Unsichtbare Frauen

Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Ein kraftvolles und provokantes Plädoyer für Veränderung!

Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses System funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Kraftvoll und provokant plädiert Criado-Perez für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.

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FALTER-Rezension

Wie sollen wir miteinander reden?

Debatte: Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun sowie die Feministin Caroline Criado-Perez tasten unsere Gesprächskultur auf ihre größten Schwächen ab

Können wir noch miteinander reden? Und wenn wir es tatsächlich können, vergessen wir dabei nicht trotzdem auf die Hälfte der Menschheit, nämlich die Frauen? Bücher über „Debattenkultur“ gibt es jede Saison aufs Neue, meist wird der Untergang des öffentlichen Diskurses beschworen. Zwei Neuerscheinungen blicken darüber hinaus, und das ist wohltuend.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der Psychologe Friedemann Schulz von Thun treten in „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ zur Rettung des guten, alten Gesprächs an. Schon in „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018) beschrieb Pörksen die durch soziale Medien, Shit- und Candystorms entgleiste öffentliche Debatte wortreich und präzise. Es gibt derzeit niemanden, der schönere Formulierungen findet, um die Untiefen von Facebook, Twitter & Co zu sezieren, als Pörksen.

Thun wiederum ist eine Größe in der modernen Sprachwissenschaft, sein Ansatz ist der des gelernten Psychologen. Was muss passieren, damit zwei Personen überhaupt miteinander reden können? Was, damit sie sich verstehen? Und warum ist Verstehen nicht gleich Verständnis und Verständnis nicht gleich Einverständnis?

Das Buch ist als Doppel-Conference zwischen Pörksen und Thun angelegt, wobei Pörksen oft die Rolle der gesellschaftspolitischen Diagnose zukommt, Thun jene des Therapieansatzes. Relativ bald ist klar: Privates und öffentliches Sprechen laufen nach anderen Regeln ab, vor allem in der Politik haben Sprechende gar nicht das Interesse an einem echten Dialog, sondern an Zerstörung dessen, an Kränkung und Stigmatisierung ihres Gegenübers. Humor mag etwa helfen, eine verkrampfte Gesprächssituation im persönlichen Bereich zu lockern, in einer Talkshow aber fehl am Platz sein. Zögern, nicht sofort antworten, einmal tief durchatmen, bevor man den nächsten Tweet oder Post absetzt – das klingt super, doch in politischen Konfrontationen gilt: Wer zögert, verliert.

Es kommt eben immer darauf an, dieses Fazit zieht sich durch das Buch der beiden Professoren, und wem das als Rezept und Anleitung zur Heilung des Miteinander-Redens zu wenig ist, der wird enttäuscht sein. Wer immer schon mal Lust darauf hatte, sich wieder ganz grundsätzlich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie gelungene Kommunikation funktioniert, wird Pörksens und Thuns in vier Kapitel gefasste Dialoge mit Gewinn lesen. Immerhin, auf die Frage, wann sich Reden nicht mehr lohnt, geben die beiden eine klare Antwort. Wie umgehen mit Menschen, die rassistisch sind, Verschwörungstheorien anhängen oder extreme Parteien wählen?

Zuerst gilt: Hart in der Sache, sanft zur Person. Ein gewisses Maß an Empathie, an Verständnis heißt nicht Einverständnis, beide Ebenen gilt es zu trennen und entsprechend zu kommunizieren. Wenn der andere aber nur Recht behalten will, seine Wahrheit durchzieht und das Ganze auf ein „Entweder glaubst du mir oder du liegst falsch“-Gespräch hinausläuft, bricht man besser ab. Die „Kunst des Miteinander-Redens“ muss wohl theoretisch bleiben, die Gesellschaft, in der sie gelebt wird, muss erst erfunden werden, man kann sich ihr nur annähern, und dafür sind Pörksens und Thuns Gedanken eine gute Ermahnung.

Apropos Verstehen und Verständnis: Wenn wir von Ärzten reden, welches Bild entsteht in Ihrem Kopf? Welches, wenn es um Assistenten geht? Und denken Sie an Männer oder Frauen, wenn wir von der nationalen Fußballmannschaft sprechen? Es sind simple Fragen wie diese, die die britische Journalistin Caroline Criado-Perez zur Feministin werden ließen. Die gefeierte Autorin und Aktivistin, Jahrgang 1984, stellte nämlich fest, dass selbst sie viele Begriffe nicht geschlechtsneutral, sondern zuerst einmal männlich dachte. Eine Welt, gemacht von Männern für Männer – diese simple These dekliniert Criado-Perez in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ auf fast 500 Seiten (davon 75 für die Fußnoten) anhand zahlreicher Studien und alltäglicher Beispiele durch. Die Financial Times wählte ihr Werk zum Wirtschaftsbuch des Jahres 2019.

