Die Geschichte der Bienen

von Maja Lunde, Ursel Allenstein

€ 20,60
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Verlag: btb
Erscheinungsdatum: 20.03.2017

Rezension aus FALTER 11/2017

Bist du je von einer toten Biene gestochen worden?

Maja Lunde macht das Bienensterben zum Ausgangspunkt eines Romans, der von 1852 bis ins Jahr 2098 reicht

Der Albtraum jedes Imkers ist ein stiller Bienenstock. Summen soll es und geschäftige Betriebsamkeit soll herrschen, wenn man den Deckel anhebt und ins Innere der Bienenbehausung blickt. Im Jahr 2007 berichtete der amerikanische Imker David Hackenberg erstmals von einem beunruhigenden Phänomen, das später als Colony Collapse Disorder, kurz CCD, in die Fachliteratur eingehen sollte – und seither für erbitterten Streit zwischen Bienenzüchtern, Umweltschützern und Pharmakonzernen sorgt. Die Bienen schwärmen eines Tages aus, ohne wiederzukehren. Die Arbeiterinnen lassen ihre hilflose Königin mit der todgeweihten Brut im Stich. Sie verschwinden einfach und gehen irgendwo zugrunde.
Der Auslöser für CCD, bei uns unter dem Begriff „Bienensterben“ bekannt, ist auch zehn Jahre und Dutzende Studien, nachdem Hackenberg damit erstmals an die Öffentlichkeit ging, noch immer nicht zweifelsfrei geklärt. Natürlich stehen Pestizide unter Generalverdacht, aber möglicherweise ist die Ursache für die Umweltkatastrophe Bienensterben ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Die Norwegerin Maja Lunde entwickelt aus dem unheilvollen Geschehen, das heute weltweit mit großer Besorgnis verfolgt wird, ein düsteres Zukunftsszenario: 2045 gibt es keine Bienen mehr und kaum noch andere bestäubende Insekten. Es kommt zum Kollaps. Die demokratischen Regierungen stürzen, ein Weltkrieg bricht aus, Nahrungsmittel werden knapp, Umweltkatastrophen, Atomunfälle und der Klimawandel bringen die Menschheit an den Rand der vollständigen Vernichtung. Europa und die USA zählen zu den großen Verlierern, China übersteht die Katastrophe besser, wenn auch die Bevölkerung zu einem Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft ist.
Lundes Erzählung setzt im Jahr 2098 in der chinesischen Provinz Sichuan ein. Auf riesigen Plantagen werden Obstbäume von abertausenden Arbeiterinnen von Hand bestäubt (eine Praktik, die in vielen Regionen Chinas bereits heute angewandt wird und im Roman den Know-how-Vorsprung des Landes auf diesem Gebiet erklärt). Eine von diesen Bestäuberinnen ist Tao, die mit Mann und Kind ein bescheidenes Leben ohne große Träume führt.

Zusätzlich zu Taos nüchternem Bericht aus einer fernen, freudlosen Zukunft entfaltet die Autorin noch zwei weitere fiktive Lebensgeschichten aus der Vergangenheit. 1852 beschäftigt sich William Savage im englischen Herfordshire mit der Entwicklung eines neuartigen Bienenstocks, der eine bessere Honigausbeute ermöglichen soll. 2007 lebt einer seiner Nachfahren, George Savage, als Imker in Ohio und sieht sich von einem Tag auf den anderen in seiner Existenz bedroht, als seine Stöcke von einer neuen, geheimnisvollen Seuche heimgesucht werden.
William sehnt sich nach Erfolg und Anerkennung. Als ihm beides verwehrt bleibt, wähnt er sich gescheitert. Georges ganzer Stolz sind seine Bienen. Als sie sterben, bricht eine Welt für ihn zusammen. Tao lebt nur für ihren Sohn. In höchster Not wird sie über sich selbst hinauswachsen.

Wie die Schicksale dieser drei Menschen und ihrer Familien über die Jahrhunderte miteinander verbunden sind, das ist so zart gewebt und fein erzählt, dass man möglichst wenige Details der Handlung preisgeben möchte. Die Sprache ist angenehm ungekünstelt, Dialoge werden zahlreich, Bilder nur sparsam eingesetzt, auf elaborierte Schilderungen, absurde Wendungen oder tollkühne erzählerische Finten verzichtet Lunde zur Gänze. Was kommt, lässt sich meist bald erahnen, was dem Roman aber interessanterweise nichts von seiner Spannung nimmt.
Die Kunst der Autorin besteht darin, drei völlig unterschiedlichen Charakteren eine jeweils eigene, glaubwürdige Stimme zu verleihen. Der Tonfall unterscheidet sich mitunter nur in Nuancen, aber die sind entscheidend, und die plastisch gezeichneten Figuren gewinnen von Kapitel zu Kapitel noch an Kontur: William und seine Sehnsucht, etwas Bedeutendes zu hinterlassen; George mit seinem trockenen Humor und seiner stillen Wut; Tao, dem Glück entfremdet, schicksalsergeben, aber von unerschütterlich Hartnäckigkeit, wenn es darauf ankommt.
Und noch etwas fällt positiv auf: Es wird nicht mit dem ökologischen Zeigefinger gewackelt. Die Botschaft ist auch so klar.

Christina Dany in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 13)


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