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Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 01.11.2008

Rezension aus FALTER 51/2008

Der Held ist das Geld, und das kommt ganz schön rum

Am Anfang des ersten Bandes hängt man in Boston eine Hexe. Am Ende des dritten Bandes steht ein alter Naturforscher mit gemischten Gefühlen am Rande eines Bergwerks in Cornwall, wo – in Gestalt einer "Maschine zur Hebung von Wasser mittels Feuer" – gerade die Industrialisierung sich anschickt, das Antlitz der Welt für immer zu verändern.
Dazwischen liegen rund 3300 Seiten, die in den Jahren 1655 bis 1714 spielen – in London, Japan, dem von den Türken belagerten Wien, Südamerika, Amsterdam, der afrikanischen Sklavenküste, Teilen Indiens sowie der fiktiven Insel Qghlm, um nur die wichtigsten zu nennen. Und wo wir immer wieder historischen Figuren wie Isaac Newton, Ludwig XIV., John Churchill, Christiaan Huygens, Samuel Pepys, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Liselotte von der Pfalz begegnen.
Aber auch Personen wie Louis Anglesey (Earl of Upnor), Lothar von Hacklheber (Großbankier) oder Édouard de Gex (sinistrer Jesuit), um deren historische Nachweisbarkeit es eher schlecht steht und deren Einträge im – sehr nützlichen – Personenregister kursiv gesetzt sind, was der Autor in einer Anmerkung wie folgt erklärt: "Einträge in Kursivschrift enthalten Angaben, die eher Verwirrung, Missverständnisse, schwere Verletzungen und Tod zur Folge haben, wenn Zeitreisende, die sich in der betreffenden Zeit an den betreffenden Ort begeben, sich darauf stützen."
Das ist aber auch schon die einzige Reverenz, die Stephenson, der ursprünglich mit dem Cyberpunk-Genre zugeordneten Science-Fiction-Romanen bekannt wurde (wofür er 2000 den Prix Arts der Ars Electronica erhielt), seinem Stammgenre diesmal erweist.

Statt Zukunft gibt es Barock, und zwar Barock satt. Nicht nur Seiten-, Schauplatz- und Personalumfang, Handlungsführung und Themenwahl sind von jener erfreulich ausufernden Maßlosigkeit, die man umgangssprachlich gern "barock" nennt; auch sprachlich neigt der Autor erfreulicherweise zum Bramarbasieren. Die Übersetzer Juliane Gräbner-Müller und Nikolaus Stingl durften sich also die schöne Mühe antun, große Mengen exquisiter Vokabeln zu barocker Nautik, Naturkunde, Mode oder Bewaffnung aus dem Wörterfriedhof zu exhumieren und in den Dienst eines prunkvollen, auftrumpfenden Erzählens zu stellen.
Die Handlung hier auch nur zu umreißen, wäre sinnlos, klar ist aber: Stephensons Barock kommt recht modern daher. Die Naturwissenschaften werden vor unseren Augen erfunden, mit all ihrem Glanz und Schrecken. Die brillanten Proto-Aufklärer der Royal Society entdecken nicht nur serienweise die Grundlagen unserer heutigen Weltsicht; in einer einprägsam grauslichen Szene sezieren einige Mitglieder auch einen lebenden Hund, um seine Atmung zu studieren.
Der Welthandel beginnt, Entdeckergeist und Profitgier treiben reihenweise Risikonaturen um den Globus; auf der Seite der Globalisierungsverlierer finden sich die dazu benötigten Sklaven, und immer führt irgendwer irgendwo Krieg. Der Wertpapierhandel nebst Spekulantenwesen erreicht europäische Dimensionen, eine gewaltige Liquiditätskrise erfasst den Kontinent, England revolutioniert das Münzwesen, und die schlauesten Spekulanten machen aus den größten Krisen die größten Vermögen. Und obwohl sich etwa die Geniefehde zwischen Newton und Leibniz durch die gesamte Erzählung zieht (wobei der Leser wie nebenbei eine kompakte Zusammenfassung der Monadenlehre abbekommt) und Stephenson thematische Steckenpferde wie Kryptologie, Geldtheorie und frühe Datenverarbeitung ausgiebig reitet, ist der "Barock-Zyklus" in erster Linie ein fantastischer, dicker Abenteuerschmöker für große Kinder.

Wer je ganze Ferienwochen in einem Werk von J. F. Cooper, Karl May oder dem jeweiligen Lieblingsautor aus jungen Jahren versunken ist und diese drogenähnlichen Lesetrips seither vermisst, sich aber für "Harry Potter" irgendwie zu erwachsen und gebildet fühlt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Man wird Daniel Waterhouse, den zur Naturwissenschaft übergelaufenen Puritaner, auf seinem lebenslangen und letztlich erfolgreichen Kampf gegen die eigene Feigheit liebgewinnen. Man wird den fulminanten Jack Shaftoe, König der Vagabunden, begeistert dabei begleiten, wie er – befeuert u. a. von wahrer Liebe und einer ihn langsam in den Wahnsinn treibenden Syphilis – rund um den Globus haarsträubende Abenteuer erlebt.
Und man wird jeden Funken Skepsis unterdrücken, wenn die einzigartige Eliza ihren Weg von der zum Tode verurteilten türkischen Odaliske zur zweifach geadelten Finanzmagnatin und Vorkämpferin gegen die Sklaverei beschreitet.
Der eigentliche Held des Buches aber ist das Geld, der fundamentale, unbegreifliche Quecksilberstrom, der sämtliche Figuren in die eine oder andere Richtung spült, an fernen Küsten oder in Schuldtürmen stranden lässt und der auch von denen, die ihn am geschicktesten nutzen, nie ganz begriffen, geschweige denn gezähmt wird.

Stephenson trägt dick auf, spinnt sein Garn mit Liebe zum Ornament und ist ganz generell nicht der Autor, der Scheu vor bombastischen Effekten hat. Weil er das aber mit Grandezza beherrscht und der Jonglageakt von Plots und Wendungen nie außer Kontrolle zu geraten droht, darf er das natürlich.
Ziemlich zu Beginn des ersten Bandes sitzt, im Bauch eines Schiffes, das sich gerade darauf vorbereitet, von Piraten angegriffen zu werden, der altgewordene Naturforscher Waterhouse und zerklopft sorgfältig hässliches Porzellan, dessen Scherben als Munition in den bordeigenen Donnerbüchsen möglichst verheerend wirken sollen.
Ähnlich ist wohl auch der Autor vorgegangen: Er hat sorgfältig Alchemie und Astronomie, Intrige und Kontraintrige, kerzenschimmernde Schlösser und vor Scheiße strotzende Kerker mit Schwertkämpfen, Skorbut und wechselnden Perückenmoden vermischt, noch historische Fakten, kulturhistorische Reflexionen und grobe Unwahrheiten hinzugefügt, und das Ganze zu guter Letzt in die Donnerbüchse seiner Fabulierlust gestopft und auf den Leser abgefeuert.
Die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage kann man vermutlich kaum angenehmer als damit verbringen, sich die geballte Ladung dieser drei Bände ins eigene Hirn
zu schießen.

Thomas Maurer in FALTER 51/2008 vom 19.12.2008 (S. 35)


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