So sind die Temperaturen in Büros und öffentlichen Gebäuden genauso wie Crash-Test-Dummies, Handygrößen, Klaviermaße und Toiletten, aber auch Medikamente am „Normmann“ von 80 Kilo, 40 Jahren und 1,77 Meter Größe und dessen Stoffwechsel ausgerichtet. Deshalb frieren Frauen in Büros, entstehen Warteschlangen vor Frauentoiletten, die nach Criado-Perez mehr Platz bekommen müssten als Herrentoiletten, weil Pissoirs weniger Platz brauchen als Kabinen und Frauen zudem mehr Zeit brauchen, weil sie die Regel haben, in Begleitung von Kindern sind und schlicht und ergreifend länger zum Ausziehen brauchen als Männer, die oft nur einen Reißverschluss öffnen müssen. Deshalb verletzten sich mehr Frauen bei Autounfällen als Männer, und es gibt bis heute keine Gurte, die sich mit Brüsten und Schwangerschaftsbäuchen vertragen. Deshalb sind Smartphones für durchschnittliche Frauenhände zu groß, deshalb werden weniger Frauen Starpianistinnen.

Auch in unserer datengetriebenen Gesellschaft werden Frauen deshalb viel zu oft „vergessen“. Das Schlagwort, das Criado-Perez dafür verwendet, ist der „Gender Data Gap“: Weil Frauen schon in der Datenerhebung nicht berücksichtigt werden, schreibt sich ihr Fehlen fort. Schlecht bzw. nicht ausgleichend programmierte Algorithmen können Benachteiligung potenzieren. Symptomatisch dafür ist weibliche „Care-Arbeit“, also unbezahlte Pflege und Aufsicht von Angehörigen, das Kümmern um den Haushalt und die vielen „Wege“, die von Frauen zurückgelegt werden. Auch in Österreich ist die letzte Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria zehn Jahre alt, die neue Regierung hat sich zumindest vorgenommen, eine neue zu machen.

Im Silicon Valley, wo die wichtigsten Tools für unsere Kommunikationsgesellschaft erfunden werden, herrschen Männer. Mit Folgen. So fanden sich in der ersten Version von Apples Gesundheitsapp fürs iPhone keine Einstellung für die monatliche Regelblutung. Einer Frau im Entwicklungsteam wäre das vermutlich aufgefallen. Tech-Unternehmen finanzierten auf ihrem Campus ein Fitnesscenter, vergaßen aber auf einen Kindergarten. Spesen für Firmen-Abendessen und nächtliche Taxifahrten sind absetzbar, der Babysitter, den eine Managerin nehmen muss, um an solchen Events teilzunehmen, wird aber nur sehr selten übernommen. Was passiert, wenn Frauen mitgedacht werden, noch mehr, wenn Frauen mitdenken, Teams also diverser werden? Im schwedischen Karlskoga wurde die Schneeräumung im Jahr 2011 komplett umgestellt. Statt zuerst Straßen zu räumen, bekamen Geh- und Fahrradwege Priorität. Die Idee dahinter: Frauen und Kinder nutzen diese eher, sie bringen Kinder öfter auf dem Weg in die Arbeit zum Kindergarten oder in die Schule. Die Zahl der Unfälle ging zurück.

Wien kommt übrigens an mehreren Stellen lobend vor, als Musterbeispiel dafür, wie gendergerechte Stadtpolitik im Wohnbau (Frauen-Werk-Stadt I, II und III) und bei der Parkgestaltung ausschauen kann. Criado-Perez’ Buch liefert beste Belege für jene, die in alle Debatten – und es gehört in alle Debatten – gleich zu Beginn einwerfen wollen: Reden wir hier von Männern und Frauen oder nur von Männern? Und warum ist das wichtig zu wissen?

Barbaba Tóth in Falter 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442718870
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 10.02.2020
Umfang 496 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag btb
Übersetzung Stephanie Singh
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