Dich schlafen sehen

von Anne-Sophie Brasme, Reiner Pfleiderer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Mord im Mädchenzimmer: Das Debüt der 16-jährigen Autorin Anne-Sophie Brasme erinnert an den grauenhaften Alltag eines Teenagers.

"Manchmal kommt es vor, dass ich die Menschen töte, die ich liebe." Wenn die Hauptfigur des Romans "Dich schlafen sehe" diesen Satz äußert, ist sie 16 Jahre alt. Und 16 Jahre alt war auch die Autorin, Anne-Sophie Brasme, als sie diesen Satz geschrieben hat.

In nur zwei Monaten hat Brasme ihr schriftstellerisches Debüt, das im Original "Respire" ("Atme") heißt, in den Computer geklopft. Ihre Mutter konnte das Manuskript nicht zu Ende lesen, so sehr war sie von der tragischen Geschichte geschockt. Ihr Vater aber hat es an einen Verlag geschickt und damit entscheidend zu dem Sensationserfolg des Buches im vergangenen Herbst beigetragen. Wochenlang nahm es Spitzenplätze in den französischen Bestsellerlisten ein, die Kritiker überschlugen sich schier vor Begeisterung. Schnell war der Vergleich mit Françoise Sagan zur Hand, die mit 18 Jahren "Bonjour Tristesse" vorgelegt hatte. Ein Vergleich, den Brasme übrigens ablehnt. Mittlerweile ist der Roman in 15 Ländern erschienen und mehr als 100.000-mal über den Ladentisch gegangen.

"Dich schlafen sehen", so der deutsche Titel, handelt von Charlènes verkorkster Kindheit und Pubertät. Das Mädchen, das nie lächelt, mit hängenden Schultern durch die Schulgänge schlurft, ist spindeldürr, asthmatisch, mit Pickeln übersät und hat auch sonst genug Probleme: "Ich träume von einem anderen Ich, davon, erwachsen zu werden, frei zu sein. Ich bin fast 13 und habe noch immer keine Regel, wenn ich so weitermache, werde ich nie erwachsen." Unverhofft schließt sie mit Sarah, dem beliebtesten und hübschesten Mädchen der Klasse, Freundschaft. Sarah wird fortan zum Anker und Fixpunkt. Charlène liefert sich ihr aus, wird von ihr erniedrigt und ausgenutzt, bis sich die Gedemütigte rächt und die falsche Freundin mit einem Kissen erstickt. "Ich bereue nichts", bekennt Charlène, als sie bereits im Gefängnis einsitzt.

Gewiss, der Roman vom Entlein und dem Schwan ist nicht rundweg geglückt. Keine andere Figur wird so dicht geschildert wie Charlène, die Dialoge sind recht hölzern geraten, der Mord wirkt etwas zu konstruiert. Das Interessanteste ist also nicht die Geschichte und auch nicht die Ungerührtheit, mit der Brasme sie erzählt. Interessant ist vielmehr die Glaubwürdigkeit, mit der die junge Autorin vom Alltag eines Teenagers erzählt. Wie grauenhaft das alles war, das weiß keiner mehr so richtig, doch der Weltschmerz, der von Brasmes Text ausgeht, ruft einiges in Erinnerung: den Geruch von Aknepuder, die Enge voll geräumter Mädchenzimmer, die Langeweile viel zu langer Schulstunden.

Mit Vorliebe lässt sich die Autorin seitenlang darüber aus, wie unwohl sich Charlène in ihrer Haut fühlt: "Wenn ich könnte, würde ich auf mein Spiegelbild spucken und dann schreiend den Spiegel zertrümmern, so sehr verabscheue ich mich." Dieses Schwanken zwischen extremen Launen, die Unbedingtheit, mit der es immer nur um die ganz großen Gefühle geht, das permanente Gefühl, sich unverstanden und von allen verlassen zu fühlen - mit gutem Grund hat man das vergessen. Und mit gutem Grund ruft Brasme die pubertäre Schwermut wieder ins Gedächtnis - in einem Interview sagte sie einmal: "Ich wollte den Blick des Lesers schärfen für die Probleme junger Mädchen." Das ist ihr gelungen.

Petra Rathmanner in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 11)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb