Fleischeslust
Erzählungen

von T.C. Boyle

€ 20,50
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Übersetzung: Werner Richter
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 296 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.08.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Mit der Short-Story-Sammlung "Fleischeslust" bestätigt Tom Coraghessan Boyle seinen Rang als einer der führenden amerikanischen Erzähler.

Als Mike Bender in seiner Kindheit zum ersten Mal Henry Rider Haggards "Alain Quatermain, der weiße Jäger" und die klassische Comic-Version von "König Salomos Schatzkammer" liest, weiß er, dass er irgendwann einmal Löwen, Elefanten und Nashörner jagen wird. Einige Jahrzehnte später kommt er, jetzt erfolgreicher Immobilienmakler, mit Gattin Nicole und Tochter Jasmine Honeysuckle Rose auf "Puffs Afrika-Großwildranch", um sich den Traum von damals zu erfüllen. Auf dem tausend Hektar großen Grundstück in der Nähe von Bakersfield, Kalifornien, garantiert frei von Tsetsefliegen, schwarzen Mambas und Bürgerkriegen, lässt er sich von Bernard Puff, dem Betreiber der ganzen Angelegenheit, die Beute vor die Flinte treiben.
Als Bender jedoch, Aug in Aug mit dem alten Zirkuslöwen Claude, jämmerlich danebenschießt und von Puff gerettet werden muss, wird er von Versagensgefühlen überfallen und zieht sich zu allem Überfluss den Spott seiner Frau zu. Das Tier, das er kompensatorisch zur Strecke bringen will, ist Bessie Bee, das Elefantenweibchen mit nur einem Stoßzahn. Alles kommt, wie es kommen muss, und die Moral von der Geschicht liegt, wenn schon nicht auf der Hand, so zumindest in der Luft. Als Leser kommt einem das alles irgendwie bekannt vor, man sieht die Affenbrotbäume vor sich, das mannshohe Gras der Savanne, die Hälse der Giraffen, die darüber hinausragen, und am Horizont sieht man schließlich den Berg, den Kilimandscharo, mit einem Häubchen Schnee ganz oben. Man kramt in der Bibliothek, liest nach und hat mit einem Mal die Szene vor Augen, wie Boyle vor good old Ernest Hemingway, dem heuer Hundertjährigen, einen tiefen Kratzfuß vollführt, ein winziges ironisches Lächeln im Gesicht. Hätte also Mike Bender rechtzeitig an der richtigen Stelle nachgelesen, wäre ihm von vornherein klar gewesen, wie so eine Sache nur ausgehen kann. Dies ist die erste der Geschichten.
Frösche sterben aus oder doch nicht ganz; Zwangsneurotiker lassen sich durch eine Art psychotherapeutischen Entrümpelungsdienst heilen; zwei Mafia-Bosse gehen in unüblicher Weise aneinander zugrunde. Ein Footballteam mobilisiert die letzten Reserven, um nicht ein zweites Mal 0:56 zu verlieren; Byrd the Third, der demente Sohn des größten Polarfliegers aller Zeiten, erfriert, nachdem man ihn bis aufs Hemd ausgeraubt hat, in einer Lagerhalle, und eine einsame Brandwächterin beobachtet hoch oben in den Rocky Mountains von ihrem Wachturm aus die Annäherung eines seltsamen Verehrers.
In der Titelerzählung – jener der deutschsprachigen Ausgabe; das Original heißt, viel schöner, "Without a Hero" – lernt der fleischmäßig unbedarfte Held eine Veganerin (verboten: Fleisch, Fisch, Eier, Käse, Milch, Pelz, Wolle, Leder) kennen, tauscht Fleisch gegen Fleischeslust, befreit ihr zuliebe tollkühn eine Tausendschaft Truthähne und muss am Ende zur Erkenntnis gelangen, dass manchmal nichts über einen saftigen Hamburger geht.
In meiner Lieblingsgeschichte, "Höhere Gewalt", kommt Willis, ein fünfundsiebzigjähriger Baumeister, "dessen Hüftgelenke so wackelig waren, dass er nur im Stehen arbeitete, weil er Angst hatte, er könnte einmal aus dem Stuhl nicht mehr hochkommen", mit zwei elementaren Gewalten in Kontakt: mit der eruptiven Wut seiner Gefährtin Muriel angesichts sowohl des falschen Frühstücksbrotes als auch einer vermeintlich defekten Original-Heim-Wetterstation sowie mit dem Hurrican Leroy, der ihn auf dem Weg zur Post überrascht. Willis findet Schutz in den Räumen des Postgebäudes. Als der Spuk einige Stunden später vorüber ist, fährt er durch eine für sein Baumeisterauge vorerst gar nicht so arg zerstörte Stadt nach Hause. Dann allerdings: "Es war nichts mehr da. Nichts. Wo keine Stunde zuvor das Haus gestanden hatte, die hohe Ulme und die Doppelgarage mit seiner Werkbank, seinen Werkzeugen und allem anderen, war nur mehr ein leerer Fleck. (...) Er dachte an Muriel. Muriel. Sie war, sie war ..." Ja, wo war Muriel?

T.C. Boyle setzt mit vorliegendem Buch sein literarisches Lebensprojekt in eindrucksvoller Weise fort. Er versieht die kleineren Schrullen der Menschen mit ein wenig greller Farbe oder stellt, andererseits, das wirklich Verrückte in seiner Normalität dar. Er entwirft ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft, indem er sich schreibend ihre Ränder entlangbewegt. Er berichtet über
Einwanderer, Drogensüchtige, Geisteskranke, Gewalttäter, Alte, Einsame oder sonstwie Armselige, stets ohne Schonung eitler amerikanischer Selbstkonzepte.
Boyle ist, im eigentlichen Sinn, ein literarischer Grenzgänger, ein Landvermesser, der sich in schwindelnde Höhen begibt und in Abgründe, ganz wie es die Route vorsieht. Er formt die Dinge, die auf dieser Reise in seinen schrägen Blick geraten, sowohl zu großen Romanen (zuletzt "Riven Rock") als auch, wie in vorliegendem Band, zu knappen, pointierten Short Storys. Boyle lebt in Montecito und unterrichtet an der Universität von Los Angeles Literatur. Er sperrt sich nicht ein, prügelt keine Journalisten aus dem Haus und zählt dennoch längst zu den Großen der amerikanischen Literatur.

Paulus Hochgatterer in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 11)


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