Wer ist Jude? Wesen und Prägung eines Volkes.

von Arthur Hertzberg, Waltraud Heindl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Der Rabbiner und ehemalige Vorsitzende des American Jewish Congress Arthur Hertzberg hat sich auf provokante Weise der Frage gestellt, wer Jude ist.
Judesein heißt, sich von der Strömung des uralten Flusses, der immer weiterfließt, tragen zu lassen. Die Reise geht weiter." Mit diesem Wort der Zuversicht endet Arthur Hertzbergs gewagter, wahrhaft unorthodoxer Definitionsversuch des "jüdischen Charakters", der sich im Wesentlichen von Abraham - der "Urquelle der jüdischen Identität" - bis heute durchhalte. Anlass für dieses Buch, das der Religionswissenschaftler, Rabbiner und ehemalige Vorsitzende des American Jewish Congress zusammen mit Aron Hirt-Manheimer verfasste, ist die weltweit zu konstatierende Zerrissenheit in der jüdischen Gemeinschaft, die heute "die Zukunft des gesamten jüdischen Volkes" bedrohe: Orthodoxe lehnen die Zusammenarbeit mit konservativen Rabbinern und Reformjuden ab und tendieren dazu, allen modernen jüdischen Bewegungen die Legitimation abzusprechen.
Das betrifft die Nachkommen der Holocaust-Überlebenden, die nicht zuletzt mit der Gleichstellung der Frauen dabei sind, neue Wege im Judentum zu erschließen. In einer liberalen Gesellschaft aufgewachsen, wo "niemand mehr Jude sein muss", stehen zudem viele vor der Frage, warum sie sich dazu bekennen sollten. Auschwitz, dieser "Daseinskompass" (Heinz Galinski) der Überlebenden der Shoah, kann nicht mehr die einzige Orientierungskraft sein. Hinzutreten müssen religiöse oder zumindest kulturelle Konzepte.
Hertzberg, der nicht zulassen will, dass der "orthodoxe Machtapparat" für sich allein reklamiert, jüdische Identität zu definieren, liefert mit seinem Konzept des "jüdischen Charakters" einen so persönlichen wie provokanten Beitrag zu dieser Debatte. Er bestimmt den auf Abraham zurückgehenden "jüdischen Charakter" durch drei Züge: seine Erwähltheit, sein aufrührerisches Wesen und sein Außenseitertum. Zudem behauptet er, das aufrührerische Anderssein der Juden selbst sei es, das den Antisemitismus als Reaktion hervorrufe, aber freilich nicht rechtfertige. Wird einem zunächst ganz mulmig bei dieser Festschreibung jüdischen Wesens, so stellt sie sich nach und nach als Vehikel einer Befreiung heraus, die im Rückgriff auf die Quelle nach vorne gerichtet ist: Wer Jude ist, das entscheidet nicht der Fingerzeig der anderen, Judesein ist nicht, wie Sartre sagt, "Erfindung der Feinde", nicht Kainsmal.
"Die Juden sind ein Produkt ihrer selbst und existieren als Juden bis heute aus eigenem Entschluss." Damit leugnet Hertzberg nicht etwa die Erfahrung von Millionen europäischer Juden, die erst durch die Nazis auf ihr Judesein zurück- und in den Gaskammern umgebracht wurden, sondern hält im Gegenteil all denen, die einen Neuanfang als Juden wagen wollen und gerade aufgrund der Shoah mit dem Glauben Schwierigkeiten haben, den Zugang zur jüdischen Gemeinschaft offen. Anstelle der strengen orthodoxen Scheidung von "toratreuen Gläubigen" und "gottlosen Ketzern" setzt er die Unterscheidung von Juden, die zur Assimilation an die dominante Kultur bereit sind, und jenen, die an der Erwähltheit festhalten und ihr Judesein als Mut zur Differenz bezeugen, an der und durch die alle Humanität sich erweisen und wachsen muss. Aus dieser Perspektive lässt der "Chasside im modernen Gewand" - wie Hirt-Manheimer Hertzberg nennt - das Judentum als eine lebendige Tradition erscheinen, die nach Vertreibung und Vernichtung vom "rettenden Rest" stets von neuem bestimmt wird.
Hertzberg verleiht nicht nur großen jüdischen Gestalten - von Abraham über Mendelssohn, Trotzki bis Buber und Ben Gurion - eine Stimme, sondern wirft auch ein Licht in die Abgründe: Angefangen beim Hochmut, der in der Erwähltheit auch steckt, über den vernichtenden Messianismus der Westbanksiedler bis hin zur Qual des Selbsthasses bei Otto Weininger oder - humorvoll abgefedert - bei Woody Allen. Nicht zuletzt wegen dieser verblüffenden Offenheit verzeiht man diesem streitbaren Opus leicht, dass so manches zu kurz kommt.

Iris Buchheim in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 22)


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