Gespenster sehen
Roman

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Verlag: Hanser, Carl
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 16.08.1999

Rezension aus FALTER 33/1999

Schreiben, wie Astaire tanzt

In Zukunft sollten Sie vielleicht doch wieder selber einkaufen gehen. Warum, erfahren Sie in Marie Darrieussecqs brillantem Roman "Gespenster sehen".

Zu Beginn ein kleines Memory-Spielchen. Rufen Sie bitte aus Ihrem mit Sicherheit gigantischen Fernsehbildergedächtnis eine dieser prototypischen Fred-Astaire-Szenen ab ... Sie sehen (stimmts?) Astaire und Ginger Rogers in einer schicken Dreißigerjahre-Manhattan-Penthouse-Suite, tanzend auf ihre unnachahmliche Art und Weise: leicht, schwebend und vor allem fließend; fünf schnelle Schritte zum Fenster, ein abrupter Stopp, halbe Drehung und zwei langsame Schritte nach links, noch ein zögernder nach rechts und dann im Sauseschritt zum Couchtisch.

Warum das Ganze? Es gibt eine 30-jährige Autorin aus Frankreich, sie heißt Marie Darrieussecq, und sie schreibt fast genau so, wie Fred Astaire tanzt: mit Eleganz und angenehmer Leichtigkeit und mit einem stupenden Feingefühl, was Sprachrhythmus und Erzählfluss anbelangt. Doch damit nicht genug: Sie versteht es zudem exzellent, fesselnde Spannungsbögen aufzubauen, und hat zu guter Letzt auch noch - immer angenehm - ein Händchen fürs Ironische.

Aber fangen wir von vorne an. "Eines Tages ist mein Mann verschwunden. Er ist von der Arbeit nach Hause gekommen, hat seine Aktentasche an die Wand gestellt und mich gefragt, ob ich Brot gekauft hätte. Es war etwa halb acht." Die etwas schlampige, träg-verträumte Protagonistin des Romans hat wieder einmal, wie schon so oft, vergessen, Brot zu kaufen; also macht sich der Mann, wie auch schon so oft, noch einmal auf den Weg zum Bäcker, kommt aber eben - dieses eine Mal - einfach nicht mehr zurück.

Bemerkenswert, wie Darrieussecq nun das Angstcrescendo der verlassenen Ich-Erzählerin schildert, ihre anfängliche Unruhe, ihren aufkeimenden Ärger, ihre Wut, die dann umschlägt in erste Besorgnis, später in Unruhe, Angst und Verzweiflung. Schlaflosigkeit und Panik bewirken eine fast unerträgliche Schärfung des Bewusstseins: Betrachtet die allein gelassene Protagonistin etwa eine Wand, scheint ihr, "als schwitze jeder der Mikro-Stalaktiten im Putz Leere und Angst aus", gänzlich unerträglich sind ihr die Nächte, da irrt sie ziellos in der Stadt umher, um den in der Wohnung "lauernden Schatten" zu entkommen: "Man beginnt, an die Existenz der Schatten zu glauben, und die Schatten kommen durch diesen Verdacht näher; sie gewinnen an Realität, bald wird ihre Gegenwart zur Tatsache."

Im Gegensatz zu Darrieussecqs ebenfalls empfehlenswertem Debutroman, "Schweinerei" (Thema: Eine Frau wird zur Sau), dessen Spannungsstrang im letzten Drittel leider etwas ausfranst, ist ihrem zweiten Roman ein stetiger hypnotischer Fluss eigen, ein kontinuierlich stärker werdender Sog. Und wie die hilflose Ich-Erzählerin gerät auch der Leser in einen Strudel, der ihn bis zu den Randbereichen des Bewusstseins führt und am Ende des Buches erschöpft und ratlos wieder ausspuckt.

Stefan Ender in FALTER 33/1999 vom 20.08.1999 (S. 53)


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