Luftkrieg und Literatur
Mit einem Essay zu Alfred Andersch

von W.G. Sebald

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 15/1999

Brandbomben auf Hamburg

Wie wird Literatur dem Grauen des Krieges gerecht? W.G. Sebald wirft in seinem neuen Essayband der deutschen Literatur vor, sie habe in der Beschreibung des Luftkrieges versagt.

Die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg hatte verheerende Folgen: Bei einem einzigen Angriff auf Hamburg setzte die Royal Air Force am 28. Juli 1943 zehntausend Tonnen Bomben ab. Der Angriff verfolgte die bewährte Strategie: Erste Sprengsätze zerschlugen Fenster und rissen Türen aus dem Rahmen; leichte Brandsätze steckten die Dachböden in Brand, dann bahnten sich schwere Brandbomben den Weg in die unteren Geschosse. Der Sauerstoffverbrauch des lodernden Feuers löste einen Orkan aus, der Giebel und Dächer fortriß und Feuerwalzen durch die Straßen jagte. In einigen Kanälen brannte das Wasser, in Eisenbahnwaggons schmolzen die Fensterscheiben; in Bäckereien kochte der Zuckervorrat; am nächsten Morgen lagen überall entstellte Leichen herum.

In der Zeit von 1942 bis 1945 wogten in Deutschland Flüchtlingsströme zwischen Stadt und Land hin und her. In den zerstörten Metropolen lebten Menschen jahrelang in Erdhöhlen oder notdürftigen Verschlägen; die bleichen Gestalten (die von Augenzeugen eher als Fische denn als Menschen beschrieben wurden) teilten ihr Quartier mit Ratten und Insekten sonder Zahl. Ein Journalist namens Stig Dagermann, der im Herbst 1946 mit der Bahn bei normaler Geschwindigkeit durch die Hamburger Außenbezirke fuhr, berichtete, daß er eine Viertelstunde lang nichts anderes als ein einziges Ruinenfeld sah. Der Zug, in dem er sich befand, sei voll gewesen; kein einziger Fahrgast habe auch nur einen Blick nach außen getan.

Auch der Blick der deutschen Schriftsteller war eingeschränkt - so lautet jedenfalls der Vorwurf, den W.G. Sebald, Essayist und Dozent in Norwich, gegen diese erhebt. Die Literatur des Landes habe vor dem Luftkrieg versagt, weil sie dessen Grauen nicht ansatzweise beschrieben bzw. eine solche Beschreibung erst gar nicht versucht habe. Wie die Menschen in dem Hamburger Zug hätten die bundesdeutschen Autoren - aus Scham und aus Stolz - die Wirklichkeit einfach nicht zur Kenntnis genommen. Eine ganze Generation erwies sich als unfähig, die Geschehnisse aufzuzeichnen und ins Gedächtnis der Nation einzubringen.

Zur Untermauerung seiner These führt Sebald jede Menge Material an, um gerade das Fehlen einer Auseinandersetzung nachzuweisen: Die wenigen Bücher zum Thema Luftkrieg, die unmittelbar nach 1945 entstanden, wurden von der Öffentlichkeit entweder nicht zur Kenntnis genommen oder erst viel später publiziert; Heinrich Bölls noch aus den vierziger Jahren stammender Roman "Der Engel schwieg" beispielsweise erst 1992. Alexander Kluges "Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945" wiederum wurde erst um 1970 geschrieben.

Eine Reihe anderer literarischer Zeugnisse (von Arno Schmidt über Hermann Kasack bis Peter de Mendelssohn) passen Sebald aus unterschiedlichen formalen Gründen nicht ins Konzept, von der Verarbeitung des Luftkrieges zu Literatur erwartet er sich neben der Eilfertigkeit, mit der dies offenbar zu geschehen hat, auch noch handfesten Realismus. Die Herstellung ästhetischer oder "pseudoästhetischer Effekte aus den Trümmern einer vernichteten Welt" hält Sebald für ein Verfahren, mit dem sich die Literatur selbst "die Berechtigung entzieht".

Wenn (aus ästhetischen, moralischen oder chronologischen) Gründen aus der Literatur des 20. Jahrhunderts derartig viel wegfällt, darf man sich freilich nicht wundern, wenn kaum etwas übrigbleibt. Sebald muß sich solcherart - was seiner These nur zupaß kommt - mit einigen wenigen idealtypischen Texten begnügen; beispielsweise mit Hans Erich Nossacks semidokumentarischer Erzählung "Der Untergang". Eine Nachfolge hat dieses Buch in gewisser Weise in Hubert Fichtes Roman "Detlevs Imitationen ,Grünspan'" (erschienen Anfang der siebziger Jahre) gefunden. 1968, als sich der große Angriff auf Hamburg zum 25. Mal jährt, stößt Fichtes Titelheld Jäcki auf ein Buch mit dem sprödenTitel: "Ergebnisse pathologisch-anatomischer Untersuchungen anläßlich der Angriffe auf Hamburg in den Jahren 1943-45". Dreißig Abbildungen und elf Tafeln zeigen das ganze Ausmaß der Katastrophe; an der Autopsie einer Schrumpfleiche wiederholt sich im Medizinischen, was die Gewalt des Krieges dem Körper angetan hat. Genauer und eindrucksvoller als Fichte kann man die Realität des Krieges kaum schildern. Und wo sich Sebald auf eine solch detaillierte Analyse einläßt, untergräbt er damit auch seine eigenen Behauptungen.

Als Sebald seine Thesen im Zuge einer Vorlesungsreihe an der Universität Zürich vor zwei Jahren erstmals vorstellte, entfachte er damit einen Proteststurm bei Teilen der linken und Applaus von der falschen, nämlich der rechten und rechtsradikalen Szene. Dabei hätte man das Thema auch behandeln können, ohne eine solche Polemik zu provozieren, steht doch außer Frage, daß Sebald mit seinem Befund grundsätzlich recht hat. Die Ignoranz der Deutschen gegenüber dem Luftkrieg erfährt bei Sebald aber eine fast schon groteske Überzeichnung. Zudem bleibt sich der Autor über die Partikularität seiner These im unklaren: Die Frage, wie denn Krieg und Zerstörung in Literatur überhaupt darstellbar sind, wird nicht gestellt. Ebensowenig wird der "Beschreibungsimpotenz" (Peter Handke) der deutschen Literatur gegenüber dem Krieg an anderer Stelle (etwa was die Vernichtungsaktionen der deutschen Weltkriegsarmeen anbelangt) nachgespürt. Statt dessen hat Sebald den Umfang seines Buches auf recht bequeme Weise erweitert: Der Vorlesungsreihe über Luftkrieg und Literatur wurde einfach ein Essay über Alfred Andersch beigepackt. Aus diesem erfährt man sehr viel über die anmaßende Eitelkeit des Schweizer Autors, zur Differenzierung des Themas trägt die Arbeit aber rein gar nichts bei.

Klaus Kastberger in FALTER 15/1999 vom 16.04.1999 (S. 71)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb