Populärmusik aus Vittula

von Mikael Niemi, Christel Hildebrandt

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Verlag: btb
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 1-2/2003

Kann ein Lied ein Leben retten? In Skandinavien schon. Am nördlichen Polarkreis spielt der Roman "Populärmusik aus Vittula", der den 41-jährigen Mikael Niemi in Schweden zum Star machte. Erzählt wird darin die Geschichte von Matti und seinem Kumpel Niila, denen die Popmusik einen Weg aus ihrer beschwerlichen Pubertät unter maulfaulen Quartalssäufern und Moralaposteln weist. Matti begeistert mit der Single "Rock 'n' Roll Music" der Beatles nicht nur seine ältere Schwester, er erobert - als er ihn mit Niila gnadenlos schlecht mit Luftgitarre und Herumgehopse im Musikunterricht covert - auch die Herzen seiner Klassenkameradinnen. Der Rock 'n' Roll bricht über das Provinzkaff Vittula herein wie die Schneeschmelze im Frühjahr. Herzergreifend, wie Niemi eine Szene an die andere reiht: Es wird um die Wette gesoffen, geküsst und bis zur Ohnmacht in der Sauna ausgeharrt. Selten wurde über die Pubertät so witzig und seltsam erzählt. Ganz anders ein Buch mit dem in die Irre führenden Titel "Das Buch der von Neil Young Getöteten". Der in Köln lebende Publizist und Islamist Navid Kermani, Jahrgang 1967, erzählt von Menschen, denen Youngs Weltschmerz Trost spendet, hauptsächlich von sich selbst und seiner kleinen Tochter, die zu Youngs Musik prima einschläft: "Früher glaubte ich, dass man Neil Young immer braucht, aber inzwischen denke ich, man kommt die ersten paar Tage auch ohne ihn ganz gut über die Runden." Hier schreibt ein Fan mit philosophischem Anspruch über die Musik des Kanadiers: "So viel Gefühl presst niemand aus einem einzelnen Ton heraus." Kermani gelingt das Kunststück, die Mystik der Sufis mit den Rückkopplungen von Crazy Horse zusammenzuschreiben, auch wenn er es mit der Beschwörung bedeutungsschwangerer Botschaften des alten Rockers Young mitunter etwas übertreibt.Der Schuster bleibe bei seinen Leisten, Manfred Deix beim Schweinekram. Ob er den nun bildlich oder textlich oder in beiderlei Form bewältigt, ist egal. Der Mann schwingt nicht nur einen pfiffigen Pinsel, er schreibt auch eine flotte Feder. Die Lyrik ist bislang zu kurz gekommen, die illustrierten Gedichte müssen also als echtes Desiderat des Deixismus gelten - gut, dass es sie nun gibt! Verhandelt wird darin das Übliche: Liebe, Lust und Leidenschaft - unter besonderer Berücksichtigung von körperlicher Devianz im Brustwarzen- oder Schamhaarbereich. In jedem Fall wird das Fleisch mit Enthusiasmus inspiziert:

"Was ich sehe ist enorm:
Diese Rundung! Diese Form!
Es ist, als ob der Affe lacht -
das ist, was so betroffen macht!"

Thomas Askan Vierich in FALTER 1-2/2003 vom 10.01.2003 (S. 58)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Buch der von Neil Young Getöteten (Navid Kermani)
Illustrierte Gedichte (Manfred Deix)

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