Terror

Ein Theaterstück und eine Rede
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?

Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem Band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde.

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FALTER-Rezension

Terror und Recht: Wie wollen wir leben?

Zuerst fragen wir nach dem Täter. Wer war der Terrorist, der in Wien an einem lauen Herbstabend vier Menschen getötet hat? Warum hat er sich radikalisiert? Wer steht hinter ihm? Und vor wem müssen wir uns in Zukunft schützen? Ebenso relevant ist jedoch eine andere Frage. Sie lautet: Wie wollen wir leben?

Kaum etwas erschüttert eine Gesellschaft so sehr wie ein Terroranschlag. Angst und Panik brechen aus, Trauer vermischt sich mit Rachegelüsten, Hilflosigkeit mit Machtdemonstrationen, die Rufe nach den Werten des Westens mit der Sehnsucht nach einem starken Mann, der ohne Rücksicht auf Verluste gegen den Terror vorgeht.

„Es sind nicht die Terroristen, die unsere Demokratie zerstören“, sagt der deutsche Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach. „Sie können es gar nicht. Nur wir selbst können unsere Werte ernsthaft gefährden.“ Das geeignete Mittel, um das zu verhindern, ist für von Schirach die Verfassung als Maß aller Dinge. Denn wer den demokratischen Rechtsstaat nach einem Anschlag infrage stellt, gräbt das Grab seiner eigenen Gesellschaft. Aber nicht jenes des Terrorismus.

Was von Schirach damit meint, stellte er exemplarisch in seinem Theaterstück „Terror“ aus dem Jahr 2015 dar. Den Rahmen bildet eine Gerichtsverhandlung. Auf der Anklagebank sitzt ein Major der deutschen Luftwaffe, der 31-jährige Lars Koch. Er hatte gegen den Befehl des Verteidigungsministers ein Passagierflugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen, das ein Terrorist gekapert hatte. Dessen Ziel war es, die Maschine über einem Stadion abstürzen zu lassen, in dem sich zu diesem Zeitpunkt 70.000 Menschen befanden. Kochs Argument lautet: Es ist gerechtfertigt, 164 Menschen zu töten, um 70.000 zu retten. Nun ist er wegen 164-fachen Mordes angeklagt.

Im Prozess geht es nicht darum, ob der Major die Passagiere getötet hat oder nicht, – das hat er –, sondern ob er es in diesem Fall durfte und deswegen freizusprechen ist. Den Kern bildet also die Frage, ob in einer Extremsituation – Terror – Leben gegen Leben abgewogen werden darf. Von Schirach hat den Ausgang des Prozesses in seinem Stück nicht festgelegt, sondern überlässt die Entscheidung den Lesern und den Zuschauern.

Der Angeklagte bleibt dabei: „Ich glaube […], dass es richtig ist, wenige Menschen zu töten, um viele zu retten.“ Was das Prinzip eines solchen Handelns bedeutet, legt die Staatsanwältin an folgendem Beispiel dar: Ein Mann kommt ins Krankenhaus, weil er sich den Arm gebrochen hat, ansonsten ist er gesund. Im Spital liegen jedoch viele todkranke Menschen, die auf die Transplantation von Organen warten. „Nach Ihrer Argumentation dürfen Sie den Mann mit dem gebrochenen Arm sofort töten, um seine Organe zu entnehmen.“ – „Nein, natürlich nicht“, entgegnet der Angeklagte. „Es kann nur bei ganz großen Zahlen eine Ausnahme gemacht werden.“ – „Also 1:4 reicht Ihnen nicht.“ – „Nein, sicher nicht.“ – „Verstehe. Ist 1:100 besser? Oder 1:1000? 1:10.000 vielleicht? Wo genau ziehen Sie die Grenze?“

Gegen Ende der Befragung erweitert der Angeklagte seine Argumentation und weist auf die Schwäche des demokratischen Rechtsstaates im Angesicht des Terrors hin. Koch spricht nun nicht mehr von 164 Menschen in einem Flugzeug, sondern davon, dass der Terrorist die gesamte Maschine in eine Waffe verwandelt habe. Ob er den Passagieren damit nicht endgültig ihr Menschsein abspreche, fragt die Staatsanwältin. Doch für Koch zählt etwas anderes. Denn während ein Terrorist immer unschuldiges Leben für seine Zwecke missbrauchen wird, „kann sich der Staat nicht mehr wehren“. Der Staat darf das nicht. „Wir sind dem Terroristen ausgeliefert.“

„Terror“ wurde mittlerweile verfilmt, aber auch im Theater bisher über 2500 Mal weltweit aufgeführt. Dabei nahmen die Zuschauer die Rolle der Schöffen ein. Bei über 93 Prozent der Verhandlungen votierte die Mehrheit der Besucher für einen Freispruch. Auch in Wien, wo das Stück im Theater in der Josefstadt mehrere Male aufgeführt wurde, war das der Fall.

Es ist kein Geheimnis, dass die Weltsicht von Schirachs in den Argumenten der Staatsanwältin zu finden ist. Vor allem der erste Satz der Verfassung, des deutschen Grundgesetzes, von dem hier die Rede ist, treibt ihn um: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das sei natürlich falsch, merkt von Schirach im Essay und gleichnamigen Band „Die Würde ist antastbar“ an. Jeden Tag wird die Würde vieler Menschen verletzt, etwa aufgrund von Gewalttaten. Der Satz bedeute vielmehr: Die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden. Das wiederum sagt laut Bundesverfassungsgericht aus, dass „ein Mensch niemals zum Objekt staatlichen Handelns werden darf“.

Warum es davon keine Ausnahmen geben darf, erklärt von Schirach etwa mit der Geschichte der Segelyacht Mignonette aus dem Jahr 1884. Vier Männer geraten in Seenot, einer von ihnen ist ein Waise und ­körperlich schwächlich. Er wird getötet, damit die anderen von seinem Fleisch und Blut essen und trinken können und damit überleben. Würden wir sie straffrei ­davonkommen lassen?

Die Seeleute wurden zum Tod verurteilt und nach sechs Monaten begnadigt. In der Urteilsbegründung wies der Richter darauf hin, dass wir nicht immer in der Lage seien, den Standards, die wir uns auferlegen, gerecht zu werden. „Es ist nicht notwendig, auf die schreckliche Gefahr hinzuweisen, die es bedeutet, diese Grundsätze aufzugeben.“

Den Rechtsstaat für Ausnahmen zu umgehen, fällt am Ende auf die Gesellschaft selbst zurück. Wenn einer gefressen werden darf, dann auch jeder andere.

In welche Schwierigkeiten uns all diese Debatten bringen, zeigt die letzte Frage, die die Staatsanwältin in „Terror“ dem Angeklagten stellt. Ob er auch geschossen hätte, wenn seine Frau und seine Kinder im Flugzeug gesessen wären? „Jede Antwort wäre falsch“, antwortet der Major. „Sie haben recht“, sagt die Staatsanwältin. „Weil es um Leben geht.“

Stefanie Panzenböck in Falter 47/2020 vom 20.11.2020 (S. 37)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442714964
Erscheinungsdatum 12.09.2016
Umfang 176 Seiten
Genre Belletristik/Dramatik
Format Taschenbuch
Verlag btb
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