Das mechanische Klavier

von William Gaddis, Marcus Ingendaay

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Aus dem Nachlass des 1998 verstorbenen William Gaddis ist nun ein letztes, schmales Buch veröffentlicht worden - eine grimmige Abrechnung mit der amerikanischen Ideologie des Alles-mehr-und-besser.

Er gilt als das "missing link" zwischen der klassischen angelsächsischen Moderne (Joyce, Faulkner, Eliot) und der postmodernen amerikanischen Erzählliteratur, die mit den Namen Thomas Pynchon oder Don de Lillo verbunden ist. Mit Letzteren verbindet William Gaddis der Entwurf einer Welt, die in einen universellen Verblendungs- und Verschwörungszusammenhang verstrickt ist. Dabei geht es vor allem um zwei zentrale Themen: Geld und Justiz bzw. Recht. Gaddis' letzter großer Roman, "Letzte Instanz", im Original 1994 unter dem Titel "A Frolic of His Own" erschienen, beginnt mit dem Satz: "Gerechtigkeit? - Gerechtigkeit gibts im Jenseits, hier auf Erden gibts das Recht." Was folgt, ist eine 700 Seiten lange grandiose Satire auf das amerikanische Justizsystem mit einer Fülle absurder Prozesse, die alle die Diskrepanz zwischen dem Ideal eines gerechten Ausgleichs der Interessen und der Realität des Rechtssystems vor Augen führen.

Gaddis ist ein verzweifelter Moralist, dessen Pessimismus aber aus einer paradoxen Quelle gespeist wird - dem Verständnis des Autors zufolge der Urquell jeglicher künstlerischer Kreativität: Obwohl wir ständig scheitern, müssen wir es doch immer wieder versuchen. Dahinter steckt die immer wieder enttäuschte Überzeugung, dass unsere Potenziale brachliegen, wir mehr könnten, als wir tatsächlich hervorbringen.

Gaddis starb Ende 1998. Jahre später wurde nun aus dem Nachlass sein letztes, schmales Buch veröffentlicht, das sich größtenteils mit einem ebenfalls kurz vor seinem Tod produzierten Hörspiel mit dem Titel "Torschlusspanik" deckt. Im amerikanischen Original trägt dieses Buch den Titel "Agape, Agape". Der Begriff der neutestamentarischen Nächsten- und Feindesliebe, die sich in Christus zeigende Liebe Gottes zu den Menschen, kollidiert mit dem künstlerischen Credo Gaddis': "Aber weil Schreiben, nicht anders als Selbstmord, weil überhaupt jede Literatur, die sich zu lesen lohnt, entweder der Wut oder der Rache entspringt, besteht noch eine gewisse Chance, ernste Themen zu behandeln, ohne gleich die Leo-Tolstoi-Tümlichkeits-Medaille aufgepappt zu bekommen."

Ein ernstes Thema ist etwa das Verhältnis von Original und Fälschung oder von Authentizität und Reproduktion, hier abgehandelt am Siegeszug des mechanischen Klaviers zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Schon im Roman "J R", der davon handelt, wie der elfjährige J R Vansant von einer Telefonzelle seiner Schule aus auf nichts ein Aktienimperium aufbaut, gibt es den scheiternden Versuch, ein Buch über die Mechanisierung und ihren Einfluss auf die Künste zu schreiben. Auf das Thema gestoßen war Gaddis bereits in den Vierzigerjahren als "fact-checker" der Zeitschrift The New Yorker. Ausgehend von der Verheißung zeitgenössischer Werbeprospekte, der Besitzer eines mechanischen Klaviers ohne jegliche musikalische Vorkenntnisse und ohne große Anstrengungen könne besser spielen als professionelle Pianisten, entwickelt Gaddis einen wüsten, kulturpessimistischen, von höchstem Formwillen getragenen und anspielungsreichen Monolog eines Erzählers, der im Sterben liegt - unverkennbar William Gaddis selbst.

