig designten fettarmen Kost". Die eher konservative Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat in ihrer 2007 aktualisierten Fettleitlinie vorsichtig zurückgerudert und behauptet keinen eindeutigen Zusammenhang mehr zwischen den gesättigten ("bösen") Fetten und koronaren Herzerkrankungen.
Cholesterin und Butter versus Öle: Das sind nur zwei besonders umstrittene Beispiele aus der Ernährungswissenschaft, die belegen, dass fast alles, was man uns erzählt hat und teilweise immer noch erzählt, falsch war oder zumindest höchst zweifelhaft. Das Gleiche gilt auch für die neuerdings sehr beliebten Antioxidationsstoffe, die unser Essen angeblich zum "Superfood" werden lassen, weil sie Radikale in unseren Zellen "einfangen" und uns dadurch gesünder und sogar jünger machen.

Alles Humbug! Unsere Lebensmittel bestehen aus hunderten von Stoffen. Einige davon hat man in den letzten 150 Jahren analysiert: Vitamine, Ballaststoffe, Spurenelemente und jetzt eben die "Antioxidantien". Aber ob Tomaten wirklich gesund sind, weil sie besonders viel Lycopin enthalten, ist völlig unklar. Denn über die vielen anderen Stoffe, die Tomaten enthalten, weiß man nichts oder wenig. Und wer ahnt, was die im Körper anrichten? Die meisten Studien, die die Wirkungsweise bestimmter Lebensmittel untersuchen, sind Vergleichsstudien. Da müssen Menschen über einen längeren Zeitraum, oft Jahre, angeben, was sie täglich essen. Manche bekommen mehr Tomaten, andere weniger. Aber der eine treibt Sport, der andere nicht. Der eine hat am Abend eine Flasche Rotwein getrunken, der andere nicht. Ob die alle immer ganz ehrlich sind? Zum Beispiel beim Alkohol? Diese Studien sind vermutlich genauso "wissenschaftlich" wie die berüchtigten Wahlprognosen diverser Umfrageinstitute. Und wie gesagt: Wes' Brot ich ess, des' Meinung ich sag. Das gilt besonders in der drittmittelabhängigen Wissenschaft.
Was bleibt? Man kann vermutlich all die Hitlisten der angeblich "gesündesten Lebensmittel" vergessen. Teure Nahrungsergänzungsmittel sowieso. Man sollte von allem etwas essen, möglichst bunt essen. Viel Obst und Gemüse ist wahrscheinlich nicht schädlich. Ob es fünfmal am Tag viel nutzt, ist auch umstritten. Ab und zu ein Schnitzel bringt niemanden um. Auch kein Hamburger. Jeden Tag Hamburger mit Pommes ist garantiert nicht gesund.
Am ungesündesten ist es, ständig über seine Ernährung nachzudenken. Noch ungesünder, nach Kalorienlisten zu essen. Oder Diätenbücher zu lesen und gar anzuwenden. Nutzlos ist es sowieso. Weil der Körper fast jede Ernährungsumstellung ausgleicht. Weil die Gene einen viel größeren Einfluss auf unser Erscheinungsbild und unsere Gesundheit haben als unsere Ernährung oder Lebensweise. Nicht jeder Dicke ernährt sich falsch oder bewegt sich zu wenig. Aber regelmäßige Bewegung ist trotzdem zu empfehlen. Vor allem gilt: Gesund ernährt sich, wer gerne und mit Genuss ist. Wer keine (teuren) Fertigprodukte zu sich nimmt, sondern viel Frisches, Saisonales, Lokales – eventuell auch Traditionelles. Und wer angstfrei isst. Ohne schlechtes Gewissen.

Thomas Askan Vierich in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 53)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Vollkornlüge und andere Ernährungsmärchen (Kathrin Burger)

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