Joseph Anton

Autobiografie
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Was bedeutet es für einen Schriftsteller, über neun Jahre lang mit einer Morddrohung zu leben?

Was bedeutet es für einen Schriftsteller, über neun Jahre lang mit einer Morddrohung zu leben? Wie fest hat die Verzweiflung sein Denken und Handeln im Griff? Zum ersten Mal erzählt Salman Rushdie seine beeindruckende Geschichte; es ist die Geschichte eines Kampfes: dem Kampf um die Meinungsfreiheit. Rushdie erzählt vom teils bitteren, teils komischen Leben unter bewaffnetem Polizeischutz; von den engen Beziehungen, die er zu seinen Beschützern knüpfte; von seinem Ringen um Unterstützung und Verständnis bei Regierungen, Verlegern und Schriftstellerkollegen; und davon, wie er seine Freiheit wiedererlangte.

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FALTER-Rezension

Ein Liebeslied auf unser Bastard-Ich

Anfangs hatte sich Salman Rushdie völlig verschätzt. Als im September 1988 sein Roman "Die satanischen Verse" herauskam, rechnete er mit ein bisschen Ärger wegen der vielen Islam-Anspielungen. "Ich dachte, ein paar Mullahs würden beleidigt reagieren und mich beschimpfen, und dagegen würde ich mich dann öffentlich verteidigen", erzählte er später.
Was für ein Irrtum. Salman Rushdie konnte sich einfach nicht vorstellen, welchen Feuersturm mörderischer Wut sein Roman auslösen würde: Zeter und Mordio in der islamischen Welt, gipfelnd in der Fatwa vom Februar 1989, dem Aufruf des iranischen Religionsführer Ajatollah Khomeini an alle Muslime weltweit, Rushdie wegen Gotteslästerung zu töten, wofür ein Kopfgeld in Millionenhöhe ausgesetzt wurde.

Rushdie musste untertauchen und lebte fast zehn Jahre lang unter Polizeischutz und falschem Namen in wechselnden Verstecken in England und Wales, quasi in Einzelhaft, wie man in "Joseph Anton", der autobiografischen Geschichte seiner Untergrundjahre, nachlesen kann. Erst als die Bedrohung aus Teheran scheinbar nachließ, wagte er sich wieder hervor, und seit seinem Umzug nach New York begann er erneut wie ein normaler geselliger Kosmopolit zu leben -bis ihn jetzt während eines Podiumsgesprächs in einem idyllischen Kulturzentrum auf dem Lande jemand totzustechen versuchte.

Spätestens mit der Fatwa war jedoch klar, dass die "Satanischen Verse" für Rushdie zur persönlichen und literarischen Lebenswende geworden sind, die sein ganzes Denken und Schreiben erst auf den Kopf gestellt und dann sein gesamtes weiteres Werk in eine neue Richtung gelenkt haben. Der Roman durfte nicht wie geplant bloß als der Abschlussband von Rushdies Trilogie über die Zerfallskriege in Indien nach dem Abzug der britischen Kolonialherren gelesen werden, verdichtet zur großen postkolonialen Allegorie. Er galt nun als Teufelswerk eines Abtrünnigen und wurde in der islamischen Welt als Fanal im Krieg gegen den liberalen Westen und seine unheilige Meinungsfreiheit benutzt.

Die Vorgängerromane "Mitternachtskinder" und "Scham und Schande" hatten Rushdie internationalen Ruhm beschert. Er wurde gefeiert als eine der originellsten Stimmen der postkolonialen Literatur. Seine Romane wurden gerühmt als pralle Epochenpanoramen und politische Satiren, als Schelmenromane, die das Feinste aus Ost und West miteinander verbanden -orientalischen Märchenton mit barocker Sprachlust und magischem Realismus.

Doch indem der Roman "Die satanischen Verse" als blasphemische Beleidigung des Propheten Mohammed verschrien wurden -eine Fehldeutung, denn dem aufgeklärt-lässigen Rushdie fehlt zum Blasphemiker einfach jeder religiöse Fanatismus -, ging unter, worum es dem Autor hier eigentlich ging.

Der Roman markiert Rushdies große Identitätskrise und sein Umdenken über die Kernfrage seiner Existenz als gebildeter, britisch erzogener Zuwanderer aus der indischen Oberschicht - die Frage nach seiner schwierigen Selbstverortung im postkolonialen England und seiner prekären Existenz als Migrant und Autor. Nirgends hat Rushdie sein zwiespältiges Außenseitertum und sein schmerzlich zerrissenes, entwurzeltes Ich beredter thematisiert als hier. Einerseits.

Andererseits tauchte ein neuer Gedanke auf, wie er sich in "Joseph Anton" erinnert: "War es möglich, nicht etwa wurzellos zu sein, sondern im vielfach Verwurzelten aufzugehen? Nicht darunter zu leiden, dass einem die Wurzeln fehlten, sondern von einem Übermaß an Wurzeln zu profitieren?" Nach Jahren des Selbstzweifels findet Rushdie nun auf die Frage, ob Migration eher zu Selbstverlust oder zu Selbstintensivierung in der Fremde führt, eine neue Antwort. Erstmals versucht er, die Entwurzelung des Migranten ins Positive umzudeuten, begreift sie als existenziellen Reichtum, als Chance zur mehrfachen Verwurzelung in gemischten Kulturen. So gewinnt er aus dem Gefühl des Identitätsverlusts die Verheißung mehrfacher Identitäten -eine neue, andersartige Gewissheit der eigenen Authentizität.

Ständig bedroht und auf der Flucht vor der Fatwa hat Rushdie sein Konzept der ethnischen und kulturellen Melange erst recht immer klarer ausformuliert und in seinen folgenden Werken vielfach variiert und transformiert. Später wird Rushdie im Rückblick auf diesen Roman schreiben: "Die 'Satanischen Verse' feiern die Bastardisierung, die Unreinheit, die Mischung, die Verwandlung, die durch neue, unerwartete Kombinationen von Menschen, Kulturen, Ideen, politischen Richtungen, Filmen oder Liedern entsteht.

Das Buch erfreut sich am Mischen der Rassen und fürchtet den Absolutismus des Reinen. Melange, Mischmasch, das ist es, wodurch das Neue in die Welt tritt. Hierin liegt die große Chance, die sich durch die Massenmigration der Welt bietet. Die 'Satanischen Verse' plädieren für Veränderung durch Fusion, Veränderung durch Vereinigung. Sie sind ein Liebeslied auf unser Bastard-Ich."

So erweisen sich die "Satanischen Verse" als Dreh-und Angelpunkt seines Werks. Die Fatwa hat ihn nicht gebrochen, im Gegenteil. Wie seine Essays und acht Romane seither zeigen, gebietet Rushdie mit souveräner Schaffensfreude über seine köstlich unreinen Mischungen von Genres, Stilen und Ideen. Im Schreiben über den Osten im Westen und den Westen im Osten ist er der regierende Weltmeister.

Sigrid Löffler in Falter 33/2022 vom 19.08.2022 (S. 26)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442747146
Erscheinungsdatum 14.04.2014
Umfang 720 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag btb
Übersetzung Bernhard Robben, Verena von Koskull
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