Das Buch attackiert die amerikanische Ideologie des Alles-mehr-und-alles-besser, die Angst vor dem eigenen Ungenügen und den naiven Glauben an die Kraft der eigenen Teilnahme: Alles, was ich selber mache, führt unmittelbar zu höchster emotionaler Selbstbefriedigung, und alle Krücken zur Erzeugung der Illusion persönlicher Anteilnahme sind recht und billig. "Die vollkommene Herde, die Betäubten von Dolby-Surround, dumpf und offenen Munds verstummt starren sie auf Sex, Blut und spritzende Hirne, mehr Teilnahme ist nicht. Und dann wundern sie sich, wenn die Kids am nächsten Morgen mit einer Knarre in die Schule rennen und alles niedermähen, was ihnen vor die Flinte läuft. Na ja, so gesehen auch wieder eine Art von Teilnahme. Aber zeig mir einen einzigen Ort, an dem sich das Gesindel noch nicht breit gemacht hat."

Solche Sätze fordern die Abwehr gegenüber dem kulturkonservativen Reaktionär geradezu heraus. Wären da nicht die beiden anderen Ebenen der Erzählung, die kunstvoll alles wieder infrage stellen. Der Schriftsteller, der an seinem Buch über das mechanische Klavier schreibt, droht von der Fülle seines gesammelten Materials buchstäblich erdrückt zu werden. Zieht er irgendwo aus dem Stapel ein Buch heraus, gerät alles ins Wanken, auch in übertragenem Sinne: "Verdammt, hier geht mir die ganze Argumentation auseinander. Egal, Hauptsache, ich bringe es irgendwie hinter mich. Aber was?"

Das Leben zum Beispiel und das Schreiben und die Ordnung des Nachlasses. Schafft er jetzt nicht Ordnung durch eindeutige Verfügungen, dann wird seinen drei Töchtern - wie König Lear hat der Erzähler drei Töchter, unter denen er sein Reich aufteilt - nichts vom Erbe bleiben; dann werden Anwälte, Versicherungen und die Kosten der medizinischen Betreuung alles aufgefressen haben; Letzteres eine reale Sorge des sterbenskranken Gaddis. Andauernd findet er frisches Blut auf seiner Bettdecke, entsetzt registriert er die Spuren der Krankheit auf seinem Körper: "Mein Gott, sieht das aus! Wie eine zerfledderte Landkarte der großen Seen." Alles zerfleddert: der Körper, der eigene Besitz, die Ordnung der Welt.

"Das mechanische Klavier" ist die kongeniale Anverwandlung der Gedanken und Methoden eines geistesverwandten Schriftstellers: Der Monolog des an sein Bett gefesselten Erzählers erinnert an die Figuren Thomas Bernhards, der im Text auch mehrmals als verehrte Referenz genannt wird. Dessen (zugleich auch wieder infrage gestellter) Pessimismus und Elitismus und das befreiende Lächerlichmachen der eigenen unvollkommenen Existenz sind die Hauptmerkmale auch des - hervorragend übersetzten - Gaddis'schen Textes. Und auch in der Verehrung der Musik als der höchsten aller Künste ist Gaddis Bernhard nahe.

Mit seiner philosophischen Weltsicht, seinem im Roman geführten Dialog mit den Großmeistern der russischen Erzählliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von Tolstoi über Turgenjew bis zu Dostojewski, ist Gaddis ein den europäischen Traditionen nahe stehender Autor. Seine großartigen Monumentalsatiren der amerikanischen Gesellschaft aber, die oft wie zynisch-anarchische Remixes Marx'scher Analysen anmuten, machen ihn zu einem uramerikanischen Autor. Literatur ist Korrektur, und sie stellt Fragen, auf die sie nur paradoxe Antworten zu geben vermag. Das wissen alle großen Autoren, von Thomas Bernhard bis William Gaddis.

Bernhard Fetz in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 5)


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