Zeit der Freiheit
Aus den Zentren von Mitteleuropa

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Verlag: Hanser, Carl
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 20.09.1999

Schwer zu durchschauende Machtkämpfe, tiefe Gräben zwischen Gewinnern und Verlierern, Wechselbäder zwischen Reformen und Zerrüttung, Zerreißproben zwischen Demokratisierung und reaktionären Rückfällen: Dem dramatischen Jahrzehnt im Osten Europas ist nur beizukommen mit den Fähigkeiten, denen Timothy Garton Ash sein internationales Ansehen als Zeithistoriker und seine Popularität als politischer Schriftsteller verdankt. Er beobachtet mit Neugier und Sachverstand, er spricht engagiert mit politischen Führern und normalen Bürgern, er fragt nach, er schildert Alltagsszenen ebenso aufschlußreich, wie er langfristigen Strukturprozessen nachgeht. Garton Ash ist der Geschichte auf den Fersen. Nun in seinem neuen Buch über die postkommunistischen Jahre seit 1989 und über die Zukunft des europäischen Ostens. Mit der ihm eigenen Energie als Berichterstatter vor Ort, als engagierter Beobachter und als weitblickend analysierender Historiker hat Timothy Garton Ash dieses Jahrzehnt begleitet. Vom unabhängigen Litauen, dem vereinigten Deutschland bis zum blutigen Chaos im Kosovo heute, vom Umgang Westeuropas mit den Nachbarn im Osten bis zum Alltag und Lebensgefühl der postkommunistischen Gesellschaften: Timothy Garton Ashs Bilanz ist anschauliche, hautnahe Zeitgeschichtsschreibung. Timothy Garton Ash, geboren 1955, lehrt europäische Zeitgeschichte am St. Antony's College in Oxford. Im Carl Hanser Verlag sind erschienen: Ein Jahrhundert wird abgewählt (1990), Im Namen Europas (1993), Die Akte "Romeo" (1997).

Rezension aus FALTER 43/1999

Europas Chronist

Der britische Historiker und Essayist Timothy Garton-Ash geht in seiner Bestandsaufnahme der letzten zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hart mit der EU ins Gericht.

Skopje im Juli 1999. Der Registrierungsschalter der KFOR. Ein Handy läutet: "Hi, Timothy!", tönt die Stimme von Christopher Hill durch den Hörer. "Hi, Chris!", schallt es zurück. "Nein, nicht morgen. Morgen muss ich in der Früh den Konvoi nach Pristina erreichen." Es gibt wohl nur wenige Menschen, denen das Privileg zuteil wird, gleich nach der Ankunft vom US-Balkansondergesandten Christopher Hill persönlich begrüßt zu werden, um gleich darauf mit ihm zu Abend essen zu gehen. Timothy Garton-Ash gehört zu ihnen. Ungewöhnlich für einen Historiker.

Doch der Brite mit Professur in Oxford hat sich seine eigene Geschichtsforschung zurechtgelegt: "Gegenwartsgeschichte" nennt er sie. Seit mehr als einem Jahrzehnt reist Garton-Ash nun schon von Ost nach West über den Kontinent - vom Streik der Solidarno's'c über die samtene Revolution in Prag zu den Granaten auf Sarajevo. Ungewöhnlich ist auch die Art, wie der Historiker seine Reisen dokumentiert: Als Essays im Londoner Independent oder in der New York Review of Books. In seinem jüngsten Buch "Zeit der Freiheit" sind diese Essays nun in einem Band versammelt. Von den ersten gesamtdeutschen Wahlen 1990 über die Sorgen der tschechischen und polnischen Dissidenten sowie das zerbombte Sarajevo bis zu den Flüchtlingstrecks der Kosovo-Albaner dokumentiert Garton-Ash die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Anekdoten und Reportagen.

Zehn Jahre, von denen Garton-Ash in Anlehnung an Charles Dickens "A Tale of Two Cities" meint: "Sie waren die besten Zeiten. Sie waren die schlechtesten Zeiten." Europa - vor allem die Staatsmänner der Europäischen Gemeinschaft, die eben im Begriff war, Union zu werden - hätte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Man hätte die osteuropäischen Staaten weitgehend ihrem Schicksal überlassen und sich auf die Schaffung einer Währungsunion mit nur wenigen Merkmalen einer gemeinsamen Außenpolitik konzentriert. Die Logik der Integration nach innen wollte einfach nicht mit jener der Integration der postkommunistischen Staaten zusammengehen. "Wir bastelten in Maastricht an einem Vertrag, während Sarajevo brannte", schreibt Garton-Ash in einem Essay aus dem letzten Jahr.

Sarajevo, Mostar, Pristina. Nichts von alledem, so der Historiker, sei unvermeidbar gewesen. Die Politik hätte jedoch die falschen Prioritäten gesetzt. Statt beide Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs auf ein respektables Wirtschaftsniveau anzuheben, kam man zu dem Schluss, dass das "gemeinsame Haus Europa (...) nichts dringender brauchte als eine nagelneue, computergesteuerte Klimaanlage im Westflügel". Doch hier liegt Garton-Ash mit sich selbst im Widerspruch, akzeptiert er doch an anderer Stelle die Dezentralisierung und Aufsplitterung in immer kleinere Staaten als "eine Gesetzmäßigkeit, einen Tanz nach der Musik Europas".

Dennoch versucht sich Garton-Ash erstmals daran, die Geschichte der Neunzigerjahre in Europa als eine Einheit zu betrachten - Sarajevo und Maastricht, Kosovo und Amsterdam zusammenzufügen. Und ganz ist Garton-Ashs These der Unvermeidbarkeit nicht von der Hand zu weisen. Gleich zu Beginn des Buches steht eine Zeittafel des Jahres 1990. Einer der ersten Einträge lautet: "Januar - Februar: Die Albaner im Kosovo protestieren gegen die Beraubung der Autonomie ihrer Region durch den Serben-Führer Slobodan Milosevic."

Patrik Volf in FALTER 43/1999 vom 29.10.1999 (S. 12)


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