Das sexuelle Leben der Catherine M.

von Catherine Millet, Gaby Wurster

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

In ihrem schamlosen Buch "Das sexuelle Leben der Catherine M." sucht Catherine Millet nach Worten für die Ekstase.


Zu den beliebtesten Fragen in Gesprächen über Sex gehört jene nach der Anzahl der Sexualpartner: Mit wie vielen Männern/Frauen hast du schon geschlafen? Die Antwort darauf ist selten ehrlich: Männer, so heißt es, übertreiben gerne; Frauen runden diskret ab.

Wenn die 53-jährige Catherine Millet behauptet, mit 49 Männern geschlafen zu haben, darf man das ruhig glauben. Erstens berichtet sie in ihrem autobiografischen Buch "Das sexuelle Leben der Catherine M." so detailreich und ungeniert von ihren erotischen Eskapaden, dass es keinen Grund gibt, die Zahl anzuzweifeln; zweitens handelt es sich dabei ja bloß um jene Männer, denen Millet "einen Namen und in manchen Fällen auch eine Identität zuordnen" kann. "Jene aber, die sich in der Anonymität verlieren, kann ich nicht zählen." Es müssen Hunderte gewesen sein, und von vielen hat Madame M. nicht einmal das Gesicht gesehen.

Catherine Millet ist Chefredakteurin der Pariser Kunstzeitschrift Art Press, sie gilt als Yves-Klein-Spezialistin und war 1995 Kommissärin des französischen Biennalepavillons in Venedig. Obwohl sie also keine Unbekannte ist, übertraf der Erfolg ihres im Original vor einem halben Jahr erschienenen Buches alle Erwartungen: In Frankreich wurden bisher 140.000 Stück verkauft, die deutschsprachigen Rechte waren dem Goldmann Verlag mehr als 4,5 Millionen Schilling wert. Schwer zu sagen, ob die Rechnung des Verlags aufgehen wird, der einzelne Leser und die Leserin aber werden die Investition nicht bereuen: "Das sexuelle Leben der Catherine M." ist eine Sensation, eine Offenbarung, ein Buch des Jahres. Wer sich für Sex interessiert, muss es gelesen haben.

Zur Sache: Schon die frühesten sexuellen Träume der Catherine Millet handelten von mehreren Männern; eine Obsession, die sie bald in die Tat umsetzen sollte. Jahrzehntelang zog sie von einer Gruppensexparty zur nächsten; ob der gang bang in einer noblen Villa, im Bois de Bologne oder auf der Ladefläche eines Kleintransporters stattfand, war ihr vollkommen gleichgültig. Das Buch ist zunächst die erstaunlich nüchterne Schilderung eines exzessiven Lebens. Millet schreibt über ihre Vorlieben für Tische ("Die Frau auf dem Rücken, Geschlechtsorgane auf gleicher Höhe, der Mann steht fest auf den Beinen - das ist die beste und bequemste Stellung, die ich kenne"), erotische Fantasien ("Mein ganzes Leben lang habe ich diese Geschichten wie ein Fugenkomponist immer wieder aufgenommen, Einzelheiten verändert und weitergesponnen"), Bürosex nach Dienstschluss ("Die Freiheit erscheint größer, wenn man es an einem Ort treibt, wo die berufliche Zusammenarbeit Regeln und Grenzen auferlegt") und - vor allem - die Fellatio.

Dass eine Frau dabei mehr Lust empfinden kann als beim Geschlechtsverkehr selbst, kommt dann doch einigermaßen überraschend: "Der Eindruck, gefüllt zu werden, ist viel stärker, wenn man das Ding ganz im Mund hat, als in der Scheide. (...) Auf den Lippen, der Zunge und im Gaumen bis hin zur Kehle sind die süßen Berührungen der Eichel deutlich spürbar, gar nicht zu reden von der Tatsache, dass man am Ende das Sperma schmeckt. Kurz, man wird genauso erregt, wie man selbst erregt."

Für manche Feministinnen müssen nicht nur solche Schilderungen eine Provokation darstellen. Das Selbstporträt Millets liest sich über weite Strecken wie die pure Männerfantasie: die Frau als scheinbar willenloses Objekt, immer bereit und verfügbar. Der Witz besteht darin, dass Millets Text solche Bewertungen ad absurdum führt: Dass ihre Wege zur Erfüllung nicht sonderlich p.c. sind, ist für sie kein Thema - sie könnte ohnedies nichts daran ändern. Von Gefühlen ist beinahe ausschließlich in Zusammenhang mit Lust die Rede, von Liebe kein Wort.

Millet beschreibt sich selbst als eher schüchtern und introvertiert, kaum je hat sie einen Mann aufgerissen, die Sex-Partner ließ sie sich stets von ihren jeweiligen Geliebten zuführen (dass in diesem Zusammenhang hin und wieder auch Eifersucht eine Rolle spielte, wird immerhin angedeutet). Schon frühzeitig hatte sie erkannt, "dass ich nicht zu den Verführerinnen gehörte und dass mein Platz in der Welt folglich nicht bei den Frauen, sondern an der Seite der Männer war". Freundschaft und Sex ist für Millet kein Widerspruch, im Gegenteil: "Erst wenn ich meinen Körper mit dem anderen Körper in Einklang gebracht habe, kann mein Interesse auch zu der Person ,aufsteigen', und es kann eine herzliche, dauerhafte Freundschaft entstehen."



Man hat Catherine Millet mit Michel Houellebecq verglichen, aber anders als die Figuren in dessen trostlosen Romanen wirkt Millet nicht unglücklich. Viel eher erinnert das Buch an die erschütternd optimistische Lebensbeichte "Schmetterling und Taucherglocke", die der nach einem Schlaganfall vollkommen gelähmte Jean-Dominique Bauby mit seinem Augenlid diktiert hatte. Auch Millets Bericht ist eine Art Krankengeschichte, ihren Zustand vergleicht sie mit jenem von "Menschen, die nach einem Unfall ihre Gliedmaßen oder ihre Sprache nicht mehr gebrauchen können, deren Intelligenz und deren Bedürfnis nach Kommunikation sich aber nicht verändert hat. Sie sind vollständig davon abhängig, was ihre Umwelt sich einfallen lässt, um ihre Isolation zu durchbrechen."

"Das sexuelle Leben der Catherine M." ist ein pornografisches Buch; erotisch ist es nicht. Ginge es der Autorin nur darum, aus der Schule eines ungewöhnlich aktiven Sexuallebens zu plaudern, wäre dies allemal ein interessanter Tatsachenbericht (man lernt ja nie aus). Literarisch bedeutsam ist das Buch aus einem anderen Grund: Millet unternimmt den spannenden und auch sprachlich ambitionierten Versuch, für das emotionale Chaos namens Sex die passenden Worte zu finden - obwohl sie sich der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens bewusst ist: "Das einsame Vergnügen ist beschreibbar, die Lust beim Zusammensein entzieht sich der Schilderung." Nach einem besonders gelungenen Akt mit ihrem Mann Jacques, irgendwo in den Büschen oberhalb der Stadt Céret, hatte sie den Entschluss gefasst, "eines Tages eine Möglichkeit zu finden, diesen höchsten Genuss schriftlich festzuhalten - wenn die Körper aneinander gedrückt sind und das Gefühl haben, sich zu entfalten wie Rosenblätter in einem Naturfilm mit Zeitraffer, die den Sauerstoff aufnehmen und nacheinander aufgehen und glätten".

Millet beschreibt den sexuellen Akt als einen Raumgewinn; gemeint ist damit jenes Gefühl der Leere, das entsteht, wenn sich ihr Körper gleichsam auflöst: "Ein Ventil ist aufgegangen, aus dem ich austreten lasse, was aus meinem Körper eine kompakte Masse machte." Wenn alles vorbei ist, weint sie "Tränen verzweifelter Freude". Postkoitale Depression heißt das in der Fachsprache. Man kann es aber auch schöner sagen: "Der Körper, den ich hingab, war nur ein Windhauch, und der, den ich liebte, ist immer noch Lichtjahre entfernt. Wie soll man in so einer Not seiner Verzweiflung nicht freien Lauf lassen?"

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 67)


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