Heldendämmerung

Wie moderne Gesellschaften mit umstrittenen Denkmälern umgehen
€ 17.5
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Stürzen oder stehenlassen? Spätestens seit im Zuge der Black Lives Matter-Proteste in den USA und England Porträtstatuen von Kolonialherren und Sklavenhändlern niedergerissen wurden, wird auch hierzulande darüber debattiert, wie wir uns zu unserer kolonialen Vergangenheit und ihren in Stein gemeißelten Manifestationen verhalten sollten. Davon zeugt beispielsweise die Diskussion um den Umgang mit den zahlreichen im öffentlichen Raum errichteten Denkmälern Otto von Bismarcks – für die einen ein Held, für die anderen Wegbereiter des deutschen Imperialismus mit all seinen Grausamkeiten.Die britische Historikerin Alex von Tunzelmann leistet mit Heldendämmerung einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte: Vom ersten US-Präsidenten und Sklavenhalter George Washington über den belgischen König und Kolonialverbrecher Leopold II. bis hin zu schillernden Diktatorenfiguren wie Josef Stalin und Rafael Trujillo schreibt sie über zwölf umstrittene Helden und deren Denkmäler, die im Laufe der vergangenen 250 Jahre im Zuge von Protestbewegungen weltweit zu Fall gebracht wurden. Die Beschäftigung mit diesen Monumenten – wofür sie stehen, in welchem Kontext sie errichtet und später gestürzt wurden – berührt Fragen, die wir uns als aufgeklärte Gesellschaft stellen müssen: Wer oder was definiert uns? Wie und von wem wird Geschichte geschrieben? Welche historischen Narrative bedürfen einer Umdeutung – und wie kann diese erfolgen?Ein hochaktuelles Buch – weniger Aufruf zum Denkmalsturz, als ein Appell zur kritischen Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit.
Ausstattung: mit 8 S. vierfarbigem Bildteil

weiterlesen
FALTER-Rezension

Damnatio memoriae: Seift Herrscherbilder ein!

In Amerika wurde Entdecker Christoph Kolumbus geköpft, beschmiert und vom Sockel gestoßen; in England landete der Unternehmer Edward Colston im Wasser; der belgische König Leopold II. wurde zwar angezündet, steht aber noch. Im angloamerikanischen Raum geht es seit 2020 den Statuen einst angesehener Männer an den Kragen, weil mit der Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter vermehrt die Frage gestellt wird: Verdienen Kolonialherren, die oft mit Sklavenhandel reich geworden sind, Monumente?
Die britische Historikerin Alex von Tunzelmann porträtiert in "Heldendämmerung" nicht nur einige der kontroversiellen Persönlichkeiten und klopft ihre historische Einbettung ab. Sie beschreibt auch, unter welchen Umständen Statuen aufgestellt wurden -dahinter stand oft eine politische Minderheit und nicht eine begeisterte Mehrheit.

Außerdem ist das Stürzen von Statuen kein neues Phänomen. Wenn der Ex-Präsident der USA Donald Trump feststellte, dass das Abmontieren von Monumenten "unamerikanisch" sei, zeugte dies einmal mehr von seiner Unbildung. Die Statue des britischen Königs George III. wurde 1770 in New York aufgestellt und 1777 wieder weggeräumt. Direkt nach der Unabhängigkeitserklärung der republikanischen Amerikaner wurde dies, schreibt Tunzelmann, "als ein Akt nationaler Befreiung gesehen".

Viele betrachten den Statuensturm mit Unbehagen -etwa wenn Terrormilizen wie der Islamische Staat historische Kunstwerke zerstören wie 2015 in Palmyra. In "Heldendämmerung" empfiehlt die Historikerin zur Orientierung den Hitler-Test. Denn immer wieder begegne man den gleichen vier Argumenten: Das Stürzen von Statuen bedeute, die Geschichte auszulöschen; der Betreffende sei einfach ein Mann seiner Zeit gewesen; Vandalismus gegen Monumente sei ein Bruch von Recht und Ordnung und deshalb zu verurteilen; und wenn man mit einer Statue anfange, fielen bald alle. Tunzelmann empfiehlt, jedes Argument an Adolf Hitler zu messen. Dann laute die Antwort nein, nein, nein und nochmal nein.

Einige Kapitel -etwa jenes über den von Lenin nicht geschätzten, ihm von Stalin aufgezwungenen Personenkult bieten durchaus Bekanntes. Auch dass Leopold II. in Belgisch-Kongo ein unmenschliches Regime aufgezogen hatte, ist oft beschrieben worden. Die Autorin aber fördert humorvoll neue Details zutage. Die Statue von Leopold II. in Kinshasa, dem ehemaligen Léopoldville, wurde 1928 aufgestellt und 1966 abgerissen. In Brüssel aber steht seine Reiterstatue immer noch. Wer weiß, wie lange. "Der Druck, Leopold II. von der Place du Trône in Brüssel zu entfernen, ist enorm - nicht zuletzt deshalb", schreibt die Historikerin, "weil die Kosten für das regelmäßige Abschrubben der roten Farbe wohl ordentlich zu Buche schlagen."

Für jene, die sich seit Jahren fragen, warum in Wien Karl Lueger immer noch einen Ehrenplatz hat, obwohl er als Bürgermeister den Antisemitismus als politisches Instrument einsetzte, bietet "Heldendämmerung" zwar kein eigenes Kapitel, aber Anregungen durch andere Beispiele. Tunzelmann zeigt Sympathie für die Kontextualisierung von Denkmälern.

In London wurde der Herzog von Cumberland einst mit einer Statue geehrt, weil er die schottischen Highlander besonders grausam niedergeschlagen hatte. 1868 wurde er genau deshalb vom Podest gestürzt. Auf den leeren Sockel setzte die koreanische Künstlerin Meekyoung Shin 2012 eine neue Statue des Herzogs. Sie war aus Seife. Mit ihrem Zerrinnen wurde der ganze Platz reingewaschen.

in Falter 3/2023 vom 20.01.2023 (S. 23)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442316601
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 14.06.2022
Umfang 384 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Taschenbuch
Verlag Goldmann
Übersetzung Kristin Lohmann