Ingeborg Bachmann
Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses

von Sigrid Weigel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel hat eine voluminöse Studie über das Leben und Werk Ingeborg Bachmanns verfasst und Querbezüge zu Walter Benjamin entdeckt.

Ich möchte das Briefgeheimnis wahren. Aber ich möchte doch etwas hinterlassen", erklärt das Ich in "Malina", dem einzig vollendeten Roman aus Ingeborg Bachmanns Zyklus "Todesarten". Es ist das Bekenntnis einer Dichterin, die das "Erzählen von Lebensläufen, Privatangelegenheiten und ähnlichen Peinlichkeiten" strikt ablehnte und darauf bestand, die Privatperson und die Autorin Bachmann zu trennen: "Ich habe zu schreiben. Und über den Rest hat man zu schweigen." In gewisser Weise erfüllt dieses Diktum jenes berühmte Philosophem Wittgensteins, wonach über das Unaussprechbare zu schweigen sei. Das ist kein Zufall, denn Bachmann, die in den Fünfzigerjahren mit einer Arbeit über Heidegger promovierte, gilt als innovative Rezipientin des Werks Wittgensteins.
Doch während die Philosophin Bachmann nach ihrer Promotion verstummte, entwickelte die Dichterin Bachmann eine Poetologie, in der "das Unaussprechliche" nach Auschwitz zur Voraussetzung des Sagbaren wird. Der abendländische "Zivilisationsbruch", der alle messianische Erlösungshoffnung zunichte macht, wird für Bachmann zum Ausgangspunkt einer philosophisch reflektierten Dichtung, die sich allerdings weniger an Heidegger oder dem Wiener Kreis orientiert, als Paradigmen aus der Kritischen Theorie aufnimmt und insbesondere die Geschichts- und Sprachphilosophie Walter Benjamins beleiht.
Dies ist, grob zusammengefasst, eine These, die Sigrid Weigel in ihrer umfangreichen Monografie über Ingeborg Bachmann vorstellt. Im Unterschied zur spekulativen Neugier der meisten Bachmann-Biografen nimmt Weigel Bachmanns Aufforderung zur Wahrung des Briefgeheimnisses ernst – im Sinne der Ich-Figur in "Malina", die ihre Briefe versteckt, um den "Nichtort" weiblicher Autorschaft zu bezeichnen. Wenn Weigel, statt das Werk autobiografisch misszudeuten, nach Bachmanns Spuren in den Nachlässen derjenigen fahndet, die mit der Autorin in Verbindung standen, dann geht es ihr ausdrücklich nicht um die Rekonstruktion der Biografie, sondern um die eher unspektakuläre Bearbeitung einer Legende.
Es war eine schwierige Konstellation, die die 1926 in Klagenfurt geborene Lehrerstochter vorfand, als sie 1946 in Wien ihr Philosophiestudium fortsetzte und die ersten Schreibversuche unternahm. Die frühen Erzählungen Bachmanns sind geprägt vom "Einbruch des Wissens" um den Nationalsozialismus und der damit einhergehenden "verlorenen Unschuld". Bereits in der 1949 entstandenen Erzählung "Das Lächeln der Sphinx" legt Weigel Bruchstücke frei, die auf die Aufklärungskritik Adornos hinweisen; zehn Jahre bevor Bachmann in ihrem Erzählband "Das dreißigste Jahr" dem Homo philosophicus den "leibhaftigen Prozess" machte.

Mit der legendären Lesung in der "Gruppe 47" im Mai 1952 verschaffte sich die damals weitgehend noch unbekannte Lyrikerin das Eintrittsbillet in den deutschen Literaturbetrieb – und geriet mit zunehmender Bekanntheit als Objekt des Begehrens zwischen die Fronten des deutsch-österreichischen Literaturstreits. Diese Rekonstruktion des intellektuellen Ortes von Ingeborg Bachmann in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur ist mithin auch ein spannendes Kapitel Literaturgeschichte. Der Streit darüber, wer
die Dichterin entdeckt, gefördert und/oder verführt haben will, ist nach Bachmanns frühem und tragischem Tod 1973 erst richtig entbrannt.
Sigrid Weigel geht mit dieser posthumen Inbesitznahme so engagiert ins Gericht, dass ihr dabei mitunter die Distanz zum Gegenstand verloren geht, wie im Fall Max Frisch und seinem Erinnerungstext "Montauk". Eine spannendere, den Stillhaltekonsens der Nachkriegsliteratur betreffende Frage wirft Weigel hingegen in Bezug auf Paul Celan auf: Wie kam es, dass Bachmann im deutschen Literaturbetrieb ungleich erfolgreicher war als der ebenfalls das träge deutsche Nachkriegsgedächtnis aufscheuchende, qualitativ durchaus vergleichbare Dichter Celan?
Die Erklärung, die Weigel anbietet – Celan habe als Überlebender des Holocaust das Ironiegebot der Nachkriegsliteratur missachtet – ist insofern wenig einleuchtend, als Bachmann ihrerseits die rüden Distanzgesten der "Flakhelfergeneration" nicht kultivierte. Bedenkenswerter ist der Hinweis, dass die von Bachmann eingeklagte Erinnerung von einer weiblichen Nachgeborenen der Tätergeneration leichter angenommen werden konnte als von einem jüdischen Dichter, der schon qua Existenz die Anklage verkörperte.
Erinnerung und Gedächtniskultur blieben zeitlebens fester Bestandteil der dichterischen Arbeit Bachmanns. Wie Walter Benjamin bediente auch sie sich allegorischer Verfahren, die Weigel in minutiöser Lektüre von den frühen Erzählungen über die Stadt-Topografien bis zum Todesartenzyklus verfolgt. Im Mittelpunkt stehen die "Gedächtnisschauplätze" nach Auschwitz, wobei Bachmann sich um "eine weibliche Position im Gedächtnis der Nachgeschichte des Nationalsozialismus" bemüht; mit wechselndem Erfolg, wie das abgebrochene "Franza"-Fragment beweist.
Offenbar war die Prosa geeigneter, das "Unsagbare" zum Sprechen zu bringen. Ihren Höhepunkt fand Bachmanns Archäologie der "Spätschäden" im "Todesarten"-Projekt, mit dessen Genese und Interpretation die Monographie schließt. Das intellektuelle Porträt Bachmanns, das Sigrid Weigel in nicht chronologischen, sondern vielfältigen systematischen Bezügen zusammensetzt, ist getragen von hohem Respekt gegenüber Werk und Person, denen kein Fehl anzuhaften scheint.
Dem Problem der nachträglich gestifteten Kohärenz kann sich die Literaturwissenschaftlerin allerdings auch mit ihrer systematisch angelegten Darstellung nicht ganz entziehen. Ob Bachmanns Poetologie tatsächlich so "sinnhaft" und folgerichtig ist, wie es die benjaminsche Vorlage nahelegt, die Weigels Blick deutlich lenkt, kann dahingestellt bleiben. Das Buch jedenfalls ist einer der seltenen glücklichen Fälle in der Wissenschaft, die dazu verführen, das Werk einer Autorin oder eines Autors neu zu lesen.

Ulrike Baureithel in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 28)